Jüdische Kulturtage

»Wir sind reich an Witz«

Der britische Comedien Sol Bernstein will die Lachmuskeln strapazieren. Foto: (C)2013 steve ullathorne, all rights reserved

Jüdische Kulturtage

»Wir sind reich an Witz«

Bei den Lesungen, Filmen und Konzerten soll es humorvoll zugehen

von Christine Schmitt  08.09.2022 11:32 Uhr

Vergnügt lächeln die Künstler von den großen Plakaten herab. Nur zwei schauen ernster: der Sänger Idan Amedi und der Jazzer Avishai Cohen. Rechts und links der Stuhlreihen sind die Werbeplakate im Großen Saal der Neuen Synagoge Berlin aufgestellt, in dem die Pressekonferenz abgehalten wird. Gut gelaunt sind auch die Damen und Herren auf dem Podium, die gleich das Programm der 35. Jüdischen Kulturtage vorstellen möchten.

Bunt, vielfältig und witzig sollen sie werden und vom 10. bis zum 18. September in der Hauptstadt stattfinden. Ferner sollen die diesjährigen Veranstaltungen an die hochwertigen der vergangenen Jahre anschließen. »Aber in diesem Jahr wollten wir den Schwerpunkt auf Humor legen. Es werden die lustigsten Jüdischen Kulturtage aller Zeiten«, betont Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. »Wir sind reich an Witz«, sagt auch Avi Toubiana, der neue Intendant der Jüdischen Kulturtage. Alle sollen sich angesprochen und eingeladen fühlen, denn für jeden sei etwas dabei.

Unter Intendant Avi Toubiana will die ganze Vielfalt jüdischen Lebens gezeigt werden.

»Auch Antisemiten – die können gleich ein anderes Bild von uns bekommen«, ergänzt Joffe. Manch einer könnte dabei zum ersten Mal Kontakt mit einem Juden haben, so der Gemeindechef. »Wenn wir über Juden oder das Judentum generell sprechen, entstehen bei über 95 Prozent der Menschen automatisch negative Assoziationen.« Beispielsweise durch die Nachrichten. »Wenn über das Judentum gesprochen wird, dann behandelt man den Nahostkonflikt, vor ein paar Tagen die Rede von Abbas oder die documenta«, so Joffe. Die Assoziationen seien immer Antisemitismus und Holocaust: »Das macht keinen Spaß.« Humor spiele aber im Alltag eine wichtige Rolle, was nun die Künstler zeigen wollen. »Wir gehören zu den lustigsten Menschen in der Welt«, sagt Joffe. Unter dem im Mai berufenen neuen Intendanten soll nun die ganze Vielfalt modernen jüdischen Lebens gezeigt werden.

LEICHTIGKEIT Ebenfalls neu sei, dass die Kulturtage dieses Jahr im September statt im November stattfinden, sagt Sara Nachama, Kulturdezernentin der Gemeinde. Mit der Verlegung der Kulturtage in den Herbstanfang soll mehr Leichtigkeit hineingebracht werden.

Grund für die zeitliche Verschiebung sei auch das koschere Streetfood-Festival, da man hofft, dass dann das Wetter mitspielt. »Das ist im November nicht zu machen.« Koschere Restaurants gebe es zwar viele, aber ein Streetfood-Festival, das sich an die mehr als 2000 Jahre alten Speisegesetze hält, gebe es selten. Es lädt zum Probieren, Entdecken und Genießen sowohl traditioneller wie moderner jüdischer Gaumenfreuden und Snacks ein. 25 Stände werden im Hof der Synagoge Oranienburger Straße ihre Speisen und Getränke anbieten. »Der Maschgiach wird sehr viel zu tun haben, alles zu kontrollieren, damit keine Insekten im Salat oder im Blumenkohl sitzen.« Die Koscher-Aufsicht hat Rabbiner Shlomo Afanasev, der in Hannover amtiert.

Am ersten Tag des neuntägigen Festivals werden der Popstar Idan Amedi und das Schattentheater »Die Mobiles« auf der Bühne performen, es folgen eine Israel-Party und Percussion-Performance mit »Master DJ Drummer« Tomer Maizner und sogar »eine Weltpremiere« von Avishai Cohen mit seiner Jazzband »The Hebrew Book«. Der Hip-Hop-Künstler Ravid Plotnik setzt mit Rap und Reggae unter freiem Abendhimmel den Schlussakkord der Kulturtage. »Wir wollen zeigen, es gibt mehr als Klezmer«, sagt Avi Toubiana. Aber auch Künstler anderer Genres werden alles geben: So wird es Stand-up mit Comedy-Legende Sol Bernstein (Achtung: Englisch) und Christian Schulte-Loh, Kinofilme wie »Greener Pastures« und »On the Happy Note« geben sowie das Bubales-Puppentheater für die jüngeren Besucher. Im Jüdischen Museum werden verschiedene Elemente jüdischer Kultur und deren Historie porträtiert.

Das koschere Streetfood-Festival lädt zum Probieren, Entdecken und Genießen ein.

Veranstaltungsorte sind die Synagoge Rykestraße, Clärchens Ballhaus, das Jüdische Museum, das Kino Central (Rosenthaler Straße), der Quatsch Comedy Club und das Zusammen Center Berlin in der Brunnenstraße, wo die Kunstausstellung »Israelisches Leben in Berlin« gezeigt wird.

In der Langen Nacht der Synagogen öffnen die Gotteshäuser Brunnenstraße »Beth Zion«, Fraenkelufer, Rykestraße und Pestalozzistraße ihre Türen für interessierte Besucher. Ein Höhepunkt ist das Konzert mit Mitgliedern des Konzerthausorchesters Berlin unter Leitung des Violinisten Guy Braunstein in der Synagoge Rykestraße.

ORCHESTER Der ehemalige Konzertmeister der Berliner Philharmoniker sitzt auch mit auf dem Podium. »Ich habe Angst«, sagt er, als er von dem Streetfood-Festival hört. Denn nach einem Besuch bei den 25 Ständen komme er mit zwei Kilo mehr auf den Rippen nach Hause und bekomme Ärger mit seiner Frau, sagt er grinsend. Beim Konzert wird er das Violinkonzert von Beethoven interpretieren. »Ich habe es schon tausend Mal gespielt, doch nun werde ich es spielen und das Orchester dirigieren.« Dazu stehen die »Schottische Sinfonie« von Felix Mendelssohn-Bartholdy und die Uraufführung des Werkes »Porträt für Streicher« auf dem Programm, die von Gili Schwarzman komponiert wurde, übrigens die Ehefrau von Braunstein. Am Ende der Pressekonferenz nimmt er seine Geige in die Hand und spielt »Schön Rosmarin« von Fritz Kreisler – schon mal ein kleiner Konzert-Anreger.

www.juedische-kulturtage.org

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