Porträt der Woche

Zufluchtsort Musik

»Bis zum Abitur hatte die Musik oberste Priorität für mich«: Naomi Shamban (35) Foto: privat

Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinen Eltern von Los Angeles in eine kleine Stadt nach Schleswig-Holstein zog. Ich war damals 13 Jahre alt, es sollte ein Kulturschock sein. Zuvor war ich auf der Junior High School in den USA, wo ich viele Freunde hatte, dann kam ich an ein recht anspruchsvolles Gymnasium ins nördlichste Bundesland Deutschlands.

Damals sprach ich kein Deutsch, natürlich kannte ich auch niemanden. Meine einzigen Deutschkenntnisse bezogen sich auf den Text aus Mozarts Zauberflöte. Umso mehr war ich überrascht, dass die anderen in der Schule keine Ahnung von Mozart, Bach oder Beethoven zu haben schienen. Bis dahin war ich der Auffassung, dass jeder in Deutschland kultiviert und an klassischer Musik interessiert sei.

Eine Zeit lang war ich sehr einsam. Die Musik war eine Zuflucht für mich. Seit meinem sechsten Lebensjahr spiele ich Klavier. Meine zweite Liebe gilt dem Gesang. Heute singe ich – neben meinem Beruf als Korrepetitorin und Pianistin – in einem kleinen privaten Singkreis in meiner Wahlheimat Dresden. Schwerpunkt sind die Lieder von Naomi Shemer. Meinen Vornamen habe ich ihr, der First Lady des israelischen Liedes, zu verdanken.

Die Musik hat schon immer eine zentrale Rolle in meiner Familie gespielt. Meine Eltern waren beide Berufsmusiker und kamen aus der klassischen Musik. Meine Mutter hat Geige gespielt, mein Vater ist ein bekannter Cellist, beide haben in Los Angeles als Filmmusiker gearbeitet. Damals gab es noch große Filmorchester, und sie haben an der musikalischen Untermalung vieler großer Hollywood-Produktionen mitgewirkt.

Meine Mutter kommt ursprünglich aus Seoul, der Hauptstadt Südkoreas

Meine Mutter kommt ursprünglich aus Seoul, der Hauptstadt Südkoreas, mein Vater hingegen wurde in Israel geboren. Er ist im Kibbuz Givat Brenner aufgewachsen, nur vier Kilometer südlich von Rechovot und 28 Kilometer von Tel Aviv entfernt. Seine Mutter, meine Safta, Leah Shamban, geborene Gutstein, kam 1921 in Düsseldorf zur Welt, wo ihre Eltern vor dem Zweiten Weltkrieg ein Geschäft für Herrenausstattung führten.

Nach einem tragischen Zwischenfall, der meiner Urgroßmutter Bluma vor Augen führte, dass sie als Jüdin in Deutschland nicht länger sicher war, ist sie im November 1933 mit ihrem zweiten Mann Chaim Strikovsky und ihrer Tochter, meiner Großmutter, ins damalige Palästina geflohen. Ihr erster Mann war bereits kurz nach der Geburt von Leah verstorben.
Mein Stief-Urgroßvater war von einem Nazi verhaftet und schwer gefoltert worden, nachdem er Flugblätter verteilt hatte. Sie wollten ihn zu Tode prügeln, davon hat er sich nie wieder erholt. Zwei Jahre nach der Flucht nach Palästina ist er an seinen Verletzungen verstorben. Diesem schrecklichen Vorfall haben wir es zu verdanken, dass meine Großmutter aus Deutschland geflohen ist und die Schoa überlebt hat.

Wer diesen Job machen will, muss Stimmen und auch Menschen lieben.

Der Bruder meiner Urgroßmutter hingegen ignorierte all ihre Warnungen. Er hoffte, dass sich die Situation beruhigen werde. Dieser Teil meiner deutsch-jüdischen Vorfahren hat den Holocaust nicht überlebt. Das alles habe ich erst spät erfahren. Denn bis ins hohe Alter schwieg meine Großmutter über die Vergangenheit. Erst sehr spät hat sie uns Enkeln davon erzählt. Vor Kurzem ist meine Safta verstorben, sie wurde 102 Jahre alt. Neben meinem Vater hatte sie drei weitere Kinder. Zwölf Enkel und 26 Urenkel gibt es heute. Einige leben in Israel, andere sind in alle Welt verstreut.

Israel war für mich immer ein Ort, den wir einmal im Jahr in den Sommerferien besucht haben, um unsere Verwandten zu sehen. Somit bin ich neben dem Englischen auch mit Hebräisch aufgewachsen, das wir vor allem zu Hause sprachen. Später, als Deutsch hinzukam, entdeckte ich, dass meine Großmutter immer noch das reinste Hochdeutsch sprach, was sie als echte Jeckin niemals mit Jiddisch vermischt hätte.

Kurz vor meiner Geburt ist meine Mutter meinem Vater zuliebe zum Judentum konvertiert. Es muss unmittelbar zuvor gewesen sein, denn auch ich nahm als winziges Baby an ihrem Bad in der Mikwe teil. Meine Eltern hatten sich in Amerika an der Yale University kennengelernt und später in Deutschland dann getrennt.

Für ein reines künstlerisches Pianisten-Dasein war ich ein bisschen zu faul

Was meine Berufswahl betraf, haben meine Eltern mir immer gesagt: Du musst nicht Berufsmusikerin werden. Aber wenn Musik, dann bitte richtig. Das beinhaltete viel Disziplin und bedeutete Druck. Bis zum Abitur hatte die Musik oberste Priorität für mich. Sie war mir wichtiger als irgendwelche Schulnoten. Ab dem 15. Lebensjahr ging ich parallel zur Schule als junge Studentin nach Lübeck an die Musikhochschule. Bei Konstanze Eickhorst erhielt ich Klavierunterricht. Mittwochs bin ich mit der Bahn vom Kreis Pinneberg eine Stunde dorthin gependelt.

Mit ihr habe ich irgendwann Gespräche über meine Zukunft geführt. Sie schlug vor, ich könne doch Repetitorin werden. Sie wusste ja, wie gern ich Sänger begleitete. Solche Leute würden immer am Musiktheater gebraucht. Für ein reines künstlerisches Pianisten-Dasein war ich, ehrlich gesagt, ein bisschen zu faul.

Von dieser neuen Idee war ich sogleich begeistert und habe recherchiert, welche Universität einen solchen Studiengang anbietet: Es war nur in den neuen Bundesländern möglich. 2009 konnte ich mich dann für ein Studium in Dresden einschreiben. Eine Wahl, die ich nie bereut habe. Im ersten Studienjahr habe ich ein Praktikum an der Semperoper absolviert, dort habe ich meinen künftigen Mann kennenlernt. Inzwischen haben wir zwei Kinder, mein Sohn ist acht, meine Tochter sechs Jahre alt. Beide spielen ein Instrument und wachsen im jüdischen Glauben auf.

Mein Mann ist protestantisch groß geworden. Vor unserer Hochzeit hatten wir ein Gespräch mit dem Rabbi, und mein Mann sagte ausdrücklich, er wolle nicht konvertieren, er habe seinen Glauben. Der Rabbi hat unsere Mischehe akzeptiert, er sagte: »Mir ist ein aufrichtiger Christ lieber als ein falscher Jude.«

Alle haben eines gemeinsam: die Liebe zur Musik.

Wir geben unsere Kinder zu Chabad Lubawitsch, wo sie die Sonntagsschule besuchen. Unsere Entscheidung fiel für Chabad, weil wir das unglaubliche Glück haben, dort ein ganz tolles Rabbiner-Ehepaar zu haben: Shneor Havlin und seine Frau Chani.

Meine beruflichen Stationen haben mich bislang an die Staatsoper Hamburg, an das Theater Hof, an die Staatsoperette Dresden, an die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden und ans Tschechische Nationaltheater nach Brünn geführt. Letzteres war eine tolle Erfahrung. Bei der Semperoper bin ich nun als Solo-Repetitorin fest angestellt.

Wir arbeiten mit den Solistinnen des Ensembles, begleiten die Regie, sind Assistenten der Dirigenten. Beruflich betreue ich ausschließlich klassische Sänger. Das Gute ist, dass Sänger viel später anfangen können als Instrumentalisten. In unserem Ensemble haben wir auch ehemalige Handwerker, Buchhalter, Maschinenbauer. Und alle haben eines gemeinsam: die Liebe zur Musik. Wer diesen Job machen will, muss Stimmen und auch Menschen lieben. Es handelt sich wirklich um einen Helfer-Beruf. Vor allem muss man durchsetzungsfähig und einfühlsam sein.

Der 7. Oktober 2023 hat mich dem Judentum noch nähergebracht. Seit diesem Tag lese ich jeden Tag die Psalmen, das ist mir ganz wichtig geworden. Als ich begann, mich intensiver mit der Geschichte des Judentums zu beschäftigen, musste ich feststellen, dass ich noch einige Lücken in Bezug auf historische Entwicklungen hatte, die ich gern schließen möchte. Ich poste auch viel darüber in den sozialen Medien, aber es macht mir Sorgen, was die Algorithmen betrifft. Man sollte niemals einen Instagram-Feed mit der Wahrheit verwechseln.

Unsere Wohnung beherbergt neben uns noch zwei Katzen und zwei Klaviere

Neben der Musik koche ich oft, vor allem asiatisch. Ohne meinen Wok geht gar nichts. Wir sind auch wahnsinnig viel mit der Familie in der Natur unterwegs, wandern oder fahren Rad, wir besitzen nicht einmal ein Auto. Ich sticke für mein Leben gern, das ist beruhigend. Außerdem habe ich eine Schwäche für historische (damals noch) tschechoslowakische Märchenfilme.

Dresden ist eine wunderschöne Stadt, alles ist gut zu erreichen, und wir leben in einem Stadtteil mit einer toleranten Community. Im Haus gibt es einen Drummer und einen Musikproduzenten. Deshalb hat auch niemand ein Problem damit, wenn bei uns viel geübt wird. Unsere 90 Quadratmeter große Wohnung beherbergt neben uns und den Kindern noch zwei Katzen und zwei Klaviere, da sich keiner von seinem Instrument trennen wollte.

Aufgezeichnet von Alicia Rust.

Frankfurt

Ein Abend – trotz allem

Im Philanthropin sprachen die Schoa-Überlebende Eva Szepesi und Ella Shani, eine Überlebende des 7. Oktober, über Zeitzeugen, Schüler und Erinnerungen

von Raquel Erdtmann  12.02.2026

Karneval

Ganz schön jeck

Die Düsseldorfer Gemeinde lud zum traditionellen Prinzenpaarempfang. Sie will damit ein Zeichen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt setzen

von Jan Popp-Sewing  12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Kultur

Ensemble, Schmäh und Chalamet: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. Februar bis zum 18. Februar

 11.02.2026

Erinnerung

Verantwortung lebt weiter

In Dachau fand kurz vor dem Internationalen Holocaust-Gedenktag erstmals ein »March of the Living« statt

von Esther Martel  09.02.2026

Lerntool

Timothée Chalamet, Batmizwa und eine Davidstern-Kette

»Sich be-kennen«: Der Zentralrat der Juden bietet einen interaktiven Onlinekurs über die Vielfalt des Judentums für Schulen und interessierte Gruppen an

von Helmut Kuhn  09.02.2026

Berlin-Neukölln

Kritik am Kandidaten

Ahmed Abed sorgte jüngst für einen Eklat, als er einen israelischen Gast als »Völkermörder« beschimpfte. Doch bei der Linkspartei steht der Politiker mit palästinensischen Wurzeln hoch im Kurs

von Imanuel Marcus  09.02.2026

Restitution

Uni Frankfurt übergibt erstmals NS-Raubgut an Jüdische Gemeinde

Seit gut fünf Jahren durchforstet die Universitätsbibliothek in Frankfurt ihre Bestände systematisch nach Raubgut aus der NS-Zeit. Das Projekt trägt nun Früchte - und ist noch lange nicht abgeschlossen

 09.02.2026

Berlin

Lesen, Lernen, Spaß

Der Saftblatt-Baum stand im Mittelpunkt der Erzählstunde des Projekts PJ Library

von Naomi Gronenberg  08.02.2026