Interview

»Wir reden mehr als früher«

»Wir müssen uns antrainieren, stets das Positive zu sehen«: Sarah und Yechiel Brukner, der in Köln als Rabbiner amtiert. Foto: Sammy Ahren

Interview

»Wir reden mehr als früher«

Rabbiner Yechiel Brukner lebt in Köln, seine Frau Sarah ist im Herbst nach Israel gezogen. Ein Gespräch über ihre Fernbeziehung

von Christine Schmitt  13.03.2025 13:17 Uhr


Herr Rabbiner, vor einem Jahr haben Sie der Jüdischen Allgemeinen ein Interview gegeben. Darin ging es um die Spendenkampagne für Angehörige von Soldaten in Israel. Wie ist die Kampagne aufgenommen worden?
Rabbiner Brukner:
Es gingen und gehen immer noch viele Spenden ein. Die Menschen haben gespürt, dass es genau das ist, was sie unterstützen möchten. Viele wollen den Frauen in Israel helfen, die den Rückhalt für die Männer und für ihre eigenen Familien und für sich selbst bilden. Meine Schwiegertochter ist die Organisatorin des Ganzen und kümmert sich um Treffen, bei denen die Frauen miteinander reden. Es gibt auch professionelle Erfahrungs- und Entspannungstherapien. Das ist nach wie vor total wichtig. Die Männer, die nach manchmal bis zu 300 Tagen an der Front jetzt heimkehren, sind zwar physisch da, aber oft nicht wirklich angekommen.
Sarah Brukner: Es werden viele Familientherapien angeboten, um alles wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Mittlerweile weiß man, dass man Hilfe von außen braucht, weil die Familie das nicht alles allein schafft. Und es ist wirklich gut, dass die Leute sich dann bewusst sind: Wir brauchen Hilfe.

Sie haben selbst mehrere Söhne, die in den israelischen Streitkräften dienen.
Rabbiner Brukner: Zwei unserer Söhne und mehrere Schwiegersöhne sind aktiv im Dienst.

Für Sie als Eltern ist das eine herausfordernde Situation. Man zittert ja die ganze Zeit um seine Familienangehörigen.
Rabbiner Brukner:
Ich zittere nicht, ich hoffe auf das Beste.
Sarah Brukner: Ich verlasse mich auf meine Söhne. Und zwar darauf, dass sie wissen, was sie tun, und dass sie keine Risiken eingehen, die man nicht eingehen sollte. Was von oben passiert, können wir sowieso nicht steuern. Aber im Tagtäglichen bin ich relativ ruhig und beschäftige mich mit dem, was man tun kann. Auch in der Nacht versuche ich, nicht dort stehenzubleiben, wo die Sorge mich auffrisst. Unser ältester Sohn hat immer gesagt: »Es nützt mir nichts, wenn du dir Sorgen machst. Wenn du was Gescheites tun willst, dann unterstütze mit gutem Mut und guten Worten. Aber wenn du dich sorgst und nicht schläfst, das bringt mir überhaupt nichts.« Das ist schön. Sehr pragmatisch.

Frau Brukner, Sie sind im vergangenen Herbst von Köln nach Israel zurückgegangen. Wie gestalten Sie dort Ihren Tag?
Sarah Brukner:
Mein Mann und ich haben unser Haus in einer Siedlung. Wenn Not an der Frau ist, dann bin ich auch mal eine Nacht bei meiner Tochter oder meiner Schwiegertochter. Unser Haus ist auch ein Ort, wo sich alle immer wieder treffen. Das kann manchmal zwei Stunden in der Woche sein, aber auch drei Tage in der Woche sind möglich. Meine Schwiegertochter wohnt zehn Minuten von uns entfernt. Die andere wohnt in derselben Siedlung. Sie sagen, allein die Tatsache, dass sie wissen, dass ich in der Nähe wohne, gibt ihnen die Möglichkeit, einmal durchzuatmen. Und es kommt auch vor, dass mal ein Kind, das in die Kita gehen soll, mit Fieber aufwacht. Dann kommt es zu mir, und das ist wunderbar.

Haben Sie ein anderes Land vorgefunden?
Sarah Brukner: Wir wohnen in einer Siedlung mit etwa 150 bis 170 Familien. Zwei Soldaten haben wir verloren. Alle sind sehr miteinander verbunden. So etwas verändert die Gesellschaft insofern, als dass einfach ein Teil fehlt, aber es stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl. Jeder hilft jedem. Die Familien, deren Männer oder Väter beim Militär sind, werden bestmöglich unterstützt. Die einen möchten gerne Hilfe beim Kochen, die anderen brauchen Babysitter, dann wieder vielleicht Hilfe beim Einkaufen. Es ist eine Gemeinschaft, die sehr zusammenhält. Die Leute geben sich noch mehr Mühe als vorher.

Vermissen Sie Ihr Kölner Leben?
Sarah Brukner: Ich vermisse natürlich meinen Mann und all die guten Freunde, die ich in Köln habe. Wenn man einen Freundeskreis aufbaut und treue Leute vorfindet, ist das sehr schön, sie wiederzutreffen. Ich wäre natürlich froh, wenn alle mit nach Israel kämen. Ich bin jetzt seit Oktober zum ersten Mal wieder in Köln.

Und wie geht es Ihnen, Herr Rabbiner, als vorübergehender Strohwitwer?
Rabbiner Brukner: Ich fühle mich, als stünde ich auf einem Fuß. Meine Frau ist für mich eine ganz wichtige Stütze. Glücklicherweise gibt es heute die Möglichkeit, miteinander über verschiedene Kanäle zu kommunizieren, auch aus der Ferne. Wir haben sogar herausgefunden, dass wir vermutlich mehr miteinander reden als früher. Aber wie gesagt, mit dem Wissen, dass es sich um eine begrenzte Zeit handelt, werde ich diese recht gut bewältigen.

Ihre Arbeit ist tagesfüllend.
Rabbiner Brukner: Die rabbinische Aktivität füllt mich derart aus, dass ich Gʼtt sei Dank viel Genugtuung habe. Das Abendessen ist vielleicht etwas später auf dem Teller, weil ich es selbst zubereiten muss.
Sarah Brukner: Manchmal kochen wir über Video gemeinsam.

Das ist doch süß. Wie sieht denn jetzt bei Ihnen der Alltag aus?
Sarah Brukner:
Ich besuche zweimal in der Woche das Seniorenzentrum, um dort bei Kursen wie Turnen, Yoga, Feldenkrais oder Gedächtnistraining mitzumachen. Ich male schon seit vielen Jahren, das mache ich jetzt auch dort. Und das Schöne ist, es treffen sich ältere Menschen aus der ganzen Gegend. Ich bin eine der Jüngsten dort. Viele einsame Leute kommen ebenfalls dorthin. Man sitzt zusammen, man isst zusammen. Und ich entdecke plötzlich, dass ich vieles von der Gemeindearbeit, die ich in Köln geleistet habe, auch in Israel leisten kann. Es gibt viele einsame Menschen.

Sie engagieren sich stark für andere.
Sarah Brukner: Ja. Ich gehe zweimal in der Woche in den Kindergarten und lese aus Büchern vor. Es ist mir wichtig, dass ich mein Programm habe. Ich unterrichte auch – selbst wenn es manchmal nur eine Stunde in der Woche ist. Aber ich nehme das alles sehr ernst. Ich habe auch manche Freiheiten: Plötzlich denke ich morgens beim Aufstehen, ich würde jetzt gerne nach Jerusalem fahren. Und dann fahre ich eben. Ich habe kein Auto, also nehme ich den Bus. Das ist ein Ganztagsausflug, aber es ist machbar, denn ich bin ganz frei. Im Moment tut mir das sehr, sehr gut.
Rabbiner Brukner: Du bist eigentlich immer einsatzbereit.
Sarah Brukner: Mir ist nie langweilig, weil ich mich bei vielen Hilfsprojekten engagiere. Ich bin immer dabei, auch für andere Leute zu kochen oder zu backen. Oder für die eigenen Kinder. Meine Tochter ist schwanger. Die ist auch ganz froh, wenn Mama ihr mal etwas unter die Arme greift, kocht oder die Kinder zum Abendessen einlädt. Ich bin immer beschäftigt. Die Tage sind abends etwas lang, weil es ziemlich früh dunkel wird. Das ändert sich jetzt mit dem Frühling wieder. Ich versuche, jeden Tag nach draußen zu gehen, mich zu bewegen, mache alles gemütlich, ohne Stress.

Herr Rabbiner, bei Ihnen ist der Tagesablauf wahrscheinlich gleich geblieben. Aber Sie müssen sich jetzt selbst versorgen.
Rabbiner Brukner
: Ja, genau. Ich muss mich darum kümmern, mir mein Essen zu kochen. Früher wurde es mir serviert.
Sarah Brukner: Du musst auch selber einkaufen.
Rabbiner Brukner: Und die Wäsche! Ich bügele sogar meine Hemden. Ich brauche zwischen fünf und zehn Minuten pro Hemd. Fünf Hemden – das macht eine Stunde. Und dies meistens zwischen Mitternacht und 1 Uhr. Ich höre dabei Nachrichten. Aber nein, meine Frau, die ist eine ganz, ganz wichtige Stütze, sowohl dort im Haus als natürlich auch bei vielem, was wir zusammen gemacht haben, außerhalb des Rahmens der rabbinischen Arbeit.

Wissen Sie schon, wann Sie nach Israel zurückkehren?
Rabbiner Brukner: Wahrscheinlich im Sommer. Wir hoffen, dass in dieser Zeit auch ein Arrangement gefunden wird für einen Nachfolger.

Sie reisen zurück in ein Land, dass sich in einer Krise befindet. Haben Sie eine Ahnung, wie Israel aus dieser Krise herauskommen wird? Viele Israelis sind ums Leben gekommen, der Wirtschaft geht es nicht gut, viele Familien sind traumatisiert.
Rabbiner Brukner: Wir sind uns natürlich des Leids bewusst, das es überall gibt – in vielen Familien und bei uns allen. Aber wir haben einen sehr positiven Blick auf die Dinge. Wir sehen die unglaublichen Erfolge in jüngster Zeit und blicken optimistisch in die Zukunft. Wir geben uns aber nicht der Illusion hin, dass nun alles vorbei ist.

Helfen gute Gedanken?
Rabbiner Brukner: Wir müssen uns selber antrainieren, stets das Positive zu sehen. Es gibt enorm viel Positives. Der Preis, den wir bis jetzt bezahlt haben, war nicht umsonst. Und alle, die Opfer in ihrer Familie beklagen müssen, dürfen und müssen glauben, dass das alles nicht umsonst war. Es geschah im Kontext unseres Überlebenskampfes sowohl in Israel als auch hier in der Diaspora. Wir müssen mit großer Bewunderung nach Israel schauen und sagen: »Ihr macht das alles auch für uns.« Es ist ja wohl klar, dass das Diasporajudentum ohne den Staat Israel ganz anders dastehen würde. Aus dieser Kraftprobe wird der Staat Israel ganz bestimmt gestärkt hervorgehen.
Sarah Brukner: Ich habe unseren ältesten Sohn auch gefragt: »Wie fühlst du dich denn jetzt in diesen Tagen?« Er sagt: »Es ist nicht wichtig, wie ich mich fühle. Wichtig ist, was das für das Volk Israel heißt. Die Geschichte wird nicht von einzelnen Menschen geschrieben. Wir sind ein Volk, und das ist es, was zählt, das überdauert, was weiter in diesem Land geschieht. Ob es mir gerade so passt oder nicht, ist kaum wichtig. Und das ist, glaube ich, etwas Großes, wenn ein Mensch sagen kann: Ich habe zwar 300 Tage in der Armee gedient, aber was wichtig ist, ist das ganze Volk.«

Mit Sarah und Yechiel Brukner sprach Christine Schmitt.

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