Porträt der Woche

Von Teheran nach Hamburg

Armin Levy Foto: Heike Linde-Lembke

Am Ende der Schah-Zeit wurde ich 1979 in Teheran geboren, wo ich zu Hause mit jüdischer Erziehung aufwuchs und stolz auf mein Jüdischsein war. In der Schule lernte ich mit anderen Kindern nicht nur Mathematik und Englisch, sondern auch Arabisch, den Koran und den Islam.

Trotz des Rassismus gegenüber religiösen Minderheiten, insbesondere Juden, wurden die muslimische Religion und Mentalität für mich selbstverständlich. Von dieser Erfahrung profitiere ich noch heute – in meinem Kampf gegen das mörderische Mullah-Regime im Iran und gegen den Islamismus.

Als die Mullahs die Macht übernahmen, wurden meine Eltern bei ihrer Ausreise nach Amerika am Flughafen in Teheran festgenommen. Sie wurden aufgrund angeblicher »Korruption auf Erden« und »Zusammenarbeit mit Feinden des Islams« durch Spionage für die USA und Israel unschuldig inhaftiert, ohne Rechtsbeistand, ohne Gerichtsverfahren, und sie haben nie wieder ihre Freiheit erlangt.

Meine neue Heimat

Heute ist Hamburg meine neue Heimat. Doch ist sie eine verlässliche Heimat? Dafür kämpfe ich unter anderem gegen Antisemitismus und Islamismus in der Hansestadt, und ich versuche alles, um das jüdische Leben in Hamburg sichtbarer zu machen.

Wie fast alle Juden, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen, träume ich von meiner Heimat und erinnere mich an meine Flucht-Odyssee aus dem Iran. Doch ich wollte meine Zukunft gestalten, habe das Kantoren-Seminar in Bad Sobernheim besucht und bin seit Jahren stellvertretender Vorbeter der Hamburger orthodoxen Synagoge. Nach Hamburg zog ich vor mehr als zehn Jahren, studierte Personalpolitik und bin seitdem Mitglied der Jüdischen Gemeinde Hamburg.

Das Erinnern an die wohl schwerste Zeit meines Lebens ruft immer wieder großen Schmerz hervor.

Die Chuppa meiner geliebten Eltern fand in der aschkenasischen Synagoge »Daniel HaNavi« in Teheran statt und wurde vom damaligen Oberrabbiner Hacham Yedidia Shofet sel. A. durchgeführt. Der damalige Oberrabbiner Irans, Hacham Uriel Davidi sel. A., der auch Mohel war, empfahl meinen Eltern bei meiner Brit Mila überraschend, mich Aviʼel zu nennen. Das bedeutet »Gʼtt ist mein Vater«, und bis heute, egal, in welcher Situation ich mich befinde, spüre ich die Anwesenheit dieses Vaters und seinen Schutz stets bei mir.

Die Eltern meines Vaters waren 1942, wie viele andere osteuropäische Juden, vor dem Rassenwahn des NS-Regimes aus Osteuropa nach Persien geflohen. Meine Mutter war eine persische Jüdin, und ich wuchs bei ihrer Zwillingsschwester auf. Aber ich möchte heute gar nicht über die Vergangenheit und die Flucht aus Teheran erzählen, ich möchte darauf auch nicht mehr angesprochen werden, weil das Erinnern an die wohl schwerste Zeit meines Lebens immer wieder großen Schmerz hervorruft.

Im Hier und Jetzt

Ich möchte im Hier und Jetzt leben. Ich möchte anderen Menschen Impulse geben, aktiv für diese Gesellschaft einzutreten, und uns Juden zu einem selbstbewussten und offenen Auftreten ermutigen. Das geht meines Erachtens am besten durch eine offene Kommunikation, durch Gespräche, durch Austausch analog und über die sozialen Netzwerke.

Nach jahrelanger Arbeit im kaufmännischen Bereich habe ich erkannt, dass es an einer hör- und sichtbaren jüdischen Stimme fehlt, die diplomatisch die Interessen der Juden vertritt. Jemand, der sich mit anderen Religionen, mit Diplomaten, Politikerinnen und Politikern austauscht – ein jüdischer Botschafter! Deshalb arbeite ich seit Jahren als Referent für Presse und Öffentlichkeitsarbeit und betreue die Präsenz der Jüdischen Gemeinde Hamburg in den sozialen Medien.

2019 habe ich »Raawi« gegründet, ein jüdisches Magazin, in dem mein Team und ich über jüdisches Leben berichten. Der Begriff »Raawi« kommt aus der islamischen Theologie und bedeutet »der Erzähler«. Ich möchte, dass sich auch die Menschen aus dem Nahen Osten angesprochen fühlen und Vertrauen haben. Ich pflege gute und respektvolle Kontakte zu den Religionen in Hamburg, denn mein Grundsatz lautet: Nur wer sich kennt, kann einander verstehen und Barrieren überwinden.

Ich habe erkannt, wie wichtig Diplomatie und politisches Engagement sind, um die Rechte und Interessen der jüdischen Gemeinschaft effektiv zu vertreten. Dazu habe ich viel gelesen und mich mit Diplomaten und Politikern ausgetauscht. Es war ein Prozess des »Learning by Doing«. Ich begleite den Vorstand der Jüdischen Gemeinde und den Landesrabbiner zu vielen Terminen, um über das blühende jüdische Leben in Hamburg zu berichten.

Im Dezember 2023 wählten mich die Mitglieder der Hamburger Jüdischen Union zum Vorstandsvorsitzenden. Die Jüdische Union bietet allen Jüdinnen und Juden einen Ort für Dialog und Austausch mit der Mehrheit der Gesellschaft. Mit dem Projekt »Hamburger jüdische Mediathek« archivieren mein Team und ich seit mehr als zehn Jahren digitale Medien über das jüdische Leben in der Hansestadt.

Interviewreihe »Lebende Legende«

In einer Interviewreihe mit dem Titel »Lebende Legende« und der Podcast-Reihe »Raawi trifft …« haben wir jüdische Ikonen wie Peggy Parnass interviewt, um über ihr Leben und ihren Werdegang während und nach der Schoa zu sprechen. »Raawi« setzt sich aktiv für Demokratie, Diversität, Inklusion und Vielfalt, gegen Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit ein. Und ja, »Raawi« ist ein queerfreundliches Medienunternehmen.

Klar, dass ich dafür morgens erst einmal Nachrichten auf allen Kanälen höre und lese. Anschließend prüfe ich meine Termine, plane meinen Tag und schaue, bei welchen Terminen der Gemeinde ich dabei sein muss, um Inhalte für die sozialen Medien und unser monatlich erscheinendes Gemeindemagazin »haYom« zu erstellen. Die Kippa trage ich nur in der Synagoge, in der Gemeinde und beim Beten. Draußen bin ich einfach nur Armin, ein stolzer Jude, der für alle ansprechbar ist. Ich würde die Kippa gern immer tragen, wenn ich mich auf der Straße sicher fühlen könnte.

Ich habe immer noch engen Kontakt mit den Juden im Iran und mit den jüdischen, armenischen und assyrischen Gemeinden dort. Teilweise investiere ich viel Zeit und Energie, um Lösungen für ihre Probleme zu finden und sie mit Hilfsorganisationen wie HIAS und Caritas zu vernetzen.
Seit dem 7. Oktober 2023 setzen wir uns intensiv für die Freilassung der Geiseln ein, sprechen mit Menschen aus Politik und Gesellschaft und bitten um Unterstützung. Die mediale Aufmerksamkeit hat mir jedoch auch persönliche Bedrohungen eingebracht, nicht nur auf Social-Media-Kanälen. Diese Bedrohungen richten sich gegen Menschen, die sich für Israel, Demokratie und das jüdische Leben einsetzen.

Ich achte darauf, dass mein Privatleben, vor allem mit meiner Familie, nicht zu kurz kommt.

So traurig es klingen mag, aber das Leben und alles, was mir und meinen Eltern widerfahren ist, geben mir die Kraft, all das zu überstehen. Zudem achte ich darauf, dass mein Privatleben, vor allem mit meiner Familie, nicht zu kurz kommt. Es vergeht beispielsweise kein Tag, an dem ich nicht fotografiere, das ist meine Leidenschaft, die mir natürlich auch beruflich zugutekommt. Außerdem liebe ich Musik, spiele Gitarre und freue mich über einen großen Freundeskreis aus allen Ecken der Stadt und darüber hinaus.

Als große Aufgabe sehe ich den interreligiösen Dialog, auch, um eine gemeinsame Basis gegen Diktaturen und Regime wie dem Iran zu finden. Der Raketenangriff des islamischen Regimes auf Israel hat mich betroffen und traurig gemacht. Seit 2700 Jahren verbindet uns unsere jüdische und persische Kultur. Das darf nicht enden!

Protestwelle von Politik und Bürgertum

Gerade müssen wir diese furchtbaren Aufmärsche der Islamisten in Hamburg erleben, die ein Kalifat errichten wollen. Das rief eine große Protestwelle von Politik und Bürgertum hervor. Zum Glück, denn das heißt, dass die Mehrheitsgesellschaft durchaus sieht, dass wir Jüdinnen und Juden sehr bedrängt werden, dass uns Antisemitismus entgegenschlägt.

Das eskaliert seit dem 7. Oktober, seit dem Hamas-Massaker auf die Kibbuzim und das Nova-Musikfestival in Südisrael mit 1200 ermordeten Menschen und 240 in den Gazastreifen verschleppten Geiseln, von denen immer noch 133 Jüdinnen und Juden in der Gewalt der Terroristen sind. In Hamburg organisierte der Verein »Kulturbrücke Hamburg« eine große Gegendemonstration gegen die Kalifat-Aufmärsche. Wir riefen alle Menschen zur Teilnahme auf. Rund 1000 Menschen kamen, was uns große Kraft gibt.

Mit der »Kulturbrücke Hamburg« kämpfe ich für Demokratie und dafür, dass das Islamische Zentrum Hamburg als verlängerter Arm des Mullah-Regimes endlich geschlossen wird. Ich glaube, dass wir gerade in diesen schwierigen Zeiten des zunehmenden Antisemitismus eng zusammenstehen und uns als Einheit präsentieren müssen.

Aufgezeichnet von Heike Linde-Lembke

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