Debatte

Schulen legen Namen von Antisemiten und Eugenikerinnen ab

Schnee bedeckt die Bäume rund um das Herbartgymnasium im Stadtzentrum. Im Jahr 1988 wurde das allgemeinbildende Gymnasium von Hindenburg-Schule in Herbartgymnasium umbenannt. Foto: picture alliance / Hauke-Christian Dittrich

In das Leben einer historischen Persönlichkeit zu tauchen, kann ungemein spannend sein. Für Sven Brockmeier gilt dies zum Beispiel in Bezug auf die 1831 geborene Frauenrechtlerin Hedwig Dohm. Intensiv hat er sich mit der Berlinerin befasst. Was nicht von ungefähr kommt: Brockmeier leitet in Stuttgart eine Berufliche Schule für Ernährungswissenschaft und Hauswirtschaft, die nach Hedwig Dohm benannt ist. Sein Ziel ist es, deren Geist im Schulleben lebendig werden zu lassen.

Für Brockmeier bieten Persönlichkeiten als Namensgeber von Schulen eine Möglichkeit, Werte im Schulalltag zu verankern. »Wir können heute immer noch auf das rekurrieren, was Hedwig Dohm vor über 150 Jahren visionär vorgedacht hat«, sagt er. Dohm gilt als überzeugte Pazifistin und Vordenkerin der Frauenbewegung. Sie setzte sich für das Frauenwahlrecht und freie Bildung aller Geschlechter ein. Auch die Stuttgarter Schule will für eine gute Bildung aller sorgen.

Letzteres laut Brockmeier nicht zuletzt mit Blick auf marginalisierte Gruppen wie Schülerinnen mit Migrationshintergrund.

Kritisches Nachdenken über Namensgeberin

Zwei vergleichsweise neue Veranstaltungsreihen entwickelten sich zu Treffpunkten im Geiste Dohms. Bei der Reihe »Hedwig Dohm trifft « lernen die Schüler heutige Menschenrechtler kennen: »Letztes Jahr war Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg, bei uns«, berichtet Brockmeier. In der Reihe »Hedwig Dohm bildet « erfahren Lehrkräfte, wie sie ihren Unterricht noch besser gestalten können.

Immer wieder kommt es vor, dass auf Persönlichkeiten, die wegen ihrer Taten oder Gedanken jahrzehntelang gewürdigt wurden, ein Schatten fällt, durch neue Erkenntnisse oder wiederentdeckte Informationen. Das ist einer von mehreren Gründen, warum Schulen umbenannt werden. So wurden in Hamburg seit 2015 laut der Schulbehörde der Hansestadt 14 Schulen umbenannt.

Die Ellen-Key-Schule in Berlin-Friedrichshain, zu DDR-Zeiten Oleg-Koschewoi-Oberschule, setzt sich in einem offenen Prozess kritisch mit ihrer Namensgeberin auseinander. In einem Rundschreiben vor gut drei Jahren erklärte Schulleiterin Katrin Hannusch-Schmandt zur Namenspatronin der Schule: »Aussagen in ihrem berühmtesten Buch ‚Das Jahrhundert des Kindes‘ ließen uns sehr nachdenklich werden.« Hinter Keys Reformpädagogik stehe die Schule nach wie vor, die von der 1849 geborenen Schwedin befürwortete Schaffung idealer Menschen hingegen werde inzwischen äußerst kritisch gesehen. Key war für Sterilisation und Eugenik.

Manche Namensgeber gerieten in Verruf

In Glesch, einem Stadtteil von Bergheim im nordrhein-westfälischen Rhein-Erft-Kreis, will sich die Hermann-Gmeiner-Schule so schnell wie möglich umbenennen. Dem 1986 gestorbenen Gründer des SOS-Kinderdorfs werden sexueller Missbrauch und physische Gewalt gegen acht Jungen in den 1950er bis 80er Jahre angelastet. Über einen neuen Namen stimmt sich die Schulleitung gerade mit dem Schulträger und der Schulaufsicht ab.

In Bargteheide in der Hamburger Metropolregion änderte die Emil-Nolde-Schule vor kurzem ihren Namen. Die historische Forschung bezeichnet den bewunderten Maler inzwischen als antisemitisch. Am 5. November erhielt die Schule das Okay, sich in »Grundschule Brektehegel« umzubenennen.

Laut Sebastian Engelmann von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, der sich mit Schulnamen beschäftigt, gibt es zwar keine harten Daten aus bundesweiten Studien darüber, inwieweit Namensgeber von Schulen das Schulleben beeinflussen. Er selbst kenne durchaus Schulen, deren Name reines Pro-forma sei.

Hin und wieder ein Risiko eingehen

Beim Würzburger Dag-Hammarskjöld-Gymnasium, benannt nach dem ehemaligen UN-Generalsekretär und Friedensnobelpreisträger, ist das aber nicht so. Wie Sabine Heckmann vom Leitungsteam des evangelischen Gymnasiums erklärt, lernten die Schülerinnen und Schüler hier, dass es gut sei, im Geiste Hammarskjölds hin und wieder ein Risiko einzugehen.

Dies geschieht laut Heckmann unter anderem bei einer jährlichen Aktion. Kleine Schülergruppen reisen dabei miteinander: »Sie müssen Menschen ansprechen, ob sie bei ihnen gegen kleine Hilfeleistungen übernachten dürfen.« Die Schüler werden außerdem dazu angehalten, sich außerhalb der Schule zu engagieren. »Ein Kind, das in einem Hochhaus lebt, kam auf die Idee, jeden Samstag bei alten Menschen zu klingeln und zu fragen, ob es den Müll hinunterbringen soll«, schildert Heckmann ein Beispiel.

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