Berlin

Tanzen, trotz allem

Schon von Weitem – der Wittenbergplatz ist noch nicht in Sicht – sind seine Worte zu hören: »Am Israel Chai«, ruft Rabbiner Yehuda Teichtal von der Jüdischen Chabad Gemeinde Berlin von der Bühne ins Mikrofon. Viele Besucher des Israeltages erwidern seinen Ruf.

Am Freitagnachmittag wird es eng auf dem Wittenbergplatz. Mehrere Hundert Menschen strömen über den Platz und machen es sich auf den Bänken gemütlich. Die Stimmung ist heiter, es wird gelacht und geredet – auch wenn es bei der Lautstärke mitunter schwerfällt, alles zu verstehen. Wie jedes Jahr lädt die Deutsch-Israelische Gesellschaft Berlin-Brandenburg (DIG) dazu ein, gemeinsam Israel zu feiern. Ziel sei es, gerade in diesen schwierigen Zeiten ein starkes Zeichen der Solidarität zu setzen und den Berlinerinnen und Berlinern die Möglichkeit zu geben, Israel und seine Kultur besser kennenzulernen, heißt es in einer Erklärung. Außerdem gehe es um ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus in Deutschland.

Am Ende seiner Rede beginnt Rabbiner Teichtal zu tanzen. »Ich kann leider nicht tanzen«, bedauert Andreas Büttner lächelnd. Der Antisemitismusbeauftragte Brandenburgs stellt fest: »Wir sind nicht neutral, wir stehen klar an der Seite Israels.« Der Schutz jüdischen Lebens sollte auch ins Grundgesetz aufgenommen werden, fordert er.

Boris Rosenthal sorgt mit seiner Band für musikalische Unterhaltung

Dann betritt Boris Rosenthal mit seiner Band die Bühne und sorgt für musikalische Unterhaltung. In einer Pause ist Zeit für einen Rundgang: Es duftet nach frischen Kräutern und Gewürzen, die Mitarbeiter des Restaurants Feinberg sind bereits fleißig. Der Verein »WerteInitiative. jüdisch-deutsche Positionen« stellt sich vor, ebenso das Kunstatelier Omanut, das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn gemeinsam mit der Jüdischen Volkshochschule sowie ConAct, die DIG und viele weitere. Allerdings sind weniger Stände zu sehen als in den vergangenen Jahren – möglicherweise auch wegen der Absperrung des Brunnens, um den sie sich sonst gruppieren.

Es duftet nach frischen Kräutern und Gewürzen am Essensstand.

Auf der Wiese vor der Bühne spielen die beiden Jungen Liam und Thiago mit großen Stoffwürfeln »Mensch ärgere dich nicht«. Sie nehmen die Botschaft wörtlich und sind sichtlich vergnügt. Inzwischen hat Boris Rosenthal sein Live-Programm beendet, nun erklingt Musik für israelische Tänze.

Avi Palvari, Tanzlehrer und Choreograf aus Stuttgart, ist wie jedes Jahr dabei und leitet die Tanzfreudigen souverän an. »Der Israeltag hat für mich eine besondere Bedeutung«, sagt er. Der Zusammenhalt sei ihm wichtig – dass alle Freunde Israels aus Deutschland und Europa »durch dick und dünn gehen«. Tanzen sei Balsam für die Seele, meint er weiter – fast wie eine Therapie. Und die könne er derzeit gut gebrauchen: Er stammt aus dem Norden Israels, aus Kiryat Shmona, das erst an diesem Freitagmorgen wieder Ziel von Drohnenangriffen gewesen sei. Zwar konnten die Drohnen abgefangen werden, doch die Sorge um Freunde und Verwandte bleibt.

Gemeindefotografin Margrit Schmidt, mittlerweile 89 Jahre alt, greift zur Kamera

Unter die Tänzer mischen sich nun auch Liam, Thiago und Liora, die sich mit ihren Müttern im Takt bewegen. Channah Marduthjava strahlt über das ganze Gesicht. Seit Tagen habe sie sich auf das Fest gefreut, sagt sie. Von ihrer Wohnung aus könne sie direkt auf den Wittenbergplatz schauen. »Jedes Jahr bin ich dabei«, erzählt sie. »Heute scheint die Sonne, die Atmosphäre ist wunderbar.« Seit 1992 lebt die aus Baku stammende Bergjüdin in Berlin. Ihr größter Wunsch: Frieden. Gemeindefotografin Margrit Schmidt, mittlerweile 89 Jahre alt, greift zur Kamera, um die gut gelaunten Tänzer festzuhalten. Dann zieht sie weiter, auf der Suche nach besonderen Momenten und Motiven.

Es geht weiter auf der Bühne: DIG-Präsident Volker Beck kritisiert die Haltung der Bundesregierung zum Iran. Die Regierung müsse klar sagen, »auf wessen Seite sie in diesem Konflikt steht« – und das könne nur die Seite Israels sein. »Als Freunde Israels machen wir uns Sorgen, weil auch hier in Berlin seit dem Hamas-Überfall mehr als 12.000 Straftaten bei anti-israelischen Protesten begangen wurden. Weil Jüdinnen und Juden beleidigt, attackiert und verletzt wurden«, ergänzt Cornelia Seibeld (CDU), Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses. Später schlendert sie gemeinsam mit Kulturstaatssekretärin Cerstin Richter-Kotowski (CDU), der stellvertretenden DIG-Vorsitzenden Barbara Richstein, Volker Beck, Andreas Büttner und Gideon Joffe, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, über den Platz und informiert sich an zahlreichen Ständen, die die Vielfalt jüdischen Lebens zeigen.

Nur einer Beleidigung mit politischem Hintergrund wird nachgegangen.

Auch Generalstaatsanwältin Margarete Koppers schaut vorbei. Die Polizei sorgt mit starker Präsenz für die Sicherheit der Veranstaltung. Nur einer einzigen Straftat, einer Beleidigung mit politischem Hintergrund, werde nachgegangen, so die Pressestelle der Polizei.

Ein wichtiger Akteur indes fehlt: Jochen Feilcke. Der langjährige Vorsitzende der DIG lässt sich entschuldigen, er wird nicht erneut für das Amt kandidieren. Der 83-Jährige stand fast drei Jahrzehnte an der Spitze der Organisation. Er begründet seinen Rückzug damit, dass nun Zeit für einen Wechsel sei. Im Juni wird ein neuer Vorstand gewählt. »Ich verabschiede mich in großer Dankbarkeit für das Erreichte und für unendlich viele Freundschaften mit treuen Freunden Israels«, schreibt er im Mitgliedermagazin »Schalom«.

Mit etwa 1000 Besuchern sei der Israeltag ein voller Erfolg gewesen, freut sich die DIG. Zum Schluss singen alle gemeinsam die Hatikva, die über weit über den Platz hinaus zu hören ist.

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