Berlin

Unter die Haut

Ein fester Händedruck, strahlend blaue Augen, ein freundliches Lächeln, das ansteckend wirkt. Der Kalligraf und Tätowierer Gabriel Wolff ist gerade zum Treffen angekommen. »Gabriel Wolff – Verlorene Sprache«, so lautet der Titel seiner jüngsten Ausstellung. »Der Titel ist meiner Sprachlosigkeit gewidmet, für das, was nach dem Anschlag am 7. Oktober im vorvergangenen Jahr – überall auf der Welt – passiert ist«, sagt Wolff.

Nichts sei mehr wie zuvor seit dem Überfall der Hamas auf Israel, damit setze er sich auch in seiner Arbeit auseinander. An einem der langen Holztische in einem Biergarten nimmt Gabriel Wolff Platz, bestellt sich eine Apfelschorle, bis vor fünf Minuten hat er noch gearbeitet.

Gemälde, reduzierte Zeichnungen und Installationen

Sowohl in den Gemälden, die ein wenig an wasserblaue Algen in der Strömung des Meeres erinnern, als auch in seinen reduzierten Zeichnungen und Installationen dreht sich alles um hebräische Buchstaben. Gebilde, die an Auszüge aus heiligen Texten und aus Gedichten erinnern. Gegossene Buchstaben aus Gips, Beton und Messing aus dem hebräischen Alphabet. Künstlerische Interpretationen dessen, was seit Jahrtausenden von jüdischen Gelehrten auf Tierhäute geschrieben wurde.

In Jerusalem, wo Wolff seit seinem elften Lebensjahr aufgewachsen ist, traf er auf mehrere traditionelle Toraschreiber, die ihn mit den Grundzügen der Schriftsprache vertraut machten. Wollte er nicht selbst auch Sofer werden? Wolff schüttelt den Kopf. »Das wäre mir auf Dauer zu eintönig gewesen, man schreibt oder kopiert immer dieselben Buchstaben in der gleichen Abfolge, da bleibt kein Spielraum für Kreativität.«

Die Betrachtung seiner Werke hat etwas beinahe Meditatives.

»In erster Linie bin ich Kalligraf«, antwortet Wolff. »Und in meiner kalligrafischen Kunst, ganz egal, ob ich etwas male, gieße oder es unter die Haut von anderen Menschen tätowieren lasse, immer geht es um die jüdische Identität«, sagt er und legt die Hände auf den Tisch.
Dabei tritt ein großes Tattoo am rechten Arm zutage. Eines, das aber nicht von ihm selbst stammt. Ausnahmsweise einmal keine hebräischen Buchstaben. Tätowiert wurden Pflanzen der Länder, in denen Wolff bereits gelebt hat: Für Deutschland steht ein Apfel, für Israel ein Granatapfel und Salbei, für Holland stehen Beeren und Pinienzapfen, für Argentinien eine Hibiskusblüte.

Wolff hingegen zeichnet nicht, er schreibt und verfremdet hebräische Buchstaben unter anderem zu Formen. »Alles, was ich mache, dreht sich um die hebräische Kalligrafie«, sagt Wolff, der 1982 in Dachau geboren wurde. Als Sohn einer jüdischen Mutter, die damals als Schauspielerin arbeitete. Der Lebenslauf ist schnell heruntergerattert, genau wie die Familienbiografie.

Seine Familie mütterlicherseits kommt ursprünglich aus Königsberg, »die ist bereits 1935 ausgewandert, nach Palästina, damals noch britisches Mandatsgebiet. Ich wurde in Dachau geboren, aufgewachsen bin ich zunächst in München«, erzählt er. »Dort waren wir Teil der jüdischen Gemeinde, und als ich elf Jahre alt war, sind wir nach Israel gezogen.«

Inzwischen hat er sein eigenes Studio in Berlin und Mitarbeiter in Haifa und New York

In Israel wurde Wolff mit 18 zur Armee eingezogen, doch er habe verweigert. »Damals wollte ich auf keinen Fall die Besatzung unterstützen«, erinnert er sich, sehr zum Missfallen seiner Mutter Barbara, einer bekennenden Zionistin. Diese Einstellung habe er nach den Massakern vom 7. Oktober revidiert. »Plötzlich habe ich anders darüber gedacht, ich habe sogar ganz kurz überlegt, ob ich freiwillig zur Armee gehe.« Die Konsequenz für seine damalige Weigerung, eine Waffe in die Hand zu nehmen? »Ich musste für ein halbes Jahr ins Gefängnis, dort haben sie versucht, mich zu brechen.« Für den jungen Wolff eine Bestätigung in seiner damaligen Haltung.

Dass Tragik und Glück mitunter recht nahe beieinander liegen, dessen werde man sich oft erst im Nachhinein bewusst, erzählt Wolff weiter. »Im Knast war ein russischstämmiger Mitinsasse, der sah, wie ich immer vor mich hin kalligrafierte. Oleg sagte: Daraus, Junge, musst du unbedingt etwas machen.« Im Gefängnis waren viele tätowiert, also warum nicht einmal ein kalligrafiertes Tattoo machen, so der damals naheliegende Gedanke. Doch erst Jahre später sollte aus diesen anfänglichen Versuchen ein konkreter Beruf erwachsen, der vier Familien ernährt.

»Inzwischen habe ich mein eigenes Studio in Berlin und Mitarbeiter in Haifa, New York. Ich entwerfe rund 15 Designs pro Monat, die anschließend Jüdinnen und Juden irgendwo auf der Welt unter die Haut tätowiert werden«, sagt Wolff nicht ganz ohne Stolz. Sein Handwerk sei gefragt, tatsächlich erhält er mehr Anfragen, als er in der Lage sei, zu erfüllen.

Das Schreiben wie auch das Lesen habe er bereits vor der Schulzeit gelernt

»Ich will auch noch Zeit für meine Familie haben«, so der gut beschäftigte Unternehmer, dessen Entwürfe zwischen einigen Stunden bis zu mehreren Wochen in Anspruch nehmen. Grundlage dafür sei immer die Geschichte desjenigen, der sich tätowieren lassen möchte. »Diese Geschichte ist die Basis, aus der meine Kalligrafie entsteht«, erklärt Wolff.

Das Schreiben wie auch das Lesen habe er bereits vor der Schulzeit gelernt, im Alter von fünf Jahren innerhalb der jüdischen Gemeinde. »Ich habe meine Mutter so lange genervt, bis sie mir schließlich ein Kalligrafie-Set kaufte«, erinnert sich Wolff. Seither sei er bei der Kunst der schönen Schrift geblieben.

Zur selben Zeit habe er auch mit dem Geigenspiel begonnen. Nebenbei lernte er später auch Bratsche. »Bis zu meinem 35. Lebensjahr war ich Musiker mit einem richtigen Studium und allem Drum und Dran«, sagt Wolff, dessen Schwerpunkt der Tango war. Berufliche Stationen führten ihn nach Rotterdam und Argentinien. Im Alter von 20 wurde er erstmals Vater. Inzwischen hat er zwei weitere Kinder und lebt mit seiner zweiten Frau in Berlin.

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