Biografie

Von Tel Aviv an die Isar

Bei der Buchvorstellung: Rafael Seligmann (l.) und Christian Ude Foto: Myriam Gümbel

In der vergangenen Woche hat Rafael Seligmann im ausgebuchten Hubert-Burda-Saal in München seine Autobiografie Deutschland wird dir gefallen vorgestellt. Unter den Zuhörern waren auch zahlreiche ehemalige Mitschüler und Freunde des Autors. Ein weiterer Wegbegleiter Seligmanns saß mit ihm auf dem Podium: Gemeindepräsidentin Charlotte Knobloch begrüßte den Münchner Oberbürgermeister. Dem Autor war es gelungen, Christian Ude für die Präsentation zu gewinnen. Sie könne sich »beim besten Willen keinen besseren Paten« dafür vorstellen, unterstrich Knobloch.

Charlotte Knobloch verwies auf einige Gemeinsamkeiten der beiden: Sie seien Journalisten, bezögen Stellung gegen jede Form von Unterdrückung und hätten sich beide schon in jungen Jahren für Willy Brandt und die SPD begeistert. Da fingen die Unterschiede allerdings schon an.

Der eine sei dieser Partei beigetreten, der andere habe sich von ihr entfernt. Schließlich gäbe es noch einen ganz gravierenden Unterschied: die Einstellung der beiden Akteure auf dem Podium zu München. »Der eine«, sagte die Präsidentin, »war hier immer fest verwurzelt, verließ München nur im Urlaub und nimmt seit langem wichtige gesellschaftliche Funktionen und seit bald 20 Jahren das wichtigste politische Amt wahr.

Der andere lebte zwar viele Jahre in München, kehrte jedoch der, ich zitiere: ›geputzten, langweiligen, selbstgerechten Stadt‹ vor zwölf Jahren den Rücken, um in das, ich zitiere weiter: ›spannende, unfertige Berlin‹ zu ziehen.« Dass dieser Punkt im Gespräch zwischen Rafael Seligmann und Christian Ude eine Rolle spielte, war zwangsläufig.

Zwiespalt Zunächst ging es aber erst einmal um die Kindheit in München. Sie war prägend für beide, und doch unterschiedlich. Ude war hier geboren, Seligmann kam mit den Eltern als Zehnjähriger an die Isar. Der Vater glaubte hier bessere Möglichkeiten zu haben, seine Familien ernähren zu können. Die Mutter ging nur widerwillig in das »Land der Mörder«.

Diesen Zwiespalt im Erleben der neuen Heimat trug Seligmann lange mit sich herum, auch wenn der Vater ihm vor der Abreise noch versichert hatte: »Hab keine Angst, Rafi. Deutschland wird dir gefallen.« Fürs Erste galt das allerdings nicht. In der Schule – er kam in die vierte Klasse – waren nicht nur die fehlenden Sprachkenntnisse ein Handicap.

Er musste sich auch an eine völlig neue Mentalität gewöhnen. Der Lehrer war hier eine Respektsperson, die er nicht mehr wie in seinem früheren Zuhause mit Vornamen ansprechen durfte. Und als Jude bekam er zudem antisemitische Ressentiments zu spüren.

Nähe Das besserte sich, als er nach einigen Wochen in die vierte Klasse der Volksschule an der Herrnstraße wechselte. Außerdem kämpfte seine Mutter mit vollem Einsatz für ihren Jungen, wenn sie Ungerechtigkeiten seitens der Lehrer zu spüren glaubte. In diesem Punkt gab es einmal mehr gemeinsame Erfahrungen im Leben von Rafael Seligmann und Christian Ude.

Wie sehr das latente antisemitische Klima den jungen Seligmann belastete, wird in einem Traum deutlich, den der Schüler noch in derselben Nacht zu Papier bringt und den er im Buch erzählt: Als Schüler verlauft er seine Lehrerin an den meistbietenden Mitschüler. Das Klischee war auf ihn übergesprungen.

Zugleich hatte er die Erfahrung gemacht, dass ein Niederschreiben seiner Gedanken wichtig für ihn war. Von diesem Zeitpunkt an wusste er, dass er Schriftsteller werden wollte. Wie sehr ihn all das noch heute bewegt, wird in seinen Worten an Christian Ude deutlich, der ihn aufgefordert hatte, von diesem Traum zu berichten: »Ich bin gerührt, dass du mit deiner Sensibilität und deiner Künstlerseele genau den Punkt herausfindest.«

Als Schriftsteller und Journalist hat Seligmann, der schließlich das Abitur nachgeholt, Politikwissenschaft und Geschichte studiert und über die Sicherheitspolitik Israels promoviert, Karriere gemacht. Die deutsch-jüdische Identität hinterlässt ihre Spuren sowohl in der journalistischen wie in der schriftstellerischen Arbeit. Die Wahrheit ist ihm dabei immer ein Anliegen.

Wie aber steht es mit der Wahrheit im persönlichen Leben, fragte Ude mit Blick auf die zahlreichen amourösen Begebenheiten, die Seligmann in seinem Buch ausführlich schildert. Wie er seiner Frau im Sinne der Offenheit der 68er-Generation von seinem ersten Seitensprung berichtete, war diese gar nicht amüsiert. Für den Ehemann gab es da nur eine Schlussfolgerung: nicht alles erzählen. Als ehrlich, so beteuerte er, empfindet er sich dennoch. Wenn man über sein Leben schreibt, dürfe man auch diesen Aspekt nicht auslassen.

Schulzeit Schließlich findet Seligmann auch zum Thema München eine Antwort, die Ude und Knobloch als gebürtige und überzeugte Münchner annehmen können. Er komme immer gerne nach München und zum Urlaub an den Chiemsee. Sein Sohn lebe hier und auch seine Freunde aus der Schulzeit, mit denen er dann nach dem Vortrag noch im Gemeinderestaurant Einstein zusammen saß.

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