Engagement

Grenzenlose Solidarität

»Es brennt mir auf der Seele, sodass ich sofort einen vierstelligen Betrag gespendet habe«, sagt Pedro Elsbach aus Berlin. Bereits mehrfach habe er über seine Elsbach-Stiftung die »Ukraine-Hilfe Berlin e.V.« unterstützt. »So kann ich wenigstens ein wenig helfen.« Denn nicht nur die Zivilbevölkerung leidet unter den anhaltenden russischen Angriffen – auch Krankenhäuser sind massiv gefährdet.

Immer wieder fallen Strom und Heizung aus; Notstromaggregate müssen einspringen, mitunter bis zu 20 Stunden am Tag. Bei Temperaturen von bis zu minus 16 Grad greift Russland gezielt die kritische Infrastruktur an. Die Folgen sind dramatisch: In weiten Teilen des Landes bleiben Wohnungen kalt, Licht und Energieversorgung brechen zusammen. Ein Wort hat Pedro Elsbach dafür: »Katastrophe«. Man müsse etwas unternehmen, und zwar dringend.

»Eine von Hunderten Ukrainern, die ihre Pflicht tun und ihre Heimat unterstützen«

Das denkt auch Inessa Cherniak aus Frankfurt. »Ich bin eine von Hunderten Ukrainern, die ihre Pflicht tun und ihre Heimat unterstützen«, sagt sie. »Gefühlt ist die ganze Ukraine mit mir verwandt.« In den vergangenen Tagen hat sie mit anderen Ehrenamtlichen der Organisation »Frankfurter für die Ukraine« einen Transporter mit Medikamenten, Decken, Schlafsäcken, Powerbanks, Batterien, Hygieneartikeln, Wasserkochern und Kerzen vollgepackt. »Ich muss mich engagieren, es ist mir ein Bedürfnis«, so die Krankenschwester, die in den 90er-Jahren nach Deutschland kam.

Cherniak ist auch um ihre ehemalige Nachbarin in der Ukraine besorgt. Jeden Tag telefoniert sie mit der 94-Jährigen, die immer noch in ihrer Heimatstadt Berdytschiw ausharrt. Die 60-Jährige schickt ihr LED-Lampen, weil ihrer Meinung nach Kerzen zu gefährlich sind. »Falls sie stolpert, hätte das schlimm ausgehen und vielleicht einen Brand auslösen können.« Außerdem leuchteten LED-Lampen wesentlich länger. Die Schoa-Überlebende verteilt sie auch an ihre Nachbarn und Freunde. Sie hat den Sieg über die Nazis erlebt – nun wolle sie auch den Sieg der Ukraine erleben, zitiert Inessa Cherniak die alte Dame. Berdytschiw war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein kulturelles Zentrum für Juden, Polen und Ukrainer. In der ersten Hälfte der 1920er-Jahre war Jiddisch im Amtsgebrauch und sogar als Gerichtssprache anerkannt.

Vor dem Zweiten Weltkrieg waren rund 30.000 der etwas mehr als 66.000 Einwohner jüdisch, nach der Schoa nur noch 15 – eine davon war die Nachbarin von Inessa Cherniak, die sich gleich am Anfang des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine der Hilfsinitiative anschloss.

Ziel ist Charkiw, eine Stadt in der Grenzregion zu Russland

Auf der Homepage von »Frankfurter für die Ukraine« wird angekündigt, dass am 27. Februar der nächste Transport aufbricht – es wäre der 169. seit Kriegsausbruch. Ziel ist Charkiw, eine Stadt in der Grenzregion zu Russland, die sehr unter Beschuss steht. »Radiatoren, Heizöfen, Holzöfen, Generatoren, Feuerlöscher, Feuerwehrschläuche, Erwachsenenwindeln, Kerzenreste, Plastikbesteck und vieles mehr, was bei Strom- und Heizungsausfall zum Überleben hilft, brauchen wir«, sagt Jumas Medoff. »Es ist der kälteste Winter in den vergangenen vier Jahren«, so der Mitinitiator von »Frankfurt for Ukraine«.

Als der Krieg begann, wusste der Unternehmensberater sofort, dass er aktiv werden müsse. Seine Großmutter war eine aschkenasische Jüdin aus der Ukraine. Ihre Familie zog es später nach Baku in Aserbaidschan. »Ich habe viele Freunde in der Ukraine. Wir telefonieren regelmäßig, dann geben sie mir ihre Bedarfsliste durch. Manchmal höre ich während des Telefonats Drohnen und Sirenen oder weinende Kinder.« Die Lage in der Ostukraine sei dramatisch. »Eine kleine Stadt an der Nordgrenze war seit zwei Monaten besetzt. Die Menschen waren vorher schon arm. Jetzt ist alles weg. Sogar die Toilettenschüsseln wurden herausgerissen«, so Medoff. »Aber die Menschen geben nicht auf.«

Manche engagieren sich bereits seit vier Jahren für das bedrohte Land.

Jumas Medoff würde am liebsten überall helfen, aber von Frankfurt aus kann er nur organisieren und zuhören. Er hört zu, wenn Bekannte ihm erzählen, dass sie in Charkiw abends vor den Haustüren kochen und die Bewohner mit warmen Mahlzeiten versorgen. Oder wenn andere ihm berichten, dass ein Team vor Ort sich intensiv um die kaputten Fenster kümmert – was derzeit besonders wichtig sei, damit die Wohnungen nicht noch weiter auskühlen.

»Wir bemühen uns, dass zumindest die Sozialeinrichtungen mit gespendeten Radiatoren und Holzöfen ausgestattet sind«, berichtet er. Sobald die Dinge angekommen sind, melden sich die Empfänger mit Videos zurück. Bis dahin sind die Nerven angespannt. Feuerwehren, Krankenhäuser und Rettungsdienste werden versorgt. Es sei gefährlich, in die Kriegsregionen zu fahren, denn die Helfer werden oft angegriffen oder beschossen. Medoff ist froh, dass es in Frankfurt ein großes Team an Ehrenamtlichen gibt. Mehr als 100 Leute gehören ihm an. »Dennoch suchen wir noch weitere. Wir bräuchten beispielsweise jemanden, der die Kirchen anruft und nach Kerzenwachsresten fragt.«

Einige Hundert Kilometer weiter sitzen Alexandra Melendez und Maria Köster in ihrem Berliner Büro im integrativen Familienzentrum. Zusammen wollen sie anpacken, gemeinsam haben sie »Nano National« gegründet, zu dem Spendenaktionen und der Nano’s Kidsclub gehören. Jetzt sind die beiden erleichtert. »Ihr« vollgepackter Transporter ist soeben in der Ukraine angekommen.

»Es gibt kein warmes Essen für die Kinder. Sie frieren bei minus 13 Grad«

Alexandra liest Maria die Nachricht einer Lehrerin vor, die an einer Schule in der Ukraine arbeitet: »Die Situation in den Schulen und Kitas ist sehr schwierig. Wir haben nur etwa eineinhalb Stunden täglich Strom. Deshalb fällt viel Unterricht aus. Es gibt kein warmes Essen für die Kinder. Sie frieren bei minus 13 Grad. Ab und zu bekommen sie dann doch eine warme Mahlzeit, damit sie überleben.« Träger der Spendenaktion ist die Nano Nation GmbH, die die beiden ins Leben gerufen haben.

Seit fast vier Jahren engagieren sich Maria Köster und Alexandra Melendez für die Ukraine. Maria war jahrelang Restaurantleiterin im Berliner Promi-Restaurant »Borchardt«. Doch als ihr Sohn drei Jahre alt war, wollte sie lieber etwas mit Kindern machen. Die heute 45-Jährige bringt viel Know-how als Eventmanagerin mit. Aufgewachsen ist sie in Moskau, lebt aber schon jahrzehntelang in Berlin und ist Mutter von zwei Söhnen.

Alexandras Mutter ist Russin, ihr Vater stammt aus der Ukraine. Diesen Konflikt nannte sie eine »maximale Identifikationskrise«. Sie selbst wurde in Czernowitz geboren und kam im Alter von fünf Jahren nach Deutschland. Aber ihr Herz schlägt für die Ukrainer.

Wenige Tage nach Kriegsausbruch hat sie einen Raum als Abgabestelle für Sachspenden zur Verfügung gestellt, ein Hilfsnetz aufgebaut und Fahrer organisiert. Dann kam ihr der Gedanke, dass es auch Hilfe für die aus der Ukraine geflüchteten Kinder und Eltern geben müsse. Gemeinsam mit Maria Köster baute sie das Integrative Familienzentrum, den Nano’s Kidsclub, auf. Mehrere Spender gewährleisten Unterstützung, darunter »Metro Deutschland«, das seine Waren weitergebe.

Ein Dankesvideo erreicht auch sie

»Die Nano Nation kümmert sich um die Spenden-Transporte in die Ukraine, um die Flüchtlinge hier vor Ort, speziell die Unterstützung alleinerziehender ukrainischer Frauen und deren Kinder«, erläutert Maria Köster. Da in ihren Einrichtungen in Berlin und Dessau auch viele aus der Ukraine geflüchtete Pädagogen arbeiten, die wiederum mit Bekannten in ihrer Heimat in Kontakt sind, erfahren sie immer, wo der Bedarf am größten ist. Ein Dankesvideo erreicht auch sie.

In Dessau lebt Svetlana Keller, die lange Zeit Geld an eine Freundin geschickt hat. »Ich wollte sie und ihre Familie unterstützen.« Als es ihr finanziell nicht mehr möglich war, blieben wenigstens die regelmäßigen Telefonate. Doch nun ist ihre 80-jährige Bekannte gestorben. »Wir haben vor Jahrzehnten gemeinsam an der Medizinischen Hochschule studiert«, sagt die 79-jährige Kinderneurologin. Sie wurde auf der Krim geboren, zog aber später nach Saporischschja und dann nach Dessau, wo sie sich viele Jahre ehrenamtlich in der jüdischen Gemeinde engagierte. »Jetzt kann ich nur noch helfen, indem ich mit ihrer Tochter telefoniere – und durch meine Gebete.«

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