Soziale Medien

Zeit zum Ausloggen

Der 10. Dezember 2025 ist ein Datum, das viele Teenager wohl nicht so leicht vergessen werden. Denn an jenem Mittwoch trat ein Gesetz in Kraft, das es Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren verbietet, eigene Konten auf vielen großen Social-Media-Plattformen zu besitzen.

Instagram, TikTok, Snapchat, Facebook, YouTube, X, Reddit und Twitch sind für australische Teenies damit tabu. Man wolle die Kinder schützen. Vor Cybermobbing, vor körperlichen und psychischen Folgen, vor Sucht: Soziale Medien seien wie ein Suchtmittel, das »in den Gehirnen der Nutzer etwas auslöst, was sie immer weiter scrollen lässt – und natürlich betrifft das Erwachsene genauso«, sagte der australische Premier Anthony Albanese, der ergänzte: »Wir sind hier weltweit führend, aber die Welt wird Australien folgen.«

Und einige Länder tun genau das. Auch die französische Regierung will Online-Plattformen wie Instagram und TikTok ab Herbst 2026 für alle Jugendlichen unter 15 Jahren verbieten. Der deutsche Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) zeigte sich ebenfalls offen für ein Social-Media-Verbot für Kinder: »Ich kann dem eine Menge abgewinnen. Ich halte die Frage nach einer Altersbeschränkung für mehr als berechtigt.« Und was sagen die Kinder, was ihre Eltern? Wir haben einige von ihnen gefragt.

Elisabeth (15), Münster
Ich nutze TikTok und Instagram täglich – und bin hin- und hergerissen, ob ich ein Verbot für unter 16-Jährige gut fände. Einerseits halte ich Plattformen wie TikTok, Snapchat oder Instagram für gefährlich. Andererseits könnte ein Verbot den Drang erhöhen, sie nun erst recht nutzen zu wollen. Dass jüngere Kinder geschützt werden sollen, finde ich richtig. Auf jeden Fall sollte mehr über die Gefährlichkeit sozialer Medien aufgeklärt werden. Kürzlich kursierte beispielsweise die Paracetamol-Challenge. Dabei schluckten Jugendliche bewusst so viele Paracetamol-Tabletten wie möglich und berichteten davon in den sozialen Medien. Es gibt SkinnyTok. Der Name ist Programm: Man erhält extreme Diät- und Abnehmtipps. Wer dem Schönheitsideal nicht entspricht, fühlt sich womöglich schlecht. Man kann ziemlich schnell in so eine Blase geraten. Gleichzeitig gibt es Creatorinnen und Creatoren, die aufklären, dass diese Videos alle extra bearbeitet wurden. Unbekannte schreiben einen an, manche wollen Geld, andere legen sich eine falsche Identität zu. Das schafft nicht gerade Vertrauen.

David (14), Berlin
Ich habe mich spontan gefragt, was das soll. Es ist nun einmal so, dass die sozialen Medien irgendwie zu uns gehören. Meine Freunde aus Israel und ich bleiben so miteinander in Verbindung, wenn wir uns längere Zeit nicht sehen, weil meine Familie vor ein paar Jahren umgezogen ist. Es ist doch alles ganz lustig. Hier ein paar Videos, da etwas Verrücktes. Ich finde, dass man uns Jugendlichen auch zutrauen sollte, dass wir selbst unsere Grenzen kennen. Wir wissen eigentlich immer, wann es zu viel ist. Und falls wir das einmal nicht wissen, dann erinnern uns unsere Eltern schon daran. Am Esstisch zum Beispiel ist das Telefon bei uns auf jeden Fall tabu.

Rabbiner Daniel Naftoli Surov­tsev, Baden-Baden
Vor einigen Jahren habe ich im Rabbinerseminar meinem Rabbi die Frage gestellt, ob ich als orthodoxer Rabbiner Social Media nutzen soll. Seine Antwort war, dass alles, was man für gute Zwecke verwenden kann, erlaubt sei. Ich nutze beispielsweise TikTok, um unsere Torawerte und unser Judentum zu verbreiten. Wenn meine Kinder es genauso handhaben würden, wäre ich damit einverstanden. Aber ich wäre nicht begeistert, wenn sie stundenlang für Entertainment im Internet unterwegs wären. Jede App lässt sich zeitlich begrenzen; auch gibt es Elternkontrollen, die man einrichten kann. Ich nutze so etwas nicht, weil ich meinen Kindern vertraue. Auf den ersten Blick klingt es okay, dem Verbot zuzustimmen. Aber ich komme aus Weißrussland und habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen Verbote ignorieren. Ich würde mir wünschen, dass Juristen, Psychologen und Pädagogen zu einer Entscheidung kommen. Als Vater und Rabbiner wäre ich jedenfalls gegen ein Verbot.

Yael (16), Berlin
Ich bin etwas hin- und hergerissen, ob ich ein solches Verbot für gut oder schlecht halten soll. In meinem Freundeskreis finden es die meisten blöd. Aber wenn ich ehrlich bin, denke ich, dass es auch ein bisschen gut ist. Ich meine, man liest ja wirklich oft von Mobbing oder dass jemand im Netz fertiggemacht wird, weil er eben anders aussieht oder jüdisch ist. Mir macht so etwas Angst. Und dann ist da ja noch viel Äußerliches, was stresst: Gerade auch Mädchen stehen unter großem Druck, Schönheitsidealen zu entsprechen oder so. Ja, manchmal nerven mich die sozialen Medien, aber im Grunde macht es Spaß, dass sie da sind.

Marga, Yaels Mutter, Berlin
Ich kann den Schritt Australiens nur loben. Wenn ich sehr ehrlich bin, dann halte ich das Gescrolle und die komplette geistige Abwesenheit der Kinder fast nicht mehr aus. Sie sitzen ja nur noch mit dem Smartphone da. Meine Güte, wenn ich an meine Kindheit denke: Ich komme aus einem Kibbuz. Für uns war es vollkommen normal, draußen zu spielen. Miteinander! 13- oder 14-Jährige wissen gar nicht, was da mit ihnen passiert. Und ich weiß nicht, wie es anderen Eltern geht, aber mein Mann und ich können reden wie ein Buch. Eine Regel haben wir: Am Schabbat ist das Telefon aus. Und plötzlich fangen die Kinder auch an, uns von ihrer Woche zu erzählen. Das möchte ich gern öfter erleben. Deshalb: Ausloggen.

Levi Yosef (12), Krefeld
Vor ungefähr einem Monat haben wir Yud Tes Kislev gefeiert und angefangen, das Buch Tanja von vorn zu lernen. Im Unterricht haben wir darüber gesprochen, dass es Dinge gibt, die verboten sind, und Dinge, die erlaubt sind. Das, was erlaubt ist, kann man zum Guten oder Schlechten nutzen. Facebook ist ein gutes Beispiel dafür. Man kann Facebook nutzen, um andere Menschen zu inspirieren oder um Werbung für coole Veranstaltungen zu machen, oder man kann die Plattfom nutzen, um sich über andere lustig zu machen oder einfach Zeit damit zu verschwenden. Es ist wie bei so vielen Sachen im Leben – wir müssen selbst entscheiden, ob wir sie für das Gute oder für das Schlechte verwenden.

Shanna (16), Frankfurt
Auch wenn es meine Eltern nicht gern hören, aber ich könnte auf TikTok, Snapchat und Instagram nicht verzichten. Ein Verbot fände ich also nicht so gut, aber eine Altersgrenze sinnvoll. Meine Generation ist damit aufgewachsen, unsere komplette Kommunikation läuft über diese Medien. WhatsApp und Facebook sind für uns nicht mehr relevant. Dennoch sehe ich die Gefahren für jüngere Kinder. Kids fangen dank Social Media an, sich zu vergleichen, Sie wollen cool sein und jeden Trend mitnehmen. Mir fallen zwölf- bis 13-jährige Mädchen auf, die bereits geschminkt in die Schule kommen. Das ist in meinen Augen sehr früh und bestimmt eine Folge von Social Media. Eine Bekannte von mir nimmt die im Netz verbreiteten Schönheitsideale – zum Beispiel stockdünn zu sein – sehr ernst und glaubt, nur dann attraktiv zu sein, wenn sie genauso aussieht, wie es auf TikTok verbreitet wird. Viele nehmen das zu ernst. Snapchat halte ich für noch gefährlicher. Da stellt sich immer die Frage, ob man Kontakte zu Unbekannten aufnimmt, denn man weiß sehr oft leider nicht, wer sich hinter dem Profil verbirgt – es kann auch ein alter Mann sein. Und bei der Frage nach dem Teilen von Fotos wäre ich natürlich auch sehr vorsichtig.

Jonathan Grünfeld, Lehrer am Albert-Einstein-Gymnasium, Düsseldorf
Bei der Frage der Social-Media-Nutzung und einer Altersbegrenzung pochen zwei Herzen in mir. Einerseits muss anerkannt werden, dass sich viele unserer jüdischen Jugendlichen auf Machanot und anderen Events kennenlernen und in Kontakt bleiben wollen. Dies geschieht meist in digitalen Räumen, die aus der Perspektive der Jugendlichen kaum mehr wegzudenken sind. Andererseits bietet die digitale Welt auch Gefahren. Sie öffnet die Tür für Mobbing, Hate Speech und Desinformation. Gerade nach dem 7. Oktober 2023 berichteten mehrere Schüler unserer Schule von unschönen Begegnungen im Netz, die sie verletzten und überforderten. Deshalb kann eine Altersbegrenzung bis 16 Jahre sinnvoll sein, begleitet von entsprechender Aufklärung und dem Schutz durch Elternhaus und Schule.

Michael Anger, Schulleiter am Albert-Einstein-Gymnasium, Düsseldorf
Die Eltern sind in erster Linie Vorbild und verantwortlich für den Umgang mit den Social-Media-Aktivitäten ihrer Kinder. Das Thema in die Schule auszulagern greift zu kurz. Wenn ein Verbot käme, müsste es zudem technisch sehr genau zugeschneidert werden, sodass eine Altersverifizierung nötig ist. Aber wie bei anderen Verboten (Alkoholverkauf oder Vapen) wird es Wege geben, die Sachen zu umgehen. Daher: Prävention und Aufklärung in Elternhaus und Schule sind der Weg. Und solange die Bundesregierung es nicht schafft, IT-Systeme und den Luftraum sicher zu machen, wird es im Social-Media-Bereich weiterhin wild zugehen. Das Thema sollte außerdem nicht wieder auf Länder-, sondern auf Bundesebene geregelt werden.

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