»Heute gibt es in Gelnhausen keine jüdische Gemeinde mehr«: Mit diesem nüchternen Satz endet auf der Website des Hessischen Instituts für Landesgeschichte ein Abriss der jüdischen Geschichte der heute rund 24.000 Einwohner zählenden Stadt. Dabei ist jüdisches Leben in der 1170 von Kaiser Friedrich I. Barbarossa an der Handelsstraße Frankfurt–Leipzig im hessischen Spessart gegründeten Reichsstadt seit dem 13. Jahrhundert überliefert.
Im Jahr 1885 gehörten 225 Gelnhäuser Bürger der Israelitischen Kultusgemeinde an. Sie stellten sechs Prozent der Stadtbevölkerung. Auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen zeigte sich auch abseits großer Zentren wie Frankfurt am Main ein reges jüdisches Leben: Um 1930 waren dort etwa 400 Synagogen aktiv. In Gelnhausen lebten noch im Jahr der Machtergreifung 162 Jüdinnen und Juden. Anfang November 1938 erklärte das NS-Lokalblatt »Kinzigwacht« die Stadt für »judenfrei«.
Jüdisch-nichtjüdische Nachbarschaften im ländlichen Raum
Dem einst vielerorts präsenten, in der Schoa ausgelöschten Landjudentum widmete das Buber-Rosenzweig-Institut der Frankfurter Goethe-Universität unlängst eine wissenschaftliche Konferenz. Die Tagung nahm jüdisch-nichtjüdische Nachbarschaften im ländlichen Raum seit dem Mittelalter in den Blick. Im Zuge der Konferenz wurde am 23. November der erste Band des »Zerbrechliche Nachbarschaft« betitelten Synagogen-Gedenkbuchs Hessen vorgestellt.
Wie engagierte Bürger das Erbe des hessischen Landjudentums bewahren möchten, zeigte sich am selben Tag eine halbe Zugstunde von Frankfurt entfernt: Inmitten der von historischen Fachwerkhäusern und malerischen Gassen gesäumten Altstadt präsentierte der Förderverein Rabbinerhaus Gelnhausen ein Konzept für die Schaffung eines »Ortes des Erinnerns, Lernens und Dialogs«.
Die Gemeinde musste schon zuvor Gebäude und Grundstück verkaufen. Der neue Eigentümer nutzte den Synagogenbau als Warenlager.
Die Veranstaltung fand in der ehemaligen Gelnhäuser Synagoge statt, die seit 1986 als städtische kulturelle Begegnungsstätte dient. Der 1601 errichtete und im 18. Jahrhundert umgebaute und erweiterte Bau überstand die Pogromnacht im November 1938 weitgehend. Die Gemeinde musste schon zuvor Gebäude und Grundstück verkaufen. Der neue Eigentümer nutzte den Synagogenbau als Warenlager – so blieb etwa der aus der Barockzeit stammende Toraschrein erhalten.
Rund 20 Besucher fanden sich im von der Nachmittagssonne beschienenen Synagogenraum zusammen. An den Wänden waren Fotografien von Rafael Herlich zum jüdischen Leben in Deutschland ausgestellt. Anlass und Gegenstand der Präsentation war die ungewisse Zukunft des an die frühere Synagoge angrenzenden Rabbinerhauses. 2024 wollte die Stadt Gelnhausen den einst als Wochentagssynagoge, Gemeinde- und Wohnhaus genutzten, zuletzt leer stehenden und sanierungsbedürftigen Fachwerkbau verkaufen.
Exponate und Zeitdokumente sollen an Gelnhäuser Juden erinnern
»Wir haben all unseren Mut zusammengenommen und sagten: ›Stopp! So geht das nicht!‹«, erinnert sich Arno Fischer, Vorsitzender des Fördervereins Rabbinerhaus Gelnhausen. Ein vom Verein verfasster, in der »Gelnhäuser Neue Zeitung« veröffentlichter Brief habe ein Moratorium der Verkaufspläne bewirkt. Nach dem Willen des Kommunalparlaments sollten Stadtverwaltung und Förderverein ein Nutzungskonzept für das Rabbinerhaus vorlegen. Das nun präsentierte Konzept sieht vor, den Bau zu einem »authentischen Erinnerungsort jüdischen Lebens in Gelnhausen« und einem »Ort des Dialogs« zu entwickeln.
Im Erdgeschoss stehen laut dem Konzept Erinnern und Gedenken im Fokus: Exponate und Zeitdokumente sollen an Gelnhäuser Juden erinnern, die verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden. Dort soll auch der Rabbiner und Vorsteher der Israelitischen Kultusgemeinde gedacht werden, die auf dem Gemeindeareal, das einst Schulhaus und Mikwe umfasste, wirkten.
Im ersten Obergeschoss sind Bildungs- und Diskursformate vorgesehen: Gespräche, Lesekreise und Schüler-Workshops sollen ebenso stattfinden wie »moderierte Dialogformate zu Religion, Identität und Erinnerungskultur«. Schließlich soll das mit Depot und Archiv ausgestattete Dachgeschoss zum »Gedächtnisraum des Hauses« werden.
Mit dem Konzept könne man auf die Stadt und Sponsoren zugehen.
»Es geht um Möglichkeiten, die wir beschreiben«, sagt Michel Müller. Der Darmstädter Architekt betreut das Gelnhäuser Rabbinerhaus-Projekt auf konzeptionell-baulicher Ebene. An einem ähnlichen Vorhaben arbeitet er auch im nahe gelegenen Schlüchtern, wo die einstige Synagoge zu einer Kultur- und Begegnungsstätte umgebaut werden soll.
Müllers Vorentwurf umfasst auch einen Umbau des Vorplatzes, der einen barrierefreien Zugang zum Rabbinerhaus und dessen Öffnung zur Synagoge hin vorsieht. Für das Areal gelte es, so Müller, »eine Offenheit zu schaffen, statt hermetisch geschlossen zu erscheinen«. Eine konkrete Kostenschätzung lasse die Konzeptstudie zunächst nicht zu, betont der Architekt. »Wir wollen einen Prozess anstoßen«, ergänzt die stellvertretende Vereinsvorsitzende Ulla Morbach. Mit dem Konzept könne man nun auf die Stadt sowie auf mögliche Sponsoren zugehen.
Gelnhausens viele Jahrhunderte zurückreichende jüdische Geschichte könnte indes für Überraschungen sorgen. So sei das Rabbinerhaus älter als angenommen, berichtet Arno Fischer. Die Bausubstanz gehe wohl bis ins 16. Jahrhundert zurück. Vieles werde davon abhängen, was man hinter den Hauswänden vorfinde. Fischer weiß um die in Gelnhausen allgegenwärtige Charakteristik alter Gemäuer: »Wenn Sie hier einen Stein anheben, finden Sie einen anderen Stein darunter.«