90. Geburtstag Ignatz Bubis

Und er hat doch etwas bewirkt

»Ich habe nichts, oder fast nichts, bewirkt«, sagte Bubis (1927–1999) in seinem letzten Interview. Foto: dpa

An diesem Donnerstag wäre Ignatz Bubis 90 Jahre alt geworden. Mit dem 1999 Verstorbenen verband mich zunächst wenig. Er war Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Ich lebte als gemeines Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Münchens. Er war Kaufmann und ich Romanautor und Journalist. Bubis war mit seinen Geschäften und der Führung der jüdischen Gemeinschaft Frankfurts beschäftigt, ich mit dem Abfassen von Romanen und Artikeln über Israel und Jüdisches.

Doch mit der Zeit lernte ich Ignatz Bubis’ pragmatischen Ansatz im deutsch-jüdischen Verhältnis kennen und zunehmend schätzen. Durch seine öffentlichen Äußerungen wurde mir deutlich, wie eingehend sich Bubis mit der gegenwärtigen Situation und mit den Zukunftsperspektiven des deutschen Judentums auseinandersetzte. Er begriff, dass es mehr als 30 Jahre nach dem deutschen Völkermord an den Juden nicht genügte, zu erklären, man sitze »als Jude in Deutschland auf gepackten Koffern«.

Neuorientierung Ignatz Bubis personifizierte die Situation der Juden in Deutschland. Er war vom Völkermord geprägt, dem unter anderem sein Vater und seine Geschwister zum Opfer gefallen waren. Doch Bubis hatte begriffen, dass wir Juden ein offenes Verhältnis zur deutschen Gesellschaft finden mussten – wenn wir hier leben wollten, statt uns im Gefängnis unserer Ängste zu verstecken und unter dieser Isolation zu leiden. Der Ausweg des Frankfurters war, sich als »deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens« zu bezeichnen. Damit folgte er der Tradition der deutschen Juden. Die größte jüdische Organisation seit Ende des 19. Jahrhunderts nannte sich: »Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens«. Genützt hatte ihr Patriotismus den Juden hier – wie in anderen Diaspora-Ländern – nichts. 1932 wählte eine Mehrheit der Deutschen die Nazis zur stärksten Partei – und nahm deren offenen Judenhass in Kauf oder teilte ihn gar.

Doch 1992 war nicht 1932. Und Ignatz Bubis machte sich Gedanken über die Zukunft der Juden im demokratischen Deutschland. Im selben Jahr stellte er sich zur Wahl als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Also zum entscheidenden Repräsentanten der deutschen Juden.

Ich wollte diesen Mann näher kennenlernen und vereinbarte ein Interview für die »Bild«-Zeitung in seinem Frankfurter Haus. Es wurde ein herausforderndes, anregendes Gespräch. Bubis’ Klugheit und Menschlichkeit beeindruckten mich. Sein Geist war schnell und scharf. Und mit einem prächtigen Humor gewürzt. Erzählte man ihm einen der wenigen Witze, die er nicht kannte, quittierte er die Pointe mit seinem meckernden Lachen.

Perspektiven Gehabe hatte Bubis nicht nötig. Er kam unmittelbar zum Kern jeder Frage und Überlegung. Wir unterhielten uns eingehend über die Geschichte und die Perspektiven des deutschen Judentums. In einem Punkt gingen unsere Ansichten auseinander. Er gab mir zu verstehen, dass nach »all dem Furchtbaren, das uns Juden von Deutschen angetan wurde, wir uns nicht ohne Weiteres als Deutsche fühlen können«. Dafür hatte ich Verständnis, meinte aber, es wäre besser, wenn wir Juden als Deutsche argumentierten.

Eine Woche später wurde Ignatz Bubis zum Vorsitzenden des Zentralrats gewählt. Kurz darauf wurde er in Rostock vom Vorsitzenden des Rostocker Innenausschusses der Bürgerschaft, Karlheinz Schmidt (CDU), gefragt, ob Israel nicht seine Heimat sei. Bubis reagierte eindeutig. Er machte deutlich, dass Deutschland sein Zuhause ist. Doch was nützte ein jüdisches Bekenntnis zu diesem Land, wenn es von der Mehrheitsgesellschaft nicht akzeptiert wurde?

Solange er lebte, wurde Bubis immer wieder auch von Politikern und Publizisten, die es besser wissen sollten, darauf hingewiesen, seine Loyalität gelte in erster Linie Israel und dessen Präsidenten.

Humor Im Alltag aber gewann die direkte Art von Ignatz Bubis, sein Humor, seine Geistesgegenwart, vor allem aber seine stets fühlbare Menschlichkeit, rasch die Herzen der deutschen Bevölkerung. Bubis wurde zum Medienstar. Er war Dauergast in den wichtigsten Talk-Sendungen. 1993 lancierte eine Wochenzeitung den Vorschlag, Bubis zum Bundespräsidenten wählen zu lassen.

Die Idee fand großen Zuspruch in der Öffentlichkeit. Doch Bubis lehnte ab. Seine Begründung: Die Deutschen seien »noch nicht reif für ein jüdisches Staatsoberhaupt«.

Ignatz Bubis ahnte nicht, wie recht er damit hatte. Denn seine persönliche unverbindliche Beliebtheit änderte nichts an der prinzipiellen deutsch-jüdischen Konstellation. Die deutsche Mehrheitsbevölkerung bedauerte die Verbrechen der Nazis an den Juden. Doch es herrschte, von einzelnen Politikern wie Konrad Adenauer abgesehen, der einst die Entschädigungszahlungen mithilfe vor allem der Sozialdemokraten durchgesetzt hatte, wenig Bereitschaft, die historische Verantwortung zu übernehmen. Und schon gar nicht empfanden die Deutschen die Juden, selbst nicht ihren Darling Bubis, als einige der ihren.

Walser-Rede Dies wurde 1998 nach der Rede Martin Walsers in Frankfurt deutlich. Der Schriftsteller kritisierte, die Juden würden die Schuldkeule infolge der Schoa als Instrument zu ihren Gunsten nutzen. Ignatz Bubis nannte dies geistige Brandstiftung. Und stand mit seiner nur allzu berechtigten Kritik allein. Die mentale und gesellschaftliche Isolation verletzte Bubis tief. Er sah, dass sein Werben um Verständnis vergeblich geblieben war.

Im Alltag aber war Bubis vor allem für die Menschen da. Er war für jedermann, auch am Wochenende, stets erreichbar. Als ich einen Rat von ihm benötigte, zögerte er nicht, mich um 23 Uhr anzurufen und mir Mut zu machen. »Ignatz Bubis war kein Kaufmann, er war ein Mensch«, sagte mir ein bekannter katholischer Bauunternehmer.

Im folgenden Sommer erfuhr ich von Charlotte Knobloch, dass Ignatz Bubis schwer erkrankt war. Ich rief ihn an und wünschte ihm gute Besserung. Bubis dankte und meinte gewollt scherzhaft, die Krankheit hindere ihn keineswegs daran, zu denken und zu sagen, was ihn beschäftigte. Ich bot Bubis an, ihn zu besuchen und ihn zu interviewen. Er war gerne dazu bereit, meinte jedoch, es solle ein ausführliches Gespräch sein, das bleibende Wirkung erziele.

leztes Interview Ich vereinbarte ein Interview mit dem »Stern«, der Redakteur Michael Stoessinger begleitete mich.

Als ich Bubis sah, begriff ich, dass er bald sterben würde. Geistig jedoch war der Hausherr präsent und frisch wie eh und je. Das Gespräch kreiste um die Wirkung von Ignatz Bubis auf das deutsch-jüdische Verhältnis. »Ich habe nichts, oder fast nichts, bewirkt«, stellte Bubis bitter fest. »Ich habe immer herausgestellt, dass ich deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bin. Ich wollte diese Ausgrenzerei, hier Deutsche – dort Juden, weg haben. Ich habe gedacht, vielleicht schaffst du es, dass die Menschen anders übereinander denken, anders miteinander umgehen. Aber nein, ich habe fast nichts bewegt. Die Mehrheit hat nicht einmal kapiert, um was es mir ging. Wir sind fremd geblieben.«

Das Interview erregte großes Aufsehen. Das breite Publikum wollte die traurige, doch realistische Feststellung von Ignatz Bubis nicht wahrhaben. Kurze Zeit später starb Ignatz Bubis. Er wurde gemäß seinem Wunsch in Israel begraben. Doch zu Lebzeiten hatte er sich, wie er in seinem letzten Interview bekannte, in Deutschland zu Hause gefühlt. In meinen Augen repräsentierte niemand so sehr wie Ignatz Bubis die Zerrissenheit des deutschen Judentums – nicht erst seit Hitler, sondern seit 2000 Jahren.

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