Schwerin

Streit um den guten Ort

Auf dem Schwälkenberg, im äußersten Nordosten Schwerins, fast versteckt zwischen Schweriner und Heidensee, befindet sich einer der ältesten Friedhöfe der Stadt. 1717 wurde hier erstmals ein Mensch beerdigt, ein jüdischer Kaufmann, der in der Stadt ermordet worden war. Und es war die damalige jüdische Gemeinde, die im April 1717 für zwei Reichstaler und 32 Schillinge ein ursprünglich 211 Quadratmeter großes Grundstück kaufte, mit der Genehmigung des damaligen Mecklenburger Herzogs.

Drei Jahrhunderte später kann die heutige Jüdische Gemeinde Schwerin zwar auf dieses Jubiläum zurückblicken, allerdings ihren Friedhof nicht für Begräbnisse nutzen, denn seit mittlerweile 20 Jahren gibt es um ihn einen Rechtsstreit. Von Beginn an mit diesem Fall beschäftigt ist der Hauptamtsleiter der Schweriner Stadtverwaltung, Hartmut Wollenteit.

Anwohner »Die Stadt Schwerin hat Mitte der 90er-Jahre die Nutzung dieser Fläche genehmigt, sie möchte, dass dort auch jüdische Begräbnisse stattfinden, und an dieser Position der Stadt hat sich in den vergangenen 20 Jahren nichts geändert«, sagt Wollenteit. Allerdings wehrt sich seit eben zwei Jahrzehnten eine Anwohnerin dagegen und klagt seither gegen die Stadt. Aktuell erklärte sie auf Anfrage, sie möchte sich zu der Problematik nicht äußern.

Die Jüdische Gemeinde selbst ist in diesem Streit Beobachter und kann nur warten. Doch der Verwaltungschef der Gemeinde, Valeri Bunimov, bleibt gelassen. »Wir sind ein sehr, sehr altes Volk von mehr als 3000 Jahren. Was bedeuten da 20 Jahre? Wir akzeptieren und respektieren jede gerichtliche Entscheidung.«

Die gerichtliche Entscheidung lässt weiter auf sich warten. Nachdem seit 1997 bereits zwei Urteile des Oberverwaltungsgerichts in Greifswald vom Bundesverwaltungsgericht aufgehoben wurden, heißt es nun aus Greifswald, es könne »nicht prognostiziert werden«, wann mit einem Ergebnis in diesem Streit zu rechnen ist.

Kompromiss Die Gemeinde und die Stadt Schwerin haben in der Vergangenheit mehrere Kompromissangebote gemacht. »Wir würden einen Abstand von zehn Metern zum Wohnhaus einhalten, einen Zaun setzen und für einen Sichtschutz sorgen«, sagt Bunimov. Für Hartmut Wollenteit von der Stadt sind nachbarschaftliche Streitigkeiten durchaus üblich. »Da ist es vernünftig, zu sagen, wir suchen mithilfe eines Ausgleichs Lösungen. Hier habe ich aber Zweifel, ob das noch möglich ist.«

Um diesen aktuellen Gerichtsstreit verstehen zu können, bedarf es eines Blicks zurück bis in das Frühjahr 1945. In den letzten Kriegstagen zerstörte eine Flakstellung der Wehrmacht den seit 1717 bestehenden historischen jüdischen Friedhof und hinterließ ein Trümmerfeld.

Die Schoa hatten in Schwerin nur sieben Juden überlebt. Sie waren mit Nichtjuden verheiratet. Weitere Juden verschlug es zufällig nach Mecklenburg. Eine Handvoll Männer fand sich Ende 1946 in Schwerin zusammen, mit dem Ziel, wieder eine jüdische Gemeinde aufzubauen. Zunächst stießen die Juden allerdings auf großen Widerstand vonseiten der SED-Machthaber.

Erst als sich die Parteiführung in Berlin einschaltete, wurde Anfang Juni 1948 eine »Jüdische Landesgemeinde Mecklenburg« mit Sitz in Schwerin zugelassen. Noch im selben Monat erhielt die Gemeinde als Ergebnis eines Befehls der sowjetischen Militärverwaltung 33 jüdische Friedhöfe in ganz Mecklenburg zurück, darunter den völlig zerstörten in Schwerin.

Instandsetzung Bis zum Jahresende 1948 konnte die Gemeinde den Friedhof größtenteils instand setzen lassen, die Kos
ten in Höhe von knapp 23.000 Mark stellte die Schweriner Friedhofsverwaltung dem damaligen Ministerium für Kultur und Volksbildung von Mecklenburg in Rechnung. Es war jedoch nicht mehr möglich, den Friedhof in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen, die übrig gebliebenen 58 Grabsteine wurden zum Teil neu aufgestellt, einige von ihnen mehr oder weniger wahllos in einem Halbkreis.

Zudem errichtete die Gemeinde mehrere Gedenksteine; auf zwei von ihnen sind die Namen der während des Nationalsozialismus ermordeten Schweriner Juden verzeichnet. Der größte Stein trägt die Inschrift: »Zur Erinnerung an den jüdischen Friedhof, der dem Terror zum Opfer fiel« – in Deutsch auf der Vorder- und in Hebräisch auf der Rückseite.

1949 plante die Stadt dann ganz in der Nähe des Friedhofs eine Erweiterung ihrer bestehenden Kläranlage und wollte von der jüdischen Gemeinde eine Fläche von rund 5000 Quadratmetern erwerben. Dabei stand auf dem gewünschten Grundstück die 1899 errichtete Trauerhalle, die die Gemeinde bis in die 30er-Jahre für Begräbnisse nutzte.

1950 verkaufte die Gemeinde tatsächlich rund 1730 Quadratmeter ihres Friedhofs. Zwar wurde die Kläranlage letztlich gar nicht gebaut, doch seither zerschneidet eine Straße den Friedhof, teilt das Gelände in den nördlichen Teil mit dem Gräberfeld und einen südlichen. Hier steht die Feierhalle am Rand einer großen Wiese. Dass eigentlich beide Flächen zusammengehören, ist auf den ersten Blick nicht mehr zu erkennen.

Rückblickend erstaunt, dass die Jüdische Landesgemeinde Mecklenburg Flächen veräußerte. Sie tat es allerdings ebenso in Güstrow, Bützow, Neustrelitz und Hagenow. Während auf den anderen jüdischen Friedhöfen in Mecklenburg und auch in Vorpommern seit Kriegsende keine Juden mehr begraben wurden, fanden in Schwerin zwischen 1960 und 1981 noch sechs Menschen ihre letzte Ruhestätte. Zuletzt wurde die Witwe des langjährigen Gemeindevorsitzenden Alfred Scheidemann beerdigt, allerdings war Helga Scheidemann nicht jüdisch.

Zuzug Bereits in den 70er-Jahren war das Gemeindeleben völlig zum Erliegen gekommen, die Jüdische Landesgemeinde Mecklenburg existierte nur noch formal. Die letzten acht Gemeindemitglieder wussten 1990 zum Teil nicht einmal, dass sie noch der Gemeinde angehörten.

Erst der Zuzug jüdischer Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion Anfang der 90er-Jahre ermöglichte 1994 die Neugründung einer Jüdischen Gemeinde in Schwerin, und ihre Mitglieder hofften nun darauf, den historischen Friedhof wieder nutzen zu können. Doch wegen des Rechtsstreits stellte die Stadt der Gemeinde eine neue Begräbnisfläche auf einem städtischen Friedhof zur Verfügung. Seither wurden hier mehr als 140 Gemeindemitglieder beerdigt. Sollte dieser Friedhof, der schon einmal erweitert wurde, belegt sein, möchte die Jüdische Gemeinde ihren Friedhof am Schwälkenberg im Norden der Stadt nutzen.

»Die Juden haben vor 300 Jahren dieses Grundstück gekauft«, betont Valeri Bunimov, »das heißt, wir müssen uns heute darum kümmern.« Und auch Rabbiner Juri Kadnikov sieht eine historische Verpflichtung: »Wir dürfen unsere Geschichte nicht nur auf die grausamen zwölf Jahre der Nazizeit verkürzen; unsere Geschichte ist länger, und in Schwerin beginnt sie 1717.«

Bildung

Mathe, Kunst, Hebräisch

Diese Woche ist die Jüdische Grundschule in Dortmund feierlich eröffnet worden. Warum entscheiden sich Eltern, ihr Kind auf eine konfessionell geprägte Schule zu schicken – und warum nicht?

von Christine Schmitt, Katrin Richter  31.08.2025

Essay

Wie eine unsichtbare Wand

Immer sind Juden irgendetwas: Heilige oder Dämonen, Engel oder Teufel. Dabei sind wir ganz normale Menschen. Warum nur gibt es immer noch Erstaunen und teils Zurückweisung, wenn man sagt: Ich bin jüdisch?

von Barbara Bišický-Ehrlich  31.08.2025

Porträt der Woche

Sprachen, Bilder, Welten

Alexander Smoljanski ist Filmemacher, Übersetzer und überzeugter Europäer

von Matthias Messmer  31.08.2025

Vor 80 Jahren

Neuanfang nach der Schoa: Erster Gottesdienst in Frankfurts Westendsynagoge

1945 feierten Überlebende und US-Soldaten den ersten Gottesdienst in der Westendsynagoge nach der Schoa

von Leticia Witte  29.08.2025

Würdigung

Tapfer, klar, integer: Maram Stern wird 70

Er ist Diplomat, Menschenfreund, Opernliebhaber und der geschäftsführende Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses. Zum Geburtstag eines Unermüdlichen

von Evelyn Finger  29.08.2025

Interview

»Physisch geht es mir gut, psychisch ist ewas anderes«

Sacha Stawski über den Angriff auf ihn und seine Kritik an Frankfurts Oberbürgermeister

von Helmut Kuhn  28.08.2025

München

»In unserer Verantwortung«

Als Rachel Salamander den Verfall der Synagoge Reichenbachstraße sah, musste sie etwas unternehmen. Sie gründete einen Verein, das Haus wurde saniert, am 15. September ist nun die Eröffnung. Ein Gespräch über einen Lebenstraum, Farbenspiele und Denkmalschutz

von Katrin Richter  28.08.2025

Zentralrat

Schuster sieht Strukturwandel bei jüdischen Gemeinden

Aktuell sei der Zentralrat auch gefordert, über religiöse Fragen hinaus den jüdischen Gemeinden bei der Organisation ihrer Sicherheit zu helfen

 27.08.2025

Gedenken

30 neue Stolpersteine für Magdeburg

Insgesamt gebe es in der Stadt bislang mehr als 830 Stolpersteine

 26.08.2025