Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Engagieren sich für ukrainische Geflüchtete: Gemeindevorsitzende Irina Katz (l.) und Sozialarbeiterin Elena Miller Foto: Rita Eggstein

Als vor vier Jahren der Krieg gegen die Ukraine begann, stand die Israelitische Gemeinde in Freiburg vor großen Herausforderungen: Binnen kurzer Zeit meldeten sich zahlreiche jüdische Geflüchtete aus der Ukraine bei der Gemeinde. Inzwischen sind es deutlich weniger – im vergangenen Jahr kamen nur noch knapp 30. Doch auch vier Jahre nach Kriegsbeginn ist die Arbeitsbelastung hoch geblieben. Für lediglich rund ein Drittel der insgesamt 157 neu aufgenommenen Menschen sei die finanzielle Kompensation eindeutig geregelt, kritisiert die Gemeindevorsitzende Irina Katz.

Die Zuwanderung hat viele Facetten. Spannungen zwischen russischen und ukrainischen Gemeindemitgliedern habe es schon lange vor dem 24. Februar 2022 gegeben, erzählt Irina Katz. Vor allem seit der Gewalt im Donbass 2014. Schon damals stammten rund 80 Prozent der Freiburger Gemeindemitglieder aus der Ukraine.

»Wir sind Juden, egal, woher wir stammen«, sagt Irina Katz

Eine von ihnen ist Irina Katz selbst. Sie emigrierte 1993 mit ihrer Mutter und ihrem Sohn aus Donezk. Die russischen Gemeindemitglieder seien in Freiburg zwar immer in der Minderheit gewesen – doch zugleich besonders aktiv, sagt Katz. So seien die gegensätzlichen politischen Positionen seit Langem hart aufeinandergeprallt. Irgendwie sei es der Gemeinde bisher aber immer gelungen, diese Spannungen wieder auszuklammern. »Wir sind Juden, egal, woher wir stammen«, so Katz. Das vermittelt sie allen immer wieder.

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Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine sei für die russischen Gemeindemitglieder vor allem der 9. Mai ein schwieriger Tag. Früher war dieser in Russland sehr wichtige »Tag des Sieges« auch in der Freiburger Synagoge gefeiert worden. Für die Überlebenden der Leningrader Blockade hätten Abgesandte des russischen Konsulats sogar Medaillen nach Freiburg gebracht, erinnert sich Elena Miller, die Sozialarbeiterin der Gemeinde. Das sei für die alten Menschen, deren Schicksal ansonsten weitgehend vergessen wurde, wichtig gewesen. Seit dem russischen Angriffskrieg feiert die Gemeinde den 9. Mai nicht mehr. Stattdessen wird am 8. Mai des Endes von Krieg und Faschismus gedacht.

Die sonstigen Aktivitäten der Israelitischen Gemeinde haben sich durch den Zustrom der ukrainischen Geflüchteten etwas verändert: Sonntags werden nun im Rahmen eines neuen Projekts drei kreative und digitale Workshops für Kinder und Jugendliche angeboten, sagt Elena Miller – früher habe es nur eine einzige Gruppe für sie gegeben.

Da die meisten der Geflüchteten Mütter mit Kindern sind, kämen nun mehr jüngere Menschen zu den Veranstaltungen der Gemeinde, die sonst stark von Älteren geprägt ist. Die Theatergruppe habe sich neu gegründet, und statt bisher einer Tanzgruppe gebe es jetzt dank der neuen Gemeindemitglieder aus der Ukraine zwei Gruppen. Allerdings kämen die meisten Neuankömmlinge, genau wie die anderen jüngeren Gemeindemitglieder, nur zu den Feiertagen in die Synagoge, weiß Irina Katz.

Am stärksten spiegelt sich die Vergrößerung der Gemeinde im enorm gestiegenen Arbeitsaufwand

Am stärksten spiegelt sich die Vergrößerung der Gemeinde im enorm gestiegenen Arbeitsaufwand – vor allem für Elena Miller. Zwölf-Stunden-Tage und viele ehrenamtliche Arbeitsstunden sind für sie in den vergangenen vier Jahren zu einer neuen Normalität geworden. Denn seit Kriegsbeginn müssen die jüdischen Gemeinden all das leisten, wofür vor dem Krieg die deutschen Konsulate in der Heimat der Ausreisenden zuständig gewesen seien, sagt sie.

Früher hätten alle, die als jüdische Zuwanderer nach Deutschland emigrieren wollten, in den Konsulaten vor Ort ihre Anträge und Unterlagen einreichen müssen. Nach einer Prüfung, die meist zwei bis drei Jahre gedauert habe, hätten sie ausreisen können. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges liegt diese Prüfung nun bei den Gemeinden.
Elena Miller legt einen dicken Stapel Akten auf den Tisch. Er gehört zu nur einem einzigen der zahlreichen Fälle, die sie in den vergangenen vier Jahren bearbeitet hat. Auch wenn sie ihre Ergebnisse an die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) weitergeleitet habe, kämen von dort oder dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und weiteren zuständigen Behörden häufig Rückfragen. So ziehe sich jede Prüfung sehr lange hin.

Zwölf-Stunden-Arbeitstage sind zu einer neuen Normalität geworden.

Dieser Zusatzaufwand sei vor allem für mittelgroße Gemeinden kaum zu stemmen – kleinere würden sich meist erst gar nicht darauf einlassen. Schwierig sei es vor allem auch deshalb, weil letztlich nur ein Drittel der Neuankömmlinge in Freiburg nach den traditionellen jüdischen Gesetzen als jüdisch gelte.

Nur für diese Mitglieder erhalte die Gemeinde den im Staatsvertrag zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Israelitischen Religionsgemeinschaft (IRG) Baden vereinbarten Zuschuss für religiös-kulturelle Belange von 750 Euro im Jahr. Diese Unterscheidung wirke sich auch bei den anderen Gemeindemitgliedern aus, nicht nur bei den ukrainischen Geflüchteten, sagt Irina Katz: Von den derzeit rund 800 Gemeindemitgliedern erhalte die Gemeinde nur für etwa 530 einen Zuschuss.

Hinzu kommt, dass die aufwendigen Prüfverfahren nur einen Teil der Arbeit ausmachen, die die Gemeinde übernommen hat. Elena Miller unterstützt die Geflüchteten auch in nahezu allen praktischen Fragen des Alltags: Sie vermittelt Arzttermine, begleitet zu Behörden, hilft bei Anträgen – bis hin zur Niederlassungserlaubnis.

Ob Finanzierungen fortgeführt werden, ist ungewiss

Darüber hinaus koordiniert die Gemeinde die Betreuung in jenen Wohnheimen, die in Kooperation mit dem Freiburger Amt für Migration und Integration in drei Gebäuden eigens für jüdische Geflüchtete aus der Ukraine eingerichtet wurden. Dass dieses komplexe Geflecht an Aufgaben funktioniert, sei einem monatlichen Zuschuss der Stadt Freiburg in Höhe von 3500 Euro zu verdanken, sagt die Gemeindevorsitzende. Mit dem Geld konnten kleinere Teilzeitstellen geschaffen und bestehende aufgestockt werden. Doch ob diese Finanzierung fortgeführt wird, ist ungewiss.
Dank der Begleitung durch die Gemeinde hätten inzwischen viele der vor vier Jahren Angekommenen den Sprung in eigene Wohnungen oder Seniorenwohnanlagen geschafft, sagt Elena Miller.

Auch bei der Integration in den Arbeitsmarkt zeige sich ein positives Bild: Fast alle, die weder zu jung noch zu alt sind, haben mittlerweile eine Arbeit oder eine Ausbildung aufgenommen. Ältere Geflüchtete sind teils im Bundesfreiwilligendienst der Gemeinde aktiv: Fünf von ihnen helfen unter anderem in der Küche oder übernehmen Sicherheitsaufgaben in der Synagoge. Und auch wenn rund ein Fünftel der seit 2022 Zugezogenen inzwischen in die Ukraine zurückgekehrt ist, zeigt sich, wie zentral die Gemeinde für die Integration der Geflüchteten geworden ist.

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