München

Wege aus dem Hass

»A Path to Hate«: Guy Katz (l.) und Dan Ariely im Gespräch über psychologische Ursachen von Antisemitismus und Gegenmaßnahmen Foto: Thomas J. M. Hauzenberger

Warum gewinnt Antisemitismus weltweit erneut an Dynamik – und weshalb findet er so leicht Anschluss in unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus? Mit dieser ebenso beunruhigenden wie drängenden Frage befasste sich – auf Einladung des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern – ein Diskussionsabend unter dem Titel »A Path to Hate« im Jüdischen Gemeindezentrum.

Der amerikanisch-israelische Verhaltensforscher Dan Ariely und Guy Katz, Mitbegründer der Münchner Initiative »Run for their Lives«, näherten sich in ihrem »Prof-Talk« dem Phänomen aus psychologischer, gesellschaftlicher und persönlicher Perspektive. Schnell wurde deutlich: Es sollte kein akademischer Austausch rund um abstrakte Theorien werden, sondern um das konkrete Verständnis eines Hasses gehen, der für Jüdinnen und Juden weltweit wieder existenziell geworden ist.

In einer Videobotschaft richtete sich IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch an die Zuhörer im voll besetzten Saal. Die Aggressivität, mit der sich der Hass auf den jüdischen Staat und auf jüdische Menschen derzeit Bahn breche, habe selbst sie überrascht, sagte Knobloch – trotz jahrzehntelanger Erfahrung mit Anfeindungen und Hetze.

»Der Hass par excellence«

Antisemitismus sei keine Diskriminierung unter vielen und keine bloße Spielart des Rassismus, sondern »der Hass par excellence«: die Urform der Verschwörungstheorie, eine allumfassende Welterklärung. Wer seine Mechanismen verstehe, könne lernen, ihm Grenzen zu setzen.

Stress und geringe Resilienz sind ein Rezept für die Katastrophe.

Dan Ariely, international bekannt durch Bücher wie Denken hilft zwar, nützt aber nichts und zuletzt Misbelief: What Makes Rational People Believe Irrational Things (2023), schilderte eindrücklich, wie er selbst während der Covid-Pandemie ins Visier antisemitischer Verschwörungserzählungen geriet. Auf einschlägigen Websites wurde er mit der Kabbala, Bill Gates oder den Illuminati in Verbindung gebracht – klassische antisemitische Motive in modernem Gewand.

Ariely reagierte ungewöhnlich: Er rief eine seiner lautstärksten Kritikerinnen an, eröffnete eine Website mit dem Titel »Dan will Antisemitismus verstehen« und begann zuzuhören. Nicht, um zu überzeugen, sondern um die Denkweisen hinter dem Hass zu begreifen. Nach dem 7. Oktober 2023, so Ariely, habe er bewusst Diskussionen gesucht. Sein Ziel sei dabei vor allem gewesen, Gewissheiten ins Wanken zu bringen – durch Fragen, durch das Aufzeigen von Komplexität.

Niemand entscheidet sich bewusst dafür, an »böse« Dinge zu glauben

Seine zentrale These: Niemand entscheidet sich bewusst dafür, an »böse« Dinge zu glauben. Antisemitische Fehlüberzeugungen entstünden aus Stress, aus dem Gefühl, die Welt nicht mehr zu verstehen und keinen gerechten Platz mehr in ihr zu haben. Menschen suchten dann nach einfachen Erklärungen und klaren Schuldzuweisungen. Ariely verwies auf psychologische Experimente, die zeigen, dass unter Stress selbst harmlose Reize als bedeutungsvoll wahrgenommen werden.

Doch Stress allein erkläre den Weg in den Hass nicht, betonte Ariely. Entscheidend sei die Resilienz. Er unterscheide zwischen der Fähigkeit, sich von Krisen zu erholen, und einer tiefer verankerten Resilienz: dem Gefühl einer sicheren Bindung. Wer sich getragen fühle, sei weniger anfällig für Verschwörungsdenken. Wo diese Sicherheit fehle – häufig verstärkt durch soziale Ungleichheit –, entstehe ein gefährlicher Nährboden. »Stress und geringe Resilienz sind ein Rezept für die Katastrophe«, so Ariely.

Besonders bedrohlich sei Antisemitismus, wenn er sozial werde. Menschen schlössen sich Gleichgesinnten an und radikalisierten sich gegenseitig. Sprache spiele dabei eine Schlüsselrolle. Ariely erläuterte dies anhand des Konzepts des Schibboleth: Worte dienen weniger der Beschreibung von Realität als der Markierung von Zugehörigkeit. Parolen wie »From the River to the Sea« funktionierten für viele nicht als inhaltliche Aussage – wüssten doch einige nicht einmal, um welchen Fluss und welches Meer es sich handle –, sondern als Identitätsmarker.

Historische und geografische Zusammenhänge

Selbst wenn historische oder geografische Zusammenhänge unbekannt seien, markiere der Satz eine klare Abgrenzung – und richte sich letztlich gegen jüdische Existenz. Um Zugehörigkeit zu behaupten, müssten die Aussagen immer radikaler werden.

Gefühle von Ausgrenzung haben während der Pandemie den Boden für den heutigen Hass bereitet.

In der anschließenden Fragerunde wies auch Israels Generalkonsulin Talya Lador-Fresher darauf hin, dass Gefühle von Ausgrenzung während der Pandemie den Boden für den heutigen Hass bereitet hätten. Guy Katz erinnerte daran, wie auch Unterstützer wie Uschi Glas massiven Anfeindungen, insbesondere in den sozialen Medien, ausgesetzt seien – aufgrund ihrer Unterstützung der Impfkampagne ebenso wie wegen ihres Engagements »mit den Juden«, wie ihr kürzlich vorgeworfen wurde.

Auf die Frage nach einem konkreten Schritt gegen die gesellschaftliche Verhärtung schlug Ariely schlicht vor, jemanden anzurufen, zu dem der Kontakt abgebrochen sei, und ins Gespräch zu gehen. Antisemitismus gedeihe dort, wo die Welt als Nullsummenspiel verstanden werde und Identität über Abgrenzung entstehe. In diesem Narrativ müsse ein Feind ausgemacht werden – eine kleine Minderheit, gegen die sich das Feindbild über lange Zeit entwickelt habe.

Menschliche Beziehungen könnten dieses Muster durchbrechen. Sie seien zwar kein Allheilmittel, aber dennoch ein notwendiger Anfang auf einem Weg aus dem Hass.

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