Porträt der Woche

»Theater ist mein Leben«

Absolvierte viele Praktika und Hospitanzen an Theatern. Nun sind ihre Tage rundum gefüllt: Anna Michelle Hercher (29) aus Potsdam Foto: Alicia Rust

Porträt der Woche

»Theater ist mein Leben«

Anna Michelle Hercher ist Regieassistentin und widmet sich voll und ganz der Bühne

von Alicia Rust  13.08.2023 10:56 Uhr

Seit ich denken kann, spielte das Theater für mich eine große Rolle. Ursprünglich wollte ich auf der Bühne stehen, weshalb ich schon in der Schule beim Schultheater mitgemacht habe. Später absolvierte ich Schauspielkurse und Workshops. Irgendwann habe ich die Theaterpädagogik für mich entdeckt. Dahin bin ich über Umwege gekommen.

Geboren wurde ich 1994 in Tel Aviv. Als ich ungefähr zwei Jahre alt war, entschieden sich meine Eltern, mit mir nach Köln zu ziehen. Für meinen Vater, er wurde in Jena geboren und ist in Ost-Berlin aufgewachsen, war es aufgrund der Sprache nicht ohne Weiteres möglich, in Israel in seinem Beruf als Regisseur zu arbeiten, dazu reichten seine Hebräisch-Kenntnisse nicht aus.

eltern Meine Eltern sind Juden, die Eltern meiner Mutter sind schon in jungen Jahren nach Israel ausgewandert. Meine Großmutter kam aus Marokko, mein Großvater aus Tunesien. Aufgrund der antisemitischen Entwicklungen in ihren jeweiligen Herkunftsländern hatten sie dort keine Zukunft mehr für sich gesehen. In Israel lernten sie einander kennen und heirateten schon bald. Meine Großmutter war 18 Jahre alt.

Meine Mutter wuchs also in einer ganz normalen jüdischen Familie in Israel auf. Neben Hebräisch unterhielt sich die Familie zu Hause vorwiegend auf Französisch. Natürlich wurden alle jüdischen Feiertage gefeiert, allerdings war die Familie nicht sonderlich religiös.

Bei meinem Vater verhält es sich hingegen deutlich schwieriger mit seiner jüdischen Herkunft. Lange Zeit wusste er gar nichts davon. Sein Vater war kein Jude – und seine Mutter hat lange Zeit über ihre jüdischen Wurzeln geschwiegen. Sie wurde nämlich 1939 geboren – während des Kriegs – und hat sich gemeinsam mit ihrer jüdischen Mutter und Großmutter über die gesamte Zeit der Schoa an den unterschiedlichsten Orten in Deutschland und in Osteuropa versteckt. Eine Kindheit auf der Flucht. Die drei mussten häufig ihren Standort wechseln.

wende Erst nach der Wende begann mein Vater, sich mit der Geschichte seiner jüdischen Herkunft mütterlicherseits auseinanderzusetzen. Er wollte mehr über das Judentum in Erfahrung bringen, und so reiste er – auch aufgrund eines gemeinsamen Freundes – nach Israel, wo er schon bald meiner Mutter begegnete.

In Köln musste meine Mutter erst einmal die deutsche Sprache lernen. Das hat sie in einer relativ kurzen Zeit gemeistert. Sie begann, inzwischen Anfang 30, in dieser völlig fremden Sprache ein akademisches Studium. Sie schrieb sich an der Kölner Universität für Kunstgeschichte und Judaistik ein und machte dort ihren Master. Unterdessen arbeitete mein Vater als Regisseur bei der WDR-Serie Lindenstraße. Für mich war es vollkommen normal, ihn am Set zu besuchen. Köln hat eine rege Medienlandschaft, insbesondere für TV und Filme.

Mein Vater arbeitete als Regisseur bei der WDR-Serie »Lindenstraße«.

Bald trennten sich meine Eltern, doch sie blieben beste Freunde. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Bei uns gab es nie einen Rosenkrieg. Ich musste mich nie zwischen ihnen entscheiden, sie sorgten dafür, dass ich weiterhin eine gute Kindheit hatte. Dazu gehörten auch Besuche in der jüdischen Gemeinde in Köln, die ein vielfältiges Programm für Kinder im Angebot hatte, an dem ich oft und gern teilgenommen habe.

tourismus Meine Mutter hatte dann die Idee, mit mir nach Berlin zu ziehen, weil sie im Bereich Fremdenverkehr und Tourismus arbeiten wollte. Mein Vater unterstützte ihr Vorhaben und zog ebenfalls nach Berlin. Er ist auch heute noch – inzwischen als freier Regisseur – häufig unterwegs und kann von überall aus arbeiten.

Während ich in Köln noch eine katholische Grundschule besucht hatte, kam ich in Berlin an das jüdische Moses Mendelssohn Gymnasium, wo ich auch mein Abi­tur machte. Die mündliche Prüfung habe ich auf Hebräisch absolviert. Es war eine schöne Zeit.

Da mein Berufswunsch in Richtung Theater ging, absolvierte ich zunächst zahlreiche Praktika und Hospitanzen. Zunächst ging es für mich zum Theater am Südwestkorso in Friedenau, wo ich ein ganzes Stück betreuen durfte, inklusive Soufflieren und allem, was so anfiel. 2013 schrieb ich mich schließlich an der FU ein und studierte Philologie und Judaistik. Dort habe ich auch meinen Bachelor-Abschluss gemacht. Neben dem Studium habe ich viel gearbeitet und hospitiert, beispielsweise am Hans Otto Theater in Potsdam, wo ich mich 2013/14 als Theaterscout engagiert habe.

Im Wesentlichen ging es darum, Studierenden und Auszubildenden das Theater näherzubringen. Frei nach dem Motto: Willst du mit mir (ins Theater) gehen? Denn wer geht schon gern allein? Es ging darum, ihnen zu vermitteln, dass Theater kein unnahbarer oder elitärer Raum ist. Es steht für alle offen und ist vor allem für junge Leute interessant. All das war Teil der pädagogischen Arbeit, sie hat mir großen Spaß gemacht. Schon damals war für mich klar: An so einem Theater wollte ich einmal arbeiten.

UMSTELLUNG Doch nach dem Studium ging es für mich zunächst ans Theater nach Ansbach – Kultur am Schloss –, nach Bayern. An das jüngste Ensembletheater Deutschlands, mit damals acht fest angestellten Schauspielern. Die Stadt hat rund 40.000 Einwohner. Eine ziemliche Umstellung für mich. Von Berlin, wo ich viele Freunde hatte, vom wuseligen Prenzlauer Berg, wo ich in einer WG gewohnt habe, ins beschauliche Süddeutschland, wo so ziemlich jeder jeden kennt. Dennoch bin ich dort erstaunlich schnell angekommen.

Das Theater war super, ich mochte meine Kollegen, wir hatten gleich einen guten Zusammenhalt. Ich habe mich da wohlgefühlt. Doch dann kam Corona und hat von heute auf morgen alles auf den Kopf gestellt. Ursprünglich hatte ich einen Vertrag von 2018 bis 2020. In der Zwischenzeit war allerdings eine Stelle am Hans Otto Theater ausgeschrieben worden, da wurde mir klar: Dort wollte ich wieder hin. Also habe ich mich beworben, und es hat geklappt.

Das Theater ist in vielerlei Hinsicht ideal für mich, ich liebe Potsdam und wohne inzwischen in Babelsberg.

Das Theater ist in vielerlei Hinsicht ideal für mich, ich liebe Potsdam und wohne inzwischen in Babelsberg. Direkt vor meiner Haustür besteht die Bahnverbindung mit der S7 nach Berlin, meine Mutter wohnt nicht weit entfernt in Berlin-Charlottenburg. Ein Katzensprung.

verwandte In Israel habe ich viele Verwandte, meine Großmutter lebt noch, es gibt zahlreiche Tanten und Onkel und natürlich meine ganzen Cousinen und Cousins. Sofern möglich, versuche ich, einmal pro Jahr zu ihnen zu reisen. Für meine Verwandten ist es normal, dass wir in Deutschland leben, sie kennen es ja nicht anders.

Die Theaterlandschaft in Israel ist ziemlich anders als hier, bislang habe ich mich damit noch wenig auseinandergesetzt, aber in diesem Jahr möchte ich mich vielleicht einmal umschauen. Das wird sicher interessant. Umgekehrt versuche ich, etwas von meinem jüdischen Hintergrund für Theaterbegeisterte hierzulande mit einfließen zu lassen. Meine Tage sind zwar rundum gefüllt, vor 22 Uhr verlasse ich selten das Theater, doch in den produktionsfreien Zeiten widme ich mich ehrenamtlich einigen Laienprojekten.

Im Theater ist bekannt, dass ich israelische Wurzeln habe. Bei meiner ersten Produktion, Vögel, von Bettina Jahnke inszeniert und von dem libanesischen Autor Wajdi Mouawad geschrieben, handelte es sich um ein Stück über den Israel-Palästina-Konflikt. Der hebräische Part kam mir allerdings etwas merkwürdig vor. Ich durfte dann auf das Manuskript schauen und es ein wenig korrigieren.

KISHON Im November 2021 haben wir innerhalb eines Workshops ein Stück über Ephraim Kishon auf die Beine gestellt. Es hieß Satire eines jungen Landes. Dazu haben wir zwei Szenen à 30 Minuten erarbeitet, zehn Laien-Darsteller haben innerhalb von vier Proben, die jeweils vier Stunden lang waren, mitgewirkt. Meine Kollegin Manuela Gerlach von der Bürgerbühne hatte mich dazu motiviert. Es war eine besondere Erfahrung.

Ein anderes Stück, das ich geschrieben habe, war Gleis 2 2/3. Hier stand eine Bahnhofssituation im Zentrum. Jeder Mensch betritt den Bahnhof nur für eine kurze Zeit, jeder hat seine eigene Geschichte, sein eigenes Ziel vor Augen. Niemand weiß, was der andere denkt. Als verbindendes Element gab es eine Kaffeebude mit zwei Damen, die wie ein roter Faden die einzelnen Szenen miteinander verbanden. Gesagt haben sie aber nicht viel. Meine erste eigene Inszenierung.

Ein Grund, weshalb ich so gern mit Laien zusammenarbeite, ist der Spaß-Faktor. Sie machen es vollkommen freiwillig neben ihren jeweiligen Berufen und bringen viel Lust zum Spielen mit. Nie gibt es so etwas wie Routine, die Situation ist jedes Mal vollkommen anders.

Aufgezeichnet von Alicia Rust

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