München

Zerstörerisches System

Peter Neumann weitete in seinem Vortrag den Blick über die jüngsten Ereignisse hinaus auf die Grundlagen der Hamas. Foto: IKG München und Oberbayern/Marcus Schlaf

Der beispiellose iranische Angriff auf Israel lag erst wenige Tage zurück, als der Professor für Sicherheitsstudien am Kingʼs College London und Terrorismusexperte Peter Neumann im Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern zu Gast war, um über Hintergründe und Strukturen der Hamas zu sprechen. Die Themen hängen zusammen, denn wie Neumann darlegte, ist der Iran mit zuletzt 120 Millionen Dollar pro Jahr Hauptgeldgeber der palästinensischen Terrororganisation. Noch immer werden von der Hamas 134 Israelis im Gazastreifen festgehalten.

Zu dem Vortrag eingeladen hatten neben dem Kulturzentrum der IKG unter Ellen Presser der Antisemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, Ludwig Spaenle, und die Deutsch-Israelische Gesellschaft AG München mit ihrer neuen Vorsitzenden Bettina Nir-Vered. Unter den zahlreichen Zuhörern im restlos gefüllten Hubert-Burda-Saal waren neben Vertretern diverser Ministerien des Freistaates Bayern auch der Kulturreferent der Landeshauptstadt, Anton Biebl, und die Vizekonsulin des Staates Israel für Süddeutschland, Kasa Bainesay-Harbor.

Emotionale Begrüßung

In einer eindrücklichen und emotionalen Begrüßung berichtete zunächst Ludwig Spaenle von seinem Besuch im Kibbuz Nir Oz, in dem die Hamas-Terroristen am 7. Oktober ein Massaker verübt hatten. Ganze Familien waren dabei ermordet, Häuser in Brand gesteckt und zahlreiche Menschen in den Gazastreifen verschleppt worden. »Was ich dort gesehen habe, lässt mir heute noch den Atem stocken«, so Spaenle: »Ein Ausmaß an entfesselter Gewalt, das unsagbar ist.«

Auch die Münchner DIG-Vorsitzende Bettina Nir-Vered kam in ihrer Einführung auf die neue Gewaltdimension des Terrorismus zu sprechen. Unter Bezug auf Neumanns Bestseller Die neuen Dschihadisten zitierte sie die vom Al-Qaida-Strategen Abu Bakr Naji gegen den Westen geforderte »Phase der Grausamkeit«, nach deren Prinzip auch die Hamas verfahren sei. Wie Neumann darlege, müsse der Terrorismus als unverhohlener Angriff auf die »westliche Ordnung samt all ihrer etablierten Mechanismen der Friedenssicherung« verstanden werden.

Neumann selbst weitete in seinem Vortrag den Blick über die jüngsten Ereignisse hinaus auf die Grundlagen der Organisation Hamas. Um die 1987 gegründete Gruppe zu begreifen, müsse man ihre Funktionsweisen verstehen, denn die Hamas sei weit mehr als eine Terrororganisation. Mindestens fünf Gesichter müssten unterschieden werden, durch die die Organisation in Gaza tief verankert sei. Kraft der religiösen Betätigung, die sich etwa in eigenen Hamas-Moscheen äußere, werde eine Legitimierung im religiösen Bewusstsein der Bevölkerung erreicht. Über von der Hamas betriebene Kindergärten und Schulen könne ideologische Indoktrination mit einem sozialen Gesicht verbunden werden.

Die Terrororganisation ist durch verschiedene Aktivitäten tief in Gaza verankert.

Als politische Partei wiederum suche die Hamas, anders als etwa der Islamische Staat, auch eine gesellschaftliche Legitimation. Dies habe seit den Wahlen 2006 zur Folge, dass die Organisation zusätzlich als Regierung auftritt und so nicht nur die Sicherheitskräfte im Gazastreifen kontrolliere, sondern auch Steuern und Gebühren einnehme. Mit dem militanten Flügel inszeniere sich die Hamas als Verteidiger der Palästinenser und betreibe so eine aktive Täter-Opfer-Umkehr. Diese sehr unterschiedlichen Legitimationsquellen machten es schwer, die Organisation allein militärisch zu bekämpfen.

Ablehnung des israelischen Existenzrechts

Wie Neumann weiter hervorhob, ist die Hamas als palästinensischer Ableger der 1928 gegründeten Muslimbruderschaft Teil eines internationalen Netzwerks. Die hauptsächlichen Financiers wie Iran und Katar verbinde die Ablehnung des israelischen Existenzrechts. Insgesamt präsentiere die Hamas sich als eine in diverse Machtzentren aufgespaltene Formation, die durch ein sowohl nationalistisches als auch islamistisches Programm mit einer antisemitischen Charta zusammengehalten werde.

Das wichtigste Machtzentrum, so Neumann, sei indes seit dem 7. Oktober klar: »Die Geiseln sind momentan das größte Kapital, das die Hamas hat. Derjenige, der über die Geiseln entscheidet, entscheidet über die Organisation. Der mächtigste Mann in der Hamas ist damit aktuell Yahya Sinwar.«

Für Israel stelle die Hamas ein Dilemma dar, da ein dauerhafter Frieden mit ihr quasi unmöglich sei, ein militärischer Sieg über sie aufgrund der breiten Verankerung in Gaza aber ebenso wenig absehbar. Ein Abend mit außerordentlich hoher Informationsdichte endete somit ergebnisoffen, was sich auch in der anschließenden, sehr lebhaften Fragerunde widerspiegelte.

Tu Bischwat

Erste Blätter

Wie stellen sich jüdische Kinder das Neujahrsfest der Bäume vor? Wir haben einige Mädchen und Jungen gebeten, für uns zu malen

 02.02.2026

Berlin

Lehrerin und Heimatforscher mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die US-amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr wurden vier Personen und eine Initiative geehrt

 01.02.2026

Porträt der Woche

Willkommen zu Hause

Laurette Dassui wuchs in Paris auf und entdeckte in Berlin ihr Jüdischsein neu

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.02.2026

München

Wege aus dem Hass

Der amerikanisch-israelische Psychologe Dan Ariely und Guy Katz sprachen im »Prof-Talk« über Antisemitismus aus unterschiedlicher Perspektive

von Esther Martel  31.01.2026

Politik

Aus ihren Leben

Die Ausstellung »An eine Zukunft glauben ...« stellt jüdische Biografien der parlamentarischen Gründergeneration vor

von Katrin Richter  30.01.2026

München

Brandstifter von jüdischem Altenheim 1970 womöglich ermittelt  

56 Jahre nach einem Anschlag auf ein jüdisches Altenheim in München verdächtigen Ermittler nun einen schon verstorbenen Neonazi. Was sie auf dessen Spur führte

von Hannah Krewer  30.01.2026

Interview

»In eine Synagoge bin ich das erste Mal in Deutschland gegangen«

Ab den 90er-Jahren fingen viele sowjetische Juden in Deutschland noch einmal von vorn an. Sind sie angekommen? Ein Gespräch über Flüchtlingsheime, nicht anerkannte Diplome und die Wiederentdeckung jüdischer Traditionen

von Mascha Malburg  29.01.2026

Meinung

Die Täter müssen sich schämen

Ein Missbrauchsskandal erschüttert derzeit die jüdische Gemeinschaft Deutschlands. Wer solche Taten besser verhindern will, muss Betroffene in die Lage versetzen, angstfrei über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen zu können

von Daniela Fabian  29.01.2026

Urteil

Fristlose Kündigung eines Rabbiners bestätigt

Die Jüdische Gemeinde Berlin hatte im Sommer 2023 einem Rabbiner wegen sexueller Übergriffigkeit fristlos gekündigt. Eine Klage des Mannes dagegen wurde jetzt auch in zweiter Instanz zurückgewiesen

 29.01.2026