Festjahr 2021

»Teil der deutschen Kultur und Gesellschaft«

Sylvia Löhrmann Foto: imago/Deutzmann

Ein Edikt des römischen Kaisers Konstantin von 321 erwähnt die Kölner jüdische Gemeinde. Es gilt als ältester Beleg jüdischen Lebens in Europa nördlich der Alpen. Der Verein »321: 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« plant ein Festjahr mit bundesweiten Aktionen und zentralen Feierlichkeiten in Köln. Generalsekretärin ist seit Februar die frühere nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne).

Frau Löhrmann, wieso ist ein Festjahr zur Erinnerung an 1700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland nötig?
Jüdisches Leben ist Teil der deutschen Kultur und Gesellschaft. Die Nationalsozialisten haben versucht, es auszulöschen. So ist der Eindruck entstanden, das Jüdische gehöre nicht zu Deutschland. Es hat in diesem Land aber eine lange Tradition. Es ist ein Teil von uns und nichts Fremdes. Das möchten wir ins Bewusstsein rücken und sichtbar machen. Zuletzt hat der Anschlag auf die Synagoge in Halle gezeigt, wie nötig das ist. Der Antisemitismus war nie besiegt, im Gegenteil – er erstarkt und ist wieder sichtbarer geworden.

Juden werden in Deutschland wieder verstärkt angegriffen. Eigentlich kein Grund zum Feiern ...
Nein, überhaupt nicht. Aber der Reichtum jüdischen Lebens, den es in unserem Land gibt, das ist ein Grund zu feiern – und dass es den Nazis nicht gelungen ist, diesen Reichtum zu vernichten. Mit der geplanten Zerstörung der jüdischen Kultur, der Malerei, der Musik, der Religion wurde versucht, einen Teil unseres Selbst auszulöschen. Die heutige Generation ist nicht schuldig für das, was in der Nazi-Zeit passiert ist. Aber wir als Deutsche haben die Verantwortung dafür, dass es nie wieder passiert.

Wie steht es heute um jüdisches Leben in Deutschland?
Es gibt sehr vielfältiges jüdisches Leben – nur das wissen die meisten gar nicht. In Köln, im Bergischen Land und an vielen anderen Orten gibt es Synagogen. Menschen sind zurückgekommen, nicht alle sind weggegangen. Da müssen wir dankbar sein. So gibt es in Deutschland etwa orthodoxe und liberale Juden, es gibt vielerorts jüdische Kulturtage. Diese Vielfalt zu zeigen, ist einfach toll.

Sie fahren mit Schulklassen regelmäßig zu Erinnerungsorten, etwa in das NS-Vernichtungslager Auschwitz und zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel. Was erleben Sie da?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass junge Menschen sich sehr berühren lassen. An den Fahrten nehmen auch Jugendliche mit Migrationshintergrund teil. Ich habe niemanden erlebt, der nicht ergriffen war. Wichtig ist, dass die Jugendlichen gut vorbereitet werden und das Erlebte zu Hause nacharbeiten, zum Beispiel, indem sie es in Projekten selbst anderen vermitteln. Wir müssen jungen Menschen – ohne erhobenen Zeigefinger – klarmachen, was passiert ist und was das für uns heute heißt, auch um sie aufzuklären und gegen rechtsgerichtete Ideologien, Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit zu immunisieren. Das muss nicht zwingend ein Besuch in Auschwitz sein. Es gibt viele Wege. Entscheidend ist, dass es einen emotionalen, emphatischen Zugang zu diesem Thema geben muss.

Wie kann es gelingen, auf die Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland aufmerksam zu machen?
Während des Festjahrs wollen wir mit neuen Formaten möglichst viele Menschen niedrigschwellig erreichen. Wir wollen ein Jahr lang zeigen, wie Juden feiern, essen, welche Hintergründe es gibt – zum Beispiel in den Schulen oder durch ein bundesweites Laubhüttenfest und einen Gastro-Guide, der jüdische Restaurants auflistet. Wir wollen erreichen, dass möglichst viele Volkshochschulen sich dem Thema widmen. Jüdisches Leben soll nahbar werden. Wir wollen, dass Jüdinnen und Juden nicht die Koffer packen, und dass das jüdische Leben in Deutschland wächst.

Warum engagieren Sie sich persönlich für den Verein?
Ich habe sehr guten Geschichtsunterricht gehabt. Unsere Lehrerin ist zum Beispiel mit uns in die Essener Synagoge gegangen. In den 70er-Jahren war das noch die Ausnahme. Was die Nazis im Dritten Reich angerichtet haben – das hat mich nicht mehr losgelassen.

Warum?
Die Würde jedes Menschen ist unantastbar, unabhängig davon, welche Religion er hat, ob er schwarz oder weiß ist, ob er Mann oder Frau ist. Jemanden als Untermenschen abzustempeln und zum Sündenbock zu machen, empfinde ich als ungeheuerlich. Ich bin christlich aufgewachsen und möchte, so gut ich kann, dazu beitragen, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder passiert. Ich nehme regelmäßig an den Feierlichkeiten der Jüdischen Gemeinde im Bergischen Land teil und engagiere mich in mehreren Gedenkstätten-Projekten. Zu sehen, wie fröhlich jüdische Gemeinden feiern – das ist die schöne Seite. Von der bin ich sehr begeistert.

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