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Zehn Welten

Wer über Jüdinnen und Juden in Deutschland schreibt, wird sich früher oder später die Frage stellen müssen, wie es gelingen kann, der in jeder einzelnen Biografie präsenten Erfahrung von Antisemitismus gerecht zu werden, ohne dabei die je individuellen Lebensgeschichten aus dem Blick zu verlieren. Mit ihrem Band In jedem Menschen begegnet uns eine Welt unternimmt die Journalistin Anna Lutz den Versuch, entlang von zehn Porträts in Deutschland lebender Juden genau diese Schwierigkeit zu meistern und jüdisches Leben in seiner Vielfalt abzubilden.

Ihre mit viel Neugier und Empathie geführten Gespräche zeigen Menschen, die »aus dem Überleben ein Leben kreiert haben«, wie es die von Lutz porträtierte Sharon Adler formuliert. Adler, die sich mit ihrer »Stiftung Zurückgeben« und dem Online-Magazin »Aviva-Berlin« für die Belange und die Sichtbarkeit jüdischer Frauen einsetzt, weiß um die Schwierigkeiten, die Geschichte einer jüdischen Familie zu erzählen. »Es gibt in den jüdischen Familien diese Leerstellen, die man zeitlebens versucht, zusammenzusetzen«, sagt sie im Gespräch mit Lutz.

Neugier und Empathie

In allen Geschichten, die der Band dokumentiert, ist von diesen Leerstellen die Rede. Aber auch von Mut, Kreativität und einer unerschütterlichen Freude am Leben. Für Letztere steht insbesondere die Geschichte des Münchners Roman Haller, der sich über 20 Jahre lang als Direktor der Jewish Claims Conference für die Entschädigungsansprüche der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus einsetzte. Seine Eltern und er überlebten den Nationalsozialismus versteckt in einem Bunker im Wald.

Und trotzdem antwortet er auf die Frage, ob er aus seiner Kindheit ein Trauma davongetragen habe, mit einem entschiedenen Nein. Mit Haller lernen wir einen ebenso selbstbewusst jüdischen wie bayerischen Mann kennen, für den Davidstern und Lederhose perfekt zusammenpassen. Man glaubt es der Journalistin Lutz sofort, wenn sie über ihren Gesprächspartner bemerkt, er sei »sich seiner Vergangenheit und seiner jüdischen Kultur höchst bewusst, zugleich aber auch unkompliziert, fröhlich, zugewandt«.

Mirna Funk, Tanya Raab, Yael Front – Frauen, die ihr Jüdischsein zeigen.

Wenn es um die aktuelle Situation von Jüdinnen und Juden in Deutschland geht, schlagen Lutz’ Gesprächspartner jedoch auch ernstere Töne an. So zum Beispiel die Influencerin Tanya Yael Raab. Auf ihrem Instagram-Account erzählt die junge Lehrerin, die im Jahr 2000 aus der Ukraine nach Brandenburg kam, aus ihrem Alltag als Jüdin und Mutter.

Für Raab war es ein Besuch in Israel, der sie ihrem Judentum näherbrachte. Sie begann, stolz eine Kette mit Davidstern zu tragen, die ihr Großvater ihr auf einem Markt in Jerusalem gekauft hatte – eine Erfahrung, die sie als »krassen Wendepunkt« in ihrem Leben bezeichnet. Besonders eindringlich wird das Porträt, wenn Raab davon erzählt, dass es ausgerechnet ihre Mutter war, die sie davor warnte, die Davidstern-Kette offen zu zeigen: »Du bist hier nicht mehr in Israel, du bist in Deutschland, hier kannst du so etwas nicht tragen.«

Doch nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 hat sie verstanden, dass ihre Mutter recht behielt und man als Jude in Deutschland schon lange vorsichtig sein muss. »Ich mache mir heute dieselben Gedanken, je nachdem, an welche Orte ich gehe. Und es gibt Orte, an denen ich meinen Davidstern ablege.«

Summe individueller Lebensgeschichten

Lutz schafft es, das richtige Maß zwischen Nähe und Distanz zu ihren Protagonisten zu finden. Sie lässt ihren Gesprächspartnern, zu denen beispielsweise auch die Autorin Mirna Funk und die Dirigentin Yael Front zählen, den nötigen Raum, ihre Geschichten zu erzählen, kommentiert nur selten, aber schreckt auch nicht davor zurück, Fragen zu stellen.

Gerade dadurch wird In jedem Menschen begegnet uns eine Welt zu einem Buch, das jüdisches Leben nicht von außen betrachtet, sondern als Summe individueller Lebensgeschichten – mit all ihren Brüchen und Besonderheiten.

Anna Lutz: »In jedem Menschen begegnet uns eine Welt. Juden in Deutschland. Zehn Porträts«. Mit Fotos von Annette Riedl. Adeo, Holzgerlingen 2026, 223 S., 17,99 €

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