Porträt der Woche

Überlebt im Versteck

»Ich kannte meine Eltern nicht mehr und begrüßte sie auf Holländisch«: Ernst O. Krakenberger (85) aus Nürnberg Foto: Birgit

Ich bin ein glücklicher Mensch, ja. Natürlich hätte das eine oder andere besser laufen können. Aber am Ende zählt vor allem eines: Ich habe überlebt. Und mit mehr als 85 Jahren darf ich sagen: Das ist schon ziemlich viel.

Langweilig ist mir jedenfalls nicht. Ich halte Vorlesungen an Schulen, gebe Interviews und erzähle aus meinem Leben. Das hält mich geistig wach. Und ich bin zufrieden mit dem, was ich tue. Lange Zeit habe ich mich kaum mit meiner eigenen Geschichte beschäftigt. Mir fehlte schlicht die Zeit, denn ich war viele Jahre beruflich sehr viel unterwegs: in Europa, Afrika und Lateinamerika.

Dabei reicht meine Familiengeschichte weit zurück. Ich war in der vierten Generation im Hopfenhandel tätig, der damals zu einem großen Teil in den Händen jüdischer Kaufleute lag. Meine Eltern stammten aus Nürnberg, meine Mutter war eine geborene Kissinger. Dann kam die Pogromnacht. Für meine Eltern war klar: Sie mussten Deutschland verlassen. Sie flohen in die Niederlande, wo mein Vater durch das Hopfengeschäft bereits Kontakte hatte. Sie glaubten, dort sicher zu sein, schließlich waren die Niederlande schon im Ersten Weltkrieg neutral geblieben. Diese Hoffnung hielt aber nicht lange an. Am 10. Mai 1940 marschierten deutsche Truppen in die Niederlande ein. Von einem normalen Leben konnte nun keine Rede mehr sein. Am 22. Dezember, etwa ein halbes Jahr nach der Besetzung, wurde ich geboren.

Meine Eltern brachten mich zu einer befreundeten Familie

Im Frühjahr 1942 brachten mich meine Eltern, bevor sie nach Vught und später ins Durchgangslager Westerbork deportiert wurden, zu einer befreundeten Familie: den Stockmanns. Sie waren bereits in den 1920er-Jahren nach Holland ausgewandert. Er war Direktor der Filiale der Deutschen Bank. Als die Lage für Juden immer bedrohlicher wurde, bot seine Frau meiner Mutter an, mich vorübergehend bei sich aufzunehmen – genauer gesagt: mich zu verstecken.

Von diesem Moment an war ich nicht mehr das jüdische Kind meiner Eltern, sondern galt als Sohn ihrer jüngsten Tochter Margret, die damals gerade einmal 18 Jahre alt war. Ich nannte sie Maja. Zwei Jahre lang war sie meine wichtigste Bezugsperson. Wir konnten allerdings nicht einfach »normal« wohnen. Die Stockmanns mussten wegen ihrer deutschen Herkunft ebenfalls untertauchen und immer wieder die Adresse wechseln.

Am 5. Mai 1945 wurden die Niederlande endgültig von den deutschen Besatzern befreit. Im Sommer kehrten meine Eltern nach Aerdenhout zurück, einem kleinen Ort zwischen Amsterdam und der Küste. »Sie sind wieder da!«, rief eine Nachbarin. Ich wusste nicht, von wem sie sprach. Ich kannte meine Eltern nicht mehr. Auf Majas Geheiß hin musste ich sie höflich begrüßen: »Guten Tag, mein Herr. Grüß Gott, gnädige Frau.« Auf Holländisch. Das war meine Sprache.

Meine Frau und ich haben eine Stiftung gegründet. Sie fördert auch Projekte in Israel.

Meine Eltern hatten vier Lager überlebt. Zuletzt waren sie von Bergen-Belsen in das Internierungslager Biberach gebracht worden. Dass sie den Holocaust überlebten, grenzt für mich bis heute an ein Wunder. Über das, was sie erlebt hatten, sprachen sie jedoch nie. Das Thema blieb während ihres gesamten Lebens tabu. Meine Frau bat meinen Vater einmal, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Er tat es – doch die Jahre 1940 bis 1945 übersprang er fast vollständig. Fünf Jahre fasste er in einem einzigen Satz zusammen. Mehr gab es nicht. Nichts, was erahnen ließ, was damals geschehen war.

Von meiner Mutter weiß ich nur eine kleine, aber bezeichnende Geschichte. Sie hatte blondes Haar und blaue Augen, sah also, wie man damals sagte, »arisch« aus. Wegen ihres Aussehens wurde sie in Bergen-Belsen zur Arbeit in der Küche eingeteilt. Das ewige Kartoffelschälen hatte ihre Hände allerdings so sehr beansprucht, dass sie bis ans Lebensende an Arthrose litt. Dafür konnte sie jedoch meinem Vater hie und da eine Kartoffel zustecken.

Zu meinem fünften Geburtstag wurde ich katholisch getauft. Meine Eltern hatten die Stockmanns nach dem Krieg gefragt, ob sie ihnen für meine Rettung etwas Gutes tun könnten. Die Stockmanns waren überzeugte Katholiken. Die Taufe war für sie deshalb wohl eine Art Genugtuung – und für meine Eltern kein Problem. Später besuchte ich sogar das St. Ignatius-Gymnasium, eine von Jesuiten geführte Schule in Amsterdam. In Sprachen war ich gut. Neben Niederländisch lernte ich Französisch, Englisch und Deutsch, und später auf der Handelshochschule noch Spanisch.

Ich hatte mich entschlossen, in den Hopfenhandel meiner Familie einzutreten

Seit 1966 lebe ich in Nürnberg und Umgebung. Ich hatte mich entschlossen, in den Hopfenhandel meiner Familie einzutreten und diesen fortzuführen. Deutschland war mir allerdings schon vorher nicht fremd. Ab 1949 kam ich mit meinen Eltern in den Ferien immer wieder hierher zu Besuch – auch nach Österreich und in die Schweiz. Sie trafen noch alte Angestellte und Bekannte aus der Zeit vor der Emigration. Eine Begegnung ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Der Hausmeister des Gebäudes, in dem meine Eltern vor der Emigration gewohnt hatten, sagte zu meiner Mutter: »Schön, Sie wiederzusehen.« Meine Mutter antwortete: »Wenn es an Ihnen und Ihren Kumpanen gelegen hätte, hätte es kein Wiedersehen gegeben.« Sie konnte ziemlich forsch sein.

Ich selbst finde, dass man irgendwann nach vorn schauen muss. Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit bleibt wichtig. Aber das ständige Nachbohren, wie es heute mithilfe von Investigativportalen möglich ist, halte ich für die Verarbeitung der Geschichte nicht immer für hilfreich. Eine Mitgliedskarte der NSDAP allein sagt schließlich noch nicht, was jemand tatsächlich getan hat. War er Täter? Mitläufer? Oder einfach jemand, der sich angepasst hat?

Die AfD ist für mich eine Partei der Unzufriedenen. Ich selbst bin nach wie vor Niederländer.

Über den Erfolg der AfD bei den jüngsten Wahlen bin ich entsetzt. Aber den Willen der Wähler muss man respektieren. Eine Demokratie muss das aushalten. Die AfD ist für mich eine Partei der Unzufriedenen. Ich selbst bin nach wie vor Niederländer. Ich wähle in Deutschland nur auf kommunaler Ebene. Die Wahlergebnisse machen mir keine große Angst.

Für die Zukunft bin ich eher optimistisch. Die Verhältnisse im Osten Deutschlands sind andere. Deshalb glaube ich nicht, dass die kommenden Landtagswahlen in den westlichen Bundesländern ähnliche Ergebnisse bringen werden.

Das Projekt der Stolpersteine finde ich richtig und wichtig. Für die direkte Familie meiner Mutter, die Kissingers, gibt es inzwischen neun solcher Erinnerungszeichen: sieben in Bad Kissingen, zwei in Nürnberg. Ganz anders war es mit Maja Stockmann. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass sie und ihre Eltern 2011 in Yad Vashem als »Gerechte unter den Völkern« geehrt wurden – mit Medaille, Urkunde und einer Inschrift an der Ehrenmauer.

Maja besuchte uns immer wieder in Nürnberg und ich sie öfters in Maastricht. Sie wurde fast 100 Jahre alt. Meine Dankbarkeit ihr gegenüber ist bis heute ungebrochen. Ihre Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit hatte sie aufgeschrieben und schenkte sie mir zu meinem 50. Geburtstag. Das war für mich ein ganz besonderes Geschenk.

Ich bin jüdischer Herkunft. Aber ich wurde katholisch getauft

Als meine Eltern im hohen Alter nach Nürnberg zurückkehrten, meldete ich sie bei der jüdischen Kultusgemeinde an. Ich fragte den damaligen Vorsitzenden Arno Hamburger, ob auch ich Mitglied werden könne. »Ja, selbstverständlich. Sie haben ja eine jüdische Mutter.« Ich bin jüdischer Herkunft. Aber ich wurde katholisch getauft und bin damit aufgewachsen. Für mich ist das kein Widerspruch. Wer an das Gute im Menschen glaubt und auch danach lebt, für den sollte es keine entscheidende Rolle spielen, ob jemand Jude, Christ oder Muslim ist.

Meine Frau und ich haben eine Stiftung gegründet. Sie unterstützt unter anderem einen Altenhilfeverein in Nürnberg und andere Institutionen und fördert Projekte in Israel. Über verschiedene Initiativen wollen wir auch einen kleinen Beitrag zur Verständigung und Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern leisten.

In der Öffentlichkeit halte ich mich mit politischen Äußerungen möglichst zurück. Man muss nicht jede Entscheidung der israelischen Regierung gutheißen. Zugleich gehört für mich dazu, dass Israel das Recht hat, seine Bevölkerung und sein Land gegen Angriffe und gegen Bestrebungen zu verteidigen, die auf die Vertreibung und Vernichtung von Juden zielen.

Im Grunde ist es doch ganz einfach: Menschen sind Menschen. Entscheidend ist nicht, als was man geboren wird, sondern was man aus seinem Leben macht. Und mit seinen Mitmenschen gut auszukommen, ist eigentlich keine große Kunst. Für mich jedenfalls nicht.

Aufgezeichnet von Matthias Messmer

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