Gespräch

Der Stoff, aus dem die Albträume sind

Die israelische Autorin Zeruya Shalev (r.) mit Übersetzerin Anne Birkenhauer Foto: Jonas Nefzger

Im Dezember kam die israelische Bestsellerautorin Zeruya Shalev zu einer Lesereise nach Hamburg, Stuttgart und München. Hier hatte das Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) den berühmten Gast schon einmal 2015 im Rahmen der Münchner Bücherschau mitpräsentieren dürfen. Aktuell las Shalev, moderiert von der Übersetzerin ihrer letzten beiden Bücher, Anne Birkenhauer, im Jüdischen Gemeindezentrum aus dem Buch Schicksal, das sie vor dem 7. Oktober 2023 geschrieben hat. Es erschien bereits 2021 im Berlin Verlag.

Schreckliche Ereignisse beeinflussen ihr Schreiben stets nachhaltig. Die Folgen eines Terroranschlags 2004 in Jerusalem, der elf Menschen in den Tod riss und bei dem Shalev schwer verletzt wurde, mündeten in das Buch Schmerz (2015), die letzte Übersetzungsarbeit der 2018 verstorbenen Mirjam Pressler.

Auf der Suche nach einer neuen Übersetzerin hat Shalev in Anne Birkenhauer nicht nur ihre neue Sprachvermittlerin ins Deutsche gefunden, sondern eine Freundin und Beraterin. Da die Veranstaltung am Jakobsplatz komplett zweisprachig in Iwrit und Deutsch verlief, bekam das Publikum Einblick in die Arbeitsweise der beiden.

Auf der Suche nach einer neuen Übersetzerin hat Shalev in Anne Birkenhauer auch eine Freundin und Beraterin gefunden.

Birkenhauer, 1961 in Essen geboren und seit Ende der 80er-Jahre endgültig in Israel wohnhaft, fasziniert an Shalevs sehr modernem idiomatischen Hebräisch die häufige Verwendung biblischer Wörter, sozusagen aus alten, unverbrauchten Sprachschichten. Das Wissen darüber hat die 1959 im Kibbuz Kineret Geborene und in dem Akademikerdorf Beit Berl als Tochter eines Gelehrtenpaares Aufgewachsene einerseits beim Vater aufgenommen, den sie einmal als »eine Art säkularen Rabbi« bezeichnete, andererseits im Studium der Bibelwissenschaften an der Hebräischen Universität.

Anne Birkenhauer stellte die Autorin vor, die bisher sieben Romane und zwei Kinderbücher verfasst hat und nach dem Massaker vom 7. Oktober eine nie gekannte Schreibblockade erlebte, der sie nur noch politische Essays abringen konnte. So kam es, dass 2024 erst einmal ihr Debüt lo ani von 1993 unter dem Titel Nicht ich erschien.

Ihr erster politischer Roman Schicksal ist dramatisch in seiner Aktualität. Denn es kreuzen sich die Wege der 90-jährigen Rachel, die vor der Staatsgründung in der Untergrundbewegung »Lechi« kämpfte, und der 50-jährigen Atara, deren Vater einst Rachel für ein Leben mit neuer Familie im Stich ließ. »Schweigend stand sie vor der geschlossenen Tür«, eine gemeinsame Erfahrung der beiden Frauen im Abstand von über einem halben Jahrhundert. Sie lässt an Kafka denken, über den Shalev 2024 in einem Essay im »Spiegel« schrieb: »Vielleicht war es Kafka, der mich gerettet hat.«

Inzwischen arbeitet Shalev wieder an ihrer Geschichte einer Richterin. Es gehe um eine »Stimmung, die die Heldin erlebt, dass die Grundfesten der Gesellschaft erschüttert werden – nicht von außen, sondern durch die Regierung«. Auf die Frage nach dem Bewussten oder Unbewussten im Schreibprozess, zitiert sie den Nationaldichter Samuel J. Agnon, der Schreiben erlebte, als ob ihm jemand diktierte. Auch zu ihr kämen Sätze und Absätze. Wenn sich diese zusammenfügten, sehe man, worauf es hinauslaufe. Die harte Arbeit entstehe mit den folgenden Fassungen.

Berlin

Jüdisch, Queer, Selbstbewusst

Der »Pride-Shabbat« des Vereins Keshet Deutschland zeigt auch in diesem Jahr wieder, dass jüdisches und queeres Leben zusammengehören

von Leon Stork  20.07.2026

Pforzheim

Die vergessene jüdische Geschichte der Goldstadt

Vom Schwarzwald aus verkauften Juden einst Schmuck in die ganze Welt. Erst langsam wird diese Geschichte aufgearbeitet. Sie ist nicht immer glänzend – und auch noch nicht vorbei

von Mascha Malburg  20.07.2026

Porträt der Woche

»Ich wollte zum Ursprung«

Richard Ernst konvertierte zum Judentum, wurde Gärtner und Hobbymaler

von Anja Bochtler  18.07.2026

Würdigung

Im Einsatz für die Demokratie

Minister Georg Eisenreich zeichnete Engagierte in Justiz und Polizei mit dem Fritz-Neuland-Gedächtnispreis aus

von Luis Gruhler  18.07.2026

München

Bücher für alle

Der Literaturwissenschaftler Nathan Cohen sprach im Rahmen der Scholem-Alejchem-Reihe über populäre jiddische Literatur in Osteuropa

von Nora Niemann  18.07.2026

Stadtführung

Tatort Scheunenviertel

Kleinkriminelle, Arbeiter und Ostjuden – der Historiker Dmitry Kudinov zeigt die bewegte Geschichte eines hippen Teils von Berlin, der vor rund 100 Jahren alles andere als gentrifiziert war

von Alicia Rust  17.07.2026

Recklinghausen

Wie der Fußball Eddy rettete

Die Jüdische Gemeinde und Schulen der Region trugen den Emanuel-Schaffer-Cup aus – in Erinnerung an den legendären israelischen Trainer

von Martin Krauß  16.07.2026

Maccabiah

Momente, Medaillen, Menschen

Nach zwei Wochen ist das größte internationale Sportevent in Jerusalem erfolgreich zu Ende gegangen

von Katrin Richter  15.07.2026

Programm

100 Synagogen, zwei Chemnitzer und ein Eis am Stiel: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. Juli bis zum 23. Juli

 15.07.2026