Porträt der Woche

»Was die Seele wärmt«

Umgeben von Bildern: Nina Nesterenko in ihrer Kölner Wohnung Foto: Alexander Stein

Porträt der Woche

»Was die Seele wärmt«

Nina Nesterenko malt, singt und schreibt Gedichte auf Bestellung

von Matilda Jordanova-Duda  21.08.2012 07:20 Uhr

In meinem Leben war ich schon einsam, hungrig, durstig, arm, krank, nur gelangweilt war ich nie. Wenn ich mich nicht besonders fühle und das Haus nicht verlassen kann, male ich. Oder schreibe. Mir geht das leicht von der Hand. Ich schreibe Gedichte – auch auf Bestellung, zu Geburtstagen und anderen Jubiläen, selbst, wenn es wildfremde Menschen sind. Ich befrage zunächst den Besteller, welche Eigenschaften der Jubilar hat, welche Träume, Schwächen, Sympathien, Hobbys. Dann zeichne ich mit Worten ein Porträt von ihm.

Letztes Jahr habe ich in der Ukraine meinen Gedichtband Die Katze von Sir Kipling herausgegeben. Das hat mich eine Stange Geld gekostet, und trotzdem hat der Verlag viele Druckfehler übersehen, und die Tinte ist stellenweise verschmiert. Wenn ich mein Buch verschenke, muss ich mich dafür entschuldigen. Ich könnte auch auf Deutsch schreiben, aber das wäre eine mickrige Kopie dessen, was ich auf Russisch schaffe.

Wenn man die Fremdsprachen mitzählt, die ich mithilfe des Wörterbuchs lesen kann, beherrsche ich außer meiner Muttersprache Ukrainisch insgesamt sieben Sprachen: Russisch, Weißrussisch, Polnisch, Deutsch, Englisch, Georgisch und Jiddisch. Zum Sprechen fehlt mir allerdings die Übung. Ich übersetze vor allem Liedtexte aus dem Englischen, Deutschen und Jiddischen ins Russische – und zwar so, dass es zur Musik passt.

autodidaktin Oft dolmetsche ich auch. Die beste Methode, Fremdsprachen zu lernen, ist aus meiner Sicht, Bücher zu lesen. So habe ich auch Deutsch gelernt: Ich bin mehr oder weniger Autodidaktin. Sogar Anna Karenina habe ich auf Deutsch gelesen oder Stefan Zweigs Marie Antoinette.

Mein liebstes Buch ist jedoch Das Parfüm von Patrick Süskind. Früher, in der Ukraine, war ich schwer versucht, es aus der Bücherei zu klauen. Ich träumte davon, es im Original zu lesen. Und tatsächlich, als ich nach meiner zweiten Herzoperation in Solingen im Krankenhaus lag, kümmerte sich eine Nonne um mich. Ich sprach schon etwas Deutsch und bat sie, mir Das Parfüm zu bringen. Sie tat es, und ich versuchte, es zu lesen und die Worte auf mich wirken zu lassen. Ich kriegte eine Gänsehaut davon, so faszinierend ist dieser Roman.

Ich habe in der Sowjetunion Slawische Philologie studiert. Danach war ich bei einer staatlichen Organisation angestellt, die drei große Verwaltungsgebiete mit Metall versorgte. Ich hatte 68 dicke Aktenordner mit Verträgen, Lieferungen, Fristen und Entschädigungen zu verwalten. Diese Arbeit beschäftigte nicht meinen Geist. Verständlich, dass ich mich nach Feierabend dem widmete, was mir gefiel: Gedichte schreiben, malen und singen. Ich hatte damals einige Bands. Mit 38 Jahren machte mich mein schwaches Herz jedoch zu einer Schwerbehinderten. Da hatte ich schon die erste Herzoperation hinter mir.

In den 90ern hatte ich kein Geld für Medikamente, meine Behindertenrente reichte vorne und hinten nicht, und mein Ex-Mann zahlte keine Alimente. Da sagte mir eine junge Bekannte: Nina, du hast dein Leben lang nur Nachteile durch deine jüdische Herkunft gehabt. Andere haben das Beste daraus gemacht, während du hier herumsitzt. Sie hat mir dann geholfen, die Ausreisepapiere zu organisieren. Sonst würde ich heute wahrscheinlich auf dem Friedhof liegen.

tochter So lebe ich seit 1999 in Deutschland. Meine Sandkastenfreundin, die einige Jahre vor mir ausgewandert ist, hat keine Mühe gescheut, mich zu sich nach Köln zu holen. Jetzt leben wir acht Stockwerke voneinander entfernt. Meine Tochter Renata studiert schon. Da kann ich zumindest behaupten, dass ich ihr eine konkrete Zukunftsperspektive eröffnet habe.

Endlich kann ich es mir leisten, Malfarben, Stifte, Leinwand und Papier zu kaufen. In der ersten Zeit habe ich auf Verpackungskarton gemalt. Alle Bekannten haben mir die Verpackungen von ihren Einkäufen gebracht. Das erste Geschenk, das mir meine Tochter hier in Deutschland machte, war ein Malblock.

Renata habe ich sehr oft gemalt: nachdenklich, schlafend, am Computer, noch mal und noch mal. Sie scheint immer ganz anders zu sein. Manche sagen mir, ich sei verrückt nach meiner Tochter. Na und? Besser als nach Wodka. Renata hat etwas Bestimmendes, was mich manchmal kindlicher als sie erscheinen lässt. Wenn sie beleidigt ist, gehe ich als Erste hin und entschuldige mich, selbst wenn der Fehler eigentlich bei ihr liegt.

Renata ist mir lieb und teuer, und ich mache mir furchtbar viele Sorgen um sie. Mein erstes Kind ist gestorben, und die Ärzte hatten mir verboten, ein weiteres Mal schwanger zu werden, ich würde die Geburt nicht überleben. Ich habe wirklich nur mit knapper Not überlebt. Fast die ganze zweite Schwangerschaft verbrachte ich im Krankenhaus.

Außer Renata male ich alles, was mir unter die Augen kommt. Auf einem Bild ist eine Dame aus unserer Verwaltung, sie hatte einen so sehnsüchtigen und gleichzeitig beleidigten Blick. Auf einem anderen Bild habe ich versucht, meine Mutter als junge Frau zu malen: Sie war eine wahre Schönheit. Mein Lieblingsthema ist die kleine Nixe von Andersen, die habe ich unzählige Male gezeichnet. Wenn ich meine Arbeiten sammeln würde, hätte ich in der Wohnung keinen Platz mehr zum Leben. Das meiste verschenke ich.

chöre Ich bin ein Mensch, der lieber drei, vier Sachen pro Abend macht als eine Sache in drei, vier Monaten. Ich habe zum Beispiel schon in mehreren Chören gesungen. Seit gut zehn Jahren bin ich bei Terra Nova, einem Jazz-Chor der evangelischen Kirche. Zu meinem früheren Damenchor habe ich immer noch ein gutes Verhältnis. Ich trenne mich nie von Künstlern. Kunst ist unterm Strich das, wofür es sich wirklich lohnt zu leben. Das heißt, wenn der Mensch nicht nur zu Gast auf Erden ist, sondern selbst etwas Neues, Interessantes schafft, das die Seele wärmt und diejenigen ein wenig aufmuntert, die sich ihr schwieriges Leben nicht ausgesucht haben.

Reisen kann ich wegen der Krankheit ja nicht. Einmal traute ich mich, in die Niederlande zu fahren, und man hat mich halb tot zurückgebracht. Aber ich finde immer etwas zu tun. Ich bin auch schon unzählige Male als Sängerin aufgetreten. Mein Repertoire umfasst etwa 10.000 Lieder. Ich liebe es, bekannte Melodien neu zu arrangieren, aber ich habe auch eigene Stücke. Allerdings gibt es nur wenige Möglichkeiten, vor russischsprachigem Publikum aufzutreten. Hier in Köln sind das die Synagoge und die Begegnungszentren.

Kürzlich bin ich hier in Köln in einem bemerkenswerten Arttheater aufgetreten. Es heißt »Kunst gegen Bares«. Jeden Montag, um 20 Uhr, kann jeder zeigen, was er kann und will. Man bringt seine eigene Gitarre oder einfach eine CD mit Musik mit. Es kommen Studenten, Theaterleute, auch Künstler, die sich bereits einen Namen gemacht haben, aber noch einmal in diese Atmosphäre eintauchen wollen. Man hat zehn Minuten für einen Tanz oder Sketch, für Musik oder Gesang.

Zum Schluss werden alle Künstler auf die Bühne gerufen, und jeder bekommt ein Sparschwein in die Hand gedrückt. Die nummerierten Schweine werden dann im Foyer ausgestellt. Wem ein Stück gefallen hat, der wirft Geld hinein. Vor ein paar Wochen war dort »Jüdischer Tag«, da habe ich ein paar Lieder vorgetragen. Je nach Stimmung und Gesundheitszustand nehme ich an solchen Abenden teil. Man bereitet Vergnügen – sich selbst und den anderen.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova-Duda

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