Brühl

»Zu provokant«: Davidstern bei Pogrom-Gedenken unerwünscht

Eine Flagge mit der Aufschrift »Wir schützen jüdisches Leben« sorgte ausgerechnet bei einer Gedenkveranstaltung für die Novemberpogrome für Aufregung Foto: Hans-Peter Brodüffel

Es ist eine schlichte weiße Fahne, die eine Frau bei einer Gedenkveranstaltung für die Novemberpogrome in Brühl (NRW) am Samstag hält: »Wir schützen jüdisches Leben«, steht darauf. Zwischen den Zeilen ist ein von einem Herz umrandeter Davidstern aufgemalt. Doch in Brühl ist die Botschaft an diesem Abend nicht gern gesehen. Ein Vertreter der Initiative für Völkerverständigung, die die Kundgebung am Rathaus organisiert hat, kommt auf die Frau zu und fordert sie auf, die Flagge sofort wegzupacken. Sie sei »zu provokant«, behauptet der Mann. So schildern es Teilnehmer der Kundgebung gegenüber der Jüdischen Allgemeinen.

Doch die Frau lässt sich von der Aufforderung nicht beirren. Demonstrativ stellen sich die stellvertretende Bürgermeisterin Pia Regh (CDU) und Sabine Suchan, Leiterin der Brühler Gesamtschule, hinter die Fahne. Als ein Journalist die Szene fotografieren will, wird er von dem Vertreter der Initiative für Völkerverständigung angegangen.

Der Rest der Veranstaltung geht ohne die Frau weiter, aber dafür – wie in den vergangenen Jahrzehnten – ganz nach Drehbuch: Nachdem Bürgermeister Dieter Freytag (SPD) mit Kippa auf dem Kopf der Brühler Opfer des Nationalsozialismus gedacht hat, brechen die Kundgebungsteilnehmer zu einem Schweigegang auf. Sie tragen Schilder, auf denen »Gemeinsam gegen Rassismus, Terror und Gewalt« oder »Erinnerung an die Reichspogromnacht« steht. Plakate, die sich explizit gegen Antisemitismus richten, soll es nicht gegeben haben. Der Marsch endet an einer Gedenkstätte für die zerstörte Synagoge. Dort werden Kerzen für die 65 von den Nazis ermordeten Juden entzündet. Unter einem Davidstern.

Flagge hat angeblich nichts mit Erinnerungskultur zu tun

Der Eklat aber, über den zuerst die »Rheinischen Anzeigenblätter« berichtet haben, sorgt in der Stadt auch über das Wochenende hinaus für Diskussionen. Auf der Facebook-Seite der Initiative für Völkerverständigung kritisieren Brühler die Organisatoren für den Versuch, die Flagge für den Schutz jüdischen Lebens zu verbieten. Karin Tieke, Sprecherin der Initiative, rechtfertigt sich in einem Kommentar: »Grundsätzlich ist der Schweige­gang eine Gedenkveranstaltung zum Judenpogrom und zur Verfolgung aller Zivilisten unter einem totalitären Regime, und keine Demonstration zur Tagespolitik. Wer einen aktuellen Bezug herstellen möchte, muss das bitte rechtzeitig im Vorfeld mit den Organisatoren besprechen.«

Lesen Sie auch

Harry Hupp, Tiekes Stellvertreter und Stadtratsverordneter in Brühl (Piraten), sieht nicht, was ein Banner für den Schutz jüdischen Lebens mit der Erinnerung an ein Pogrom gegen Juden zu tun hat: »Wo liegt der Zusammenhang des Plakates zur Erinnerungskultur?«, fragt er. Hupp hätte sich vielmehr einen Aufruf zur Völkerverständigung gewünscht: »Eine Aussöhnung von Juden und Palästinensern hätte da als Text des Plakats besser gepasst.« Unklar bleibt, inwiefern die Fahne einen »Bezug zur Tagespolitik« darstellt oder warum eine Aussöhnung »von Juden und Palästinensern« keinen solchen darstellt. Die Initiative ließ eine entsprechende Anfrage der Jüdischen Allgemeinen unbeantwortet.

Bürgermeister Freytag teilte der Jüdischen Allgemeinen mit: »Es handelt sich um einen – aus meiner Sicht – unnötigen Konflikt zwischen der Initiative und der Brühlerin. Leider waren am Abend des 9. November die Emotionen so stark, dass eine sachliche Klärung der Positionen nicht möglich war.«

Hinweis: Nach Veröffentlichung dieses Artikels nahm die Brühler Initiative für Völkerverständigung gegenüber der Jüdischen Allgemeinen Stellung. Sie finde »den Davidstern in keiner Weise provokant und auch nicht die auf dem Transparent zu lesende Aussage ‚Wir schützen jüdisches Leben‘.«

Und weiter: »Entgegen Ihrer Darstellung sind nicht wir auf die Frau mit dem Transparent zugegangen, sondern sie hat uns kurz vor der Veranstaltung angefragt. Aus gegebenem Anlass gibt es unter den Aufrufenden des Schweigegangs die Absprache, nur zuvor abgesprochene Aussagen auf Transparenten mitzuführen. Wir baten sie daher, das Transparent nicht zu zeigen. Daraufhin beschimpfte die Dame mich und den Sprecher der Initiative in übelster Weise als Antisemiten.«

Der Initiative zufolge handele es sich um einen »herbeigeschriebenen Eklat«, den es so nicht gegeben habe, da das Transparent gut sichtbar neben der Bühne gezeigt worden sei.

Programm

Summer Open Airs in Frankfurt und Hannover, und ein Rendezvous für Hercule Poirot - mit einer Leiche

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 13. August bis zum 20. August

 12.08.2026

Wiesbaden

Hessen verlängert Staatsvertrag mit jüdischen Gemeinden

Die Zahlungen an jüdische Gemeinden steigen schrittweise

 12.08.2026

Brandenburg

Cyberangriff auf Gedenkstätten

Immer wieder schädigen Ransomware-Attacken Behörden, Krankenhäuser und andere Einrichtungen. In Brandenburg ist nun die Gedenkstätten-Stiftung betroffen

 11.08.2026

Gedenken

Stolpersteine für jüdische Familie Frank in Erfurt

Als Zwölfjährige wurde Ingeburg Geißler nach Theresienstadt deportiert. Jahrzehnte später erzählt sie von ihrem Schicksal. Ihre Stimme soll nun bei der Gedenkveranstaltung erklingen

 11.08.2026

Porträt der Woche

Aus Erfahrung handeln

Marina Koren hat Ausgrenzung erlebt und unterstützt heute Betroffene von Hassgewalt

von Gerhard Haase-Hindenberg  09.08.2026

München

Klassiker des Humors

Im früheren Gemeindehaus in der Reichenbachstraße sorgte ein Abend mit Sketchen in jiddischer Sprache für Spaß und Unterhaltung

von Ellen Presser  09.08.2026

Porträt

Stil auf Rädern

Der Swing-Musiker Andrej Hermlin sammelt Oldtimer – und fährt sie, statt sie nur in der Garage zu bewundern. Ein Besuch in Pankow

von Imanuel Marcus  09.08.2026

Karlsruhe

Altes Amt mit Zukunft

Die Jüdische Kultusgemeinde ernannte erstmals einen Oberrabbiner, erinnerte an 55 Jahre Gemeindehaus und gab ihrer Synagoge den Namen eines berühmten Gelehrten der Stadt

von Mascha Malburg  09.08.2026

Reformpläne

Hilfe im Alltag

Familien mit behinderten Kindern sorgen sich, dass ausgerechnet die Unterstützung gekürzt wird, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht

von Christine Schmitt  05.08.2026