Prenzlauer Berg

Veras Stein

Man muss nicht weit gehen, um aus der Zeit zu fallen. Mitunter braucht es nur Schritte, bis der Spaziergänger durch das backsteinrote Giebeltor mit dem schwarzen, schmiedeeisernen Davidstern tritt. Noch ist man dem donnernden Maul der Großstadt nicht entkommen. Autos fluten die Schönhauser Allee hinunter. Bauarbeiter ziehen vorbei. Ein Kehrwagen lässt den Gehweg erbeben. Nach wenigen Schritten auf den blattüberdachten Wegen, die an den zahllosen Gräbern vorbei in eine efeugesäumte Unendlichkeit zu führen scheinen, kommt man der Welt abhanden.

Fast wirkt es, als prallten die Laute des Alltags an der Friedhofsmauer ab, als verwandelten die wildgewachsenen, rachitischen Bäume im Unterholz-Gewucher der Gräberfelder den Lärm der Straße in ein Wehen und Flüstern, ein Säuseln und Rauschen. Mehr ist nicht zu hören. Jeder Vogel hier schweigt. Was wie der Ruf eines Kuckucks klingt, stellt sich als ein tropfender Wasserhahn heraus. Der Jüdische Friedhof an der Schönhauser Allee mit seinen 22.500 Einzelgräbern und 750 Erbbegräbnissen zieht seinen Besucher in sein eigenes Reich.

Ein magischer Ort, eine Totenstadt ist jenes 19,5 Morgen, also fast fünf Hektar große Gräberfeld in der Form eines Fünfecks an der Schönhauser Allee. Die Berliner jüdische Gemeinde erwarb das Land Ende Oktober 1824 für 5800 Taler von dem Meiereibesitzer Wilhelm Gotthold Büttner und ließ es von Stadtbaurat Friedrich Wilhelm Langerhans entwerfen.

Lange schon wird hier kein Mensch mehr begraben

Mit jedem Schritt wird sein Besucher heute zum Wanderer auf den von Wurzelwerk durchzogenen Wegen hinein in eine versunkene Zeit, vorbei an brüchigen Steinpatriarchen und rissigen Marmorplatten. Lange schon wird hier kein Mensch mehr begraben. 1880 schloss die Gemeinde den Friedhof. In nicht einmal 60 Jahren war er zu klein geworden. Nur diejenigen, welche in den Gräbern ihrer Lieben die eigene letzte Ruhe suchten, fanden hier noch Aufenthalt; eine der letzten war Vera Frankenberg.

23. April 1945. Sträucher und Büsche triefen im kalten schwarzen Nieselregen, als Christoph Frankenberg den Körper seiner 16-jährigen Tochter Vera auf den Friedhof schleppt. Rabbiner gibt es in Berlin nicht mehr. Berlin ist »judenrein«, sieht man von untergetauchten und einigen wenigen Juden etwa im Jüdischen Krankenhaus ab oder von jenen, welche in sogenannten Mischehen leben. Die Russen stehen vor den Toren der Stadt.

Doch die Familie wird Tag für Tag gedemütigt und drangsaliert

Geschossdonner ist zu hören. Christoph Frankenberg, selbst nichtjüdisch, ist mit Doris, einer Jüdin, verheiratet. Vera und Hella sind ihre Töchter. Als sogenannten Halbjuden ist Vera und ihrer um ein Jahr jüngeren Schwester Hella der Aufenthalt im Bunker bei Angriffen verboten. Die vierköpfige Familie lebt unter schwersten Bedingungen in einer Zweizimmerwohnung in der Wörtherstraße 9. Die Mutter ist durch die Ehe mit einem »Arier« geschützt – genau wie die Kinder. Doch die Familie wird Tag für Tag gedemütigt und drangsaliert.

Immer wieder verlangen die Behörden von Christoph Frankenberg, einem Schmiedemeister, sich von Doris scheiden zu lassen. Weil er sich weigert, wird er nach Thüringen in ein Arbeitslager gesteckt. Doris und die Töchter leisten in Berlin Zwangsarbeit. Im April darf Christoph Frankenberg endlich wieder nach Hause. Ausgemergelt und um Jahre gealtert, kehrt er in die Wörtherstraße zu Doris und den Töchtern zurück. Mehrmals schon ist das Haus von Bomben getroffen worden. Bei Luftalarm schnappen sich die Bewohner ihr stets bereites Handgepäck mit wenigen Habseligkeiten und eilen die Treppen hinunter in den Luftschutzkeller. Nur die Frankenbergs müssen draußen bleiben. Frau Schikora, eine Nachbarin, achtet streng darauf, dass die jüdische Familie den Anordnungen gemäß keinen Fuß ins Untergeschoss zu setzen wagt.

Hella beugt sich weinend über ihre Tochter. Christoph hat schon lange keine Tränen mehr.

Bisher hatten die Frankenbergs Glück. Am 22. April verlässt es sie. Vera wird von Granatsplittern durchsiebt. Tot liegt sie im Hof. Hella beugt sich weinend über sie. Christoph hat schon lange keine Tränen mehr. Wortlos sucht er im Haus nach Decken, wickelt Vera ein, verschnürt sie. Es gibt keine Särge mehr, und wenn doch, dann auf keinen Fall für ein jüdisches Mädchen. Es gehört auf den jüdischen Friedhof, der von ihrem Hof aus zu sehen ist, darin ist sich die Familie einig.

Seit Ende der 20er-Jahre wohnen sie hier, blicken auf das Grün des Gräberfeldes. Christoph Frankenberg greift nach einem Spaten, klettert über die Mauer, sucht eine passende Stelle für die in Decken gehüllte tote Tochter. Das Grab Samuel Bleichröders im nordöstlichen Teil ist groß genug.

Es regnet senkrecht und waagerecht, fein und leise, als Frankenberg zu schaufeln beginnt, versinken seine Schuhe im weichen Schlamm. Christoph gräbt und gräbt. Auf Bleichröders Sarg wird er wohl nicht mehr stoßen. Samuel Bleichröder, der Vater von Bismarcks Bankier Gerson von Bleichröder, war 1855 gestorben. Als das Loch tief genug ist, trägt er die tote Tochter zum Friedhof. Doris und Hella sind bei ihm, weinen leise. Mühselig rollt er den Körper in die Kuhle. Doris schreit ihre Verzweiflung heraus. Sie will nicht mehr, sie kann nicht mehr, will sterben und auf dem toten Körper ihrer Tochter begraben sein. Hella hält sie zurück. Eilig schließt Christoph die Kuhle.

Was für ein Zufall: Auch er ist Jude

Nur wenige Tage später ziehen die ersten russischen Soldaten durch die Wörtherstraße. Anders als die übrigen Deutschen steht Christoph mit Hella auf dem Gehweg und begrüßt die Rotarmisten. Ein Offizier ist misstrauisch, geht auf die beiden zu. »Wir sind Juden«, rufen sie. Er lässt sich die Wohnung zeigen und ihre Geschichte erzählen. Was für ein Zufall: Auch er ist Jude.

Er hilft ihnen in den nächsten Wochen, versorgt sie mit Lebensmitteln. Womöglich ist er Christoph auch dabei behilflich, einen Grabstein für Vera zu beschaffen. Nach wenigen Wochen wird Frankenberg seiner Tochter einen schmalen weißen Stein aufstellen: »Hier ruht unser innigst geliebtes Kind Vera Frankenberg, geb. 6.2.29, gest. 22.4.45 durch Granatbeschuss.«

Wer das Grab besucht, wird sehen: Der Grabstein ist gebrochen, ein Riss zieht sich von einem zum anderen Ende. Nach 1945 wird er immer wieder umgestoßen, und die Blumen, die die Familie steckt, werden herausgerissen. »Das sind Lausejungs vom Spielplatz, die über die Mauer klettern und dort Unfug treiben«, erklärt ein Polizist Christoph Frankenberg.

Nie erwischt Frankenberg die Täter

Das mag stimmen, doch warum sollten sie ausgerechnet Veras Stein derart traktieren, dass er zerbricht, und warum sollten sie den wieder aufgerichteten und mit Zement zusammengehaltenen Stein erneut umstoßen und wieder in die zwei Teile brechen? Sind es die Nachbarn? Christoph Frankenberg zermürben diese Fragen, Tag für Tag. Es kann nicht sein, dass Vera Jahre und Jahrzehnte nicht in Frieden ruhen darf. Immer wieder beobachtet er Bleichröders Grabstelle von seinem Hoffenster aus, legt sich hinter den Büschen auf die Lauer. Nie erwischt Frankenberg die Täter. Immer wieder steht er weinend vor den Trümmern auf Veras Grab. 1980 stirbt seine Frau Doris. Christoph – mittlerweile selbst schwer krank – lässt sich von seiner Tochter Hella überreden und zieht zu ihr nach West-Berlin.

Die Schändungen des Grabes seiner Tochter Vera hören nicht auf

Bis dahin wird Veras Grab immer wieder geschändet. Christoph Frankenberg stirbt 1983. Obgleich nichtjüdisch, wird er neben seiner Frau auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee vom West-Berliner Oberkantor Estrongo Nachama beerdigt. Nachama, ein Mann von größter Güte und Warmherzigkeit, der Auschwitz überlebt hat, spricht von »unserem Bruder« Christoph, der nun neben seiner jüdischen Frau auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee liegt.

Die Schändungen des Grabes seiner Tochter Vera auf dem jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee hören nicht auf. Jahre später wird Hella auf dem Stein ihrer Eltern in Weißensee den Namen Vera Frankenberg eintragen lassen. Es soll endlich einen Ort geben, an dem sie Ruhe findet.

Jacques Schuster: »Im raschelnden Laub der Vergangenheit. Der Jüdische Friedhof in der Schönhauser Allee in Berlin. Ein literarischer Spaziergang«. Hentrich & Hentrich, Leipzig, 112 S., 19,90 €.
Ab dem 24. März im Buchhandel

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