Berlin

Wahre Geschichten

Bei der Vorstellung des Films »Mit einem Lächeln und einer Träne«, der die Arbeit des Treffpunkts für Holocaust-Überlebende der ZWST in Frankfurt zeigt Foto: Rolf Walter

Die Farbe der Papierserviette bringt sie vollkommen aus der Fassung. Sie beginnt zu zittern, kann die Tasse nicht mehr halten. Die Serviette hat exakt dieselbe Farbe wie der Pullover, den sie trug, als sie nach Auschwitz deportiert wurde, erzählt sie schließlich stockend.

»Das Trauma hört nicht auf«, sagt Noemi Staszewski am Dienstagabend bei der Vorstellung des Films Mit einem Lächeln und einer Träne, der die Arbeit des Treffpunkts für Holocaust-Überlebende der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) in Frankfurt zeigt. Eingeladen hatte die Stiftung Erinnerung, Vergangenheit und Zukunft (EVZ), die zu einen der wesentlichen Unterstützer dieser Projekte gehört. »Die Folgen der Verfolgung halten weiter an. Wir brauchen mehr Mittel und eine noch bessere Betreuung«, betonte Günter Saathoff vom Vorstand der Stiftung EVZ deshalb bei der Begrüßung der Zeitzeugen und Gäste.

Der Treffpunkt in Frankfurt, die Keimzelle weiterer 15 Einrichtungen im ganzen Bundesgebiet, gibt Schoa-Überlebenden einen Zufluchtsort. Dort treffen sich Menschen, die Gleiches erlebt haben und sich nicht ihrer Erinnerungen schämen müssen.

Kriegserlebnisse Stundenlang haben sie im Wald ausgeharrt, bis der Fliegerangriff vorüber war, dann mussten sie wieder auf die LKWs, die sie nach einer endlos langen Fahrt in den sicheren Ural brachten, erzählt Zhanna Goldyner. Ihr Mann Yevgen hat ein Gedicht über die ersten Tage des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion verfasst, das er zum Schluss des Abends auf Russisch vorträgt.

Es ist die Zusammenfassung dessen, was er schon vorher erzählt hat. Er erinnert sich an den Sommer 1941. Er besuchte gerade seinen Vater an der polnisch-ukrainischen Grenze, als der Krieg ausbrach. Sein Vater war dort stationiert und für das Kulturprogramm der Roten Armee zuständig. Yevgen Goldyner wollte seine Ferien mit dem Vater verleben, der häufig von der Familie getrennt war. Moderiert von der Programmleiterin der Stiftung EVZ, Anja Kräutler, erzählen die beiden Ukrainer, die seit 15 Jahren in der Lutherstadt Wittenberg leben, ihre Geschichte.

Die ersten Kampfhandlungen waren ganz in der Nähe, fährt Yevgen Goldyner fort, fast schon zu hören. Die Frage war: Bleiben, flüchten, zurück zur Familie? Bevor die deutschen Truppen anrückten, halfen Nachbarn. »Schnell, schnell, ihr müsst hier weg.« Er floh schließlich ebenfalls auf einem Lastwagen. Das Ziel: der sichere Ural. Seine spätere Frau traf er auf der Heimkehr bei seiner Tante, das war am 29. Januar 1946. Das Datum hat sich eingebrannt, wie so vieles. Wie auch die Erinnerung, dass sich seine Mutter über ihn warf, um ihn mit ihrem Körper zu schützen, »als die Messerschmidts« kamen.

Unterschiede Zwei Geschichten von Schoa-Überlebenden, zwei Erfahrungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Erlebnisse, mit denen die Sozialarbeiter, Psychotherapeuten und ehrenamtlichen Helfer der Treffpunkte für Schoa-Überlebende konfrontiert werden. Noemi Staszewski hat sie aufgebaut. 2002 begann es mit einem Pilotprojekt der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, heute gibt es Einrichtungen in insgesamt 16 Städten. Die einen mehr, die anderen weniger frequentiert, wichtig allemal, wie das Ehepaar Goldyner erzählt.

Polina Flihler hat die beiden nach Berlin begleitet, sie ist Projektleiterin der Programme der ZWST in Sachsen-Anhalt. Auch sie Tochter von Schoa-Überlebenden, die um die Traumata ihrer Schützlinge, die auch sie geprägt haben, weiß.

Der Treffpunkt in Wittenberg und die jüdische Gemeinde sind für die Anfang 80-Jährigen die einzigen sozialen Kontakte. Und wie ihnen geht es den meisten der etwa 30 Treffpunktbesucher in der Lutherstadt. Dafür seien vor allem die Sprachbarrieren der schon im fortgeschrittenen Alter nach Deutschland gekommenen Zuwanderer verantwortlich, erklärt Polina Flihler.

Jüdisches Leben Aber sie klagen nicht, sie haben die Möglichkeit, Kultur und jüdisches Leben zu genießen. Beide kommen aus dem mittelständischen Bildungsbürgertum, haben später studiert, er Ingenieurswissenschaften, sie Sprachen. Sie sind zufrieden. Einmal monatlich treffen sie Menschen, die Ähnliches erlebt haben wie sie.

Für die Schüler der Ernst-Reuter-Oberschule, die an diesem Abend in die Lindenstraße gekommen sind, ist das, was sie hören, gelebter Geschichtsunterricht. »Das ist viel wahrer als das, was in den Büchern steht«, sagt der 19-jährige Gianluigi. Für Mohamed (21) ist der Abend »einfach sehr interessiert, etwas anderes als Geschichtsunterricht«. Interesse oder Schulunterricht? »Halbe, halbe«, meint Mohamed, doch die beiden alten Leute, die Krieg und Verfolgung im Alter von elf und 13 Jahren erlebt haben, nötigten ihm Respekt ab. In seiner Schulklasse sind viele Muslime. Die Mädchen tragen Kopftücher und hören interessiert zu.

einblick Was die eingeladenen Gäste aus Stiftungen und sozialen Einrichtungen an diesem Abend gehört und als Film gesehen haben, ist nur ein kleiner Einblick in die Arbeit, die heute fast dringender denn je sei, sagt Noemi Staszewski, die Projektleiterin aller 16 Treffpunkte. Die Schoa-Überlebenden würden älter, und im Alter erwachten die traumatischen Erinnerungen deutlicher als zu Zeiten, in denen die Menschen durch ihren beruflichen und familiären Alltag abgelenkt waren. Sie würden retraumatisiert.

Die Farbe der Serviette, ein Stempel, der auf ein Papier knallt, ein Hund, der bellt. Eine Kleinigkeit kann alle Schreckensszenarien in einem Augenblick wieder ins Gedächtnis zurückbringen. »Wir brauchen dringend ehrenamtliche Mitarbeiter, die uns bei dieser Aufgabe helfen«, sagt Noemi Staszewski. »Und Geld, denn auch die Ehrenamtlichen müssen professionell vorbereitet werden, damit sie überhaupt helfen können.« Wenn auch schon viele Schoa-Überlebende gestorben seien, die zweite Generation und die »Child Survivors, die die Schrecken der Verfolgung als Kinder erlebten, brauchen die Hilfe noch mindestens weitere 20 Jahre«.

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