Redezeit

»Wirklich für jeden etwas dabei«

Foto: Nilz Boehme

Redezeit

»Wirklich für jeden etwas dabei«

Sebastian Krumbiegel über das Programm der Dresdner Kulturwoche, sefardische Musik und das Publikum

von Katrin Richter  15.10.2012 10:55 Uhr

Herr Krumbiegel, Sie sind in diesem Jahr Schirmherr der 16. Jüdischen Musik- und Theaterwoche in Dresden. Was hat Sie überzeugt, dieses Amt zu übernehmen?
Musik ist mein Leben, und gerade in den letzten Jahren habe ich mich viel mit jiddischer Musik beschäftigt und festgestellt, wie wunderbar lebendig und gleichzeitig herrlich schwermütig sie ist. In Mölln hatte ich im Frühjahr ein Solo-am-Piano-Konzert und habe dort ganz spontan ein paar Lieder mit der Norddeutschen Klezmer-Band YXALAG gesungen – das war eine wunderbare Erfahrung! Das ist das eine. Das andere ist, dass ich sehr aktiv bin im Kampf gegen Nazis, und das ist, unserer Geschichte wegen, unmittelbar damit verbunden. Wir sollten politisch wach bleiben.

Wie kann das gelingen?
Was damals passiert ist, ist heute eigentlich unvorstellbar, und mir läuft es immer wieder kalt den Rücken runter, wenn ich sehe, dass heute wieder neue Nazis durch die Straßen marschieren. Natürlich ist das nicht ausschließlich ein Dresdner Problem oder ein sächsisches (auch wenn bei uns die Nazis im Landtag sitzen), sondern ein gesamtdeutsches. Oder sogar ein europäisches. Rassismus, Antisemitismus und alles Ausgrenzende – diese Phänomene scheinen wieder auf dem Vormarsch zu sein, und genau deshalb ist es mir wichtig, hier sehr klar Stellung zu beziehen. Das ist für mich selbstverständlich, so wurde ich erzogen. Und trotzdem weiß ich auch, dass man mit dieser Haltung oft auf Unverständnis trifft – nach dem Motto: Das ist doch alles gar nicht so schlimm.

Was möchten Sie als Schirrmherr den Menschen mit auf den Weg geben?
Es ist für mich wichtig, den Leuten zu sagen, dass jüdische Kultur nicht nur unserer deutschen Geschichte wegen, sondern vor allem ihrer selbst wegen erhaltenswert ist. So viele großartige jüdische Künstler sind in der Vergangenheit in die Emigration getrieben worden, ganz zu schweigen von denen, die das nicht geschafft haben und in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. Unabhängig von dieser unfassbaren, unmenschlichen Tatsache hat die deutsche Kultur sehr darunter gelitten, und wir sollten uns alle miteinander darum kümmern, der jüdischen Kultur wieder den Stellenwert einzuräumen, den sie verdient hat.

Der Schwerpunkt liegt 2012 auf der Geschichte der sefardischen Juden. Was verbindet Sie damit?
Ehrlich gesagt – ich musste mich da erst einmal schlau machen. Die jahrtausendealte jüdische Kultur hat viele Höhen und Tiefen erlebt. Vertreibung und Verfolgung waren an der Tagesordnung, so auch bei den sefardischen Juden, die ihren Ursprung auf der iberischen Halbinsel im mittelalterlichen Spanien hatten. Aufgerieben zwischen den Vorherrschaftskämpfen von Muslimen und Christen bildeten sie im Spanien zwischen Mittelalter und Neuzeit eine eigenständige Gruppe, bis die katholischen Könige Ende des 15. Jahrhunderts alle Juden zwangen, zum Christentum zu konvertieren oder aber das Land zu verlassen. Auf der Flucht verteilten sie sich dann im gesamten Mittelmeerraum. So vermischten sich Sprache und Kultur mit der der neuen Heimatländer, und es entstanden Romane, Gedichte und Märchen – die Kultur blühte auf. Mit dem Holocaust wurde dieser Entwicklung ein Ende gesetzt. Heute geht es darum, diese alte Kultur beziehungsweise das, was davon übrig geblieben ist, zu neuem Leben zu erwecken. Deswegen ist es wichtig, dass die Jüdische Musik- und Theaterwoche dieses Jahr ihren Fokus genau darauf gerichtet hat.

Mit dem Namenswechsel von »Jiddische« zu »Jüdische« Kulturwoche öffnet sich auch das Programm hin zu mehr Musik, Literatur und Kunst. Allerdings gibt es schon sehr viele »Jüdische Kulturwochen«: Was ist das Besondere an Dresden?
Ich denke, die Vielfalt des Programmes ist einzigartig. Konzerte, Theater, Lesungen, Filme, Gespräche, Kurse, Führungen, Vernissagen, selbst für kulinarische Attraktionen ist gesorgt. Außerdem denke ich, dass das Besondere an Dresden die Stadt an sich ist. Es gibt nicht nur Dinge, über die wir uns freuen können. Ich bin seit Jahren regelmäßig am 13. und 14. Februar in der Stadt, um mich gemeinsam mit vielen engagierten Menschen dem unsäglichen Nazi-Aufmarsch entgegenzustellen – dem größten europäischen Naziaufmarsch unserer Zeit. Das ist kein Ruhmesblatt, und damit schließt sich wieder der Kreis zum politischen Wachsein. Jüdische Kultur war immer ein wichtiger Teil der deutschen Kultur. Mir stellt sich die Frage: Ist das nun spezifische jüdische Kultur oder ist es deutsche Kultur, die jüdische Menschen in Deutschland gemacht haben? Udo Lindenberg hat vor zehn Jahren das Projekt »Atlantic Affairs« auf deutsche Theaterbühnen gebracht, und wir Prinzen waren dabei. Die Idee war, alte deutsche Lieder jüdischer Komponisten, die während der Nazizeit in die USA emigrieren mussten, wieder lebendig zu machen. Lindenberg war und ist an dieser Front sehr aktiv – es geht unterm Strich darum, die jüdischen Wurzeln deutscher Kultur zu pflegen. Wenn das in Dresden thematisiert wird, ist das sicher ein gutes Signal und natürlich auch ein guter Gegenpol zur landläufigen Meinung, dass im Osten der Republik Antisemitismus und Rassismus an der Tagesordnung sind.

Welcher der vielen Programmpunkte liegt Ihnen am Herzen?
Natürlich in erster Linie die musikalischen. Ich hoffe, dass ich die Zeit finde, mir einige Konzerte anzuhören. Am Eröffnungsabend spielt die Londoner Klezmer-Band She’Koyokh – darauf freue ich mich. Aber auch Künstler wie Yaman aus Israel, der afrikanische Musik mit Jazz und arabische Musik mit Reggae verbindet, oder das Mor Kabasi Quartett, das Flamenco mit Fado-Gesängen kombiniert, klingen sehr verheißungsvoll. Wie gesagt, ich kann hier vordergründig nur über Musik sprechen – das Programm ist so vielfältig. Ich empfehle allen, es aufmerksam zu studieren, da ist wirklich für jeden etwas dabei, der sich in irgendeiner Weise für jüdische Kultur interessiert.

Was wünschen Sie sich vom Dresdner Publikum?
Erst einmal wünsche ich mir, dass viele Leute kommen und dass dadurch Dresden in diesen Tagen ganz im Zeichen jüdischer Kultur steht. Ich wünsche mir, dass eine überregionale Berichterstattung den Menschen in Deutschland und darüber hinaus zeigt, dass es bessere Schlagzeilen gibt als marodierende Nazi-Idioten, die durch die Straßen ziehen, dass wir allen zeigen, dass die übergroße Mehrheit der Menschen in Dresden und Sachsen weltoffen, tolerant, neugierig und kulturvoll ist.

Mit dem Musiker sprach Katrin Richter.

Die 16. Jüdische Musik- und Theaterwoche Dresden findet noch bis zum 28. Oktober statt.

www.juedische-woche-dresden.de

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