München

Vielseitige Brückenbauerin

»Diese Bekanntschaft fehlt mir noch. Wer immer sie kennt, sollte sie mir vorstellen!« Mit viel Humor wandte sich Ellen Presser in ihrer Dankesrede so an die geladenen Gäste. Denn anlässlich ihres 70. Geburtstags wurde mit Lobreden und Komplimenten für die Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde nicht gespart. »Ich würde diese arbeitsame Frau, von der hier die Rede war, wahnsinnig gern kennenlernen. Sie ist höchstwahrscheinlich nicht langweilig!« Und so musste die Jubilarin zwangsläufig von dem, was Familie, Freunde, Mitwirkende sowie Mitverantwortliche oder Laudatoren ihr zuschrieben, auf sich selbst schließen.

In der Tat – ohne Ellen Presser wäre die heutige Kulturabteilung nicht das, was sie ist. Seit sie 1983 unter dem damaligen Gemeindepräsidenten Hans Lamm die Leitung des Kulturzentrums übernommen hat, sind Hunderte Veranstaltungen und Vorträge geplant und ermöglicht worden. Und diese allesamt mit einer solchen Gabe für reibungslose Organisation, dass Überraschungsgast Michael Brenner, Professor am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur in München, in ihr eine echte Jeckete erkannte.

Ihre Eltern hatten die Schoa in der Sowjetunion und in Polen überlebt und waren beide nach dem Krieg in den Westen geflüchtet, wo sie sich in einem Lager für sogenannte Displaced Persons in Nordhessen kennenlernten. 1954 wurde Ellen Presser in München geboren und wuchs in einem traditionellen Elternhaus auf.

Zur Schule ging sie unweit der heutigen Synagoge am Jakobsplatz.

Zur Schule ging sie unweit der heutigen Synagoge am Jakobsplatz in das Mädchengymnasium am Anger, wo es anfangs sogar jüdischen Religionsunterricht gab. Den Umbruch Anfang der 80er-Jahre in der rund 4000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde erlebte sie aktiv mit. Während ihre Eltern, die Jiddisch und Polnisch sprachen, in Deutschland auf gepackten Koffern lebten, war mit ihr eine andere Generation herangewachsen, die in diesem Land zu Hause war.

Juden und Nichtjuden einander näherbringen

Jüdische Gemeinden planten Neubauten, neben neuen Initiativen wie jüdischem Buchhandel und Kulturvereinen sollte auch die damals drittgrößte jüdische Gemeinde mit kulturellen Aktivitäten Juden wie auch Nichtjuden erreichen, bestenfalls beide einander näherbringen. Von Anfang an dabei in der über 40-jährigen Geschichte des Kulturzentrums: Ellen Presser. Damals noch in der Prinzregenten- und in der Reichenbachstraße, seit 2007 im neu entstandenen Jüdischen Zentrum am Jakobsplatz.

Gefördert und gefordert wurde sie seit den Anfängen von IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch, wie sie sich in ihrer Dankesrede erinnerte. Mit besonderer Hingabe widmet sie sich dabei den Synagogenführungen und dem Alten Israelitischen Friedhof in der Thalkirchner Straße, der zunehmend verfällt und seit einem Sturm im November vergangenen Jahres schwer beschädigt ist.

Ein besonderes Geburtstagsgeschenk durfte Susanne May, Programmdirektorin der Münchner Volkshochschule, in Vertretung des Kulturreferenten Anton Biebl, der auf Dienstreise in Estland war, verkünden. Mit einer großzügigen Spende beteiligt sich das Kulturreferat am Erhalt des Alten Israelitischen Friedhofs.

Zur Begrüßung und Eröffnung des Festessens sprach IKG-Gemeindepräsidentin Charlotte Knobloch und hob in ihrer Ansprache auch Ellen Pressers Einsatz für diesen Friedhof hervor: »Für mich zeigt das die Größe ihres Herzens und Handelns.«

Wissen und Herzensbildung

Vor allem aber verdanke man ihr das »blühende Kulturzentrum«, denn Ellen Presser sei eine »unglaublich gebildete Persönlichkeit« und jemand, der »freigiebig und großzügig mit ihrem bewundernswert umfangreichen Wissen und ihrer Herzensbildung« umgehe. Mit ihrer Arbeit für die Kultusgemeinde erweise sie sich als eine großartige Brückenbauerin für den kulturellen Austausch: »Vom zarten Steg bis zum spektakulären Viadukt – immer schafft Ellen Presser tragfähige Verbindungen, Übergänge, die die Menschen gern beschreiten.«

Es ist die Zwiesprache, die die Jubilarin am besten beschreibt.

Um Verbindungen ging es anschließend auch Susanne May in ihrer sehr persönlichen Gratulation: »Zwiesprache halten, so lässt sich vielleicht dein Tun insgesamt auf den Punkt bringen.« Sie erinnerte an die vielen gemeinsamen Veranstaltungsreihen von Volkshochschule und Kulturzentrum und lenkte den Blick zudem auf Ellen Presser als Frau des Wortes: »Ganz nebenbei bist du eine leidenschaftliche und damit gefährliche Leserin, eine Publizistin, Journalistin und eine streitbare Verfasserin zeit- und sprachkritischer Kommentare.«

Mit ihm unvergesslichen Anekdoten erinnerte sich Michael Brenner an seine lange Bekanntschaft und auch an die Zusammenarbeit mit der Jubilarin. Bereits zur Studienzeit hatte der Historiker mit ihr eine Vortragsreihe organisiert. Durch ihre Arbeit wurde das Kulturzentrum zu einer ersten Adresse in München: »Jeder, der etwas auf sich hält, war schon hier. Und wenn er ihre Gunst gewonnen hat, darf er auch wiederkommen.«

So waren an diesem Abend nicht nur Ellen Presser, sondern auch die Gäste für die Einladung dankbar, die sie ins Gemeindezentrum geführt hatte. Als Tischdekoration gab es im Restaurant »Einstein« übrigens Gemüse aller Art und als Dessert eine koschere Fruchttorte. Obst und Gemüse sind der Jubilarin – und studierten Diplom-Biologin – nämlich lieber als Blumen.

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