Stuttgart

Sieg in Weiß mit »Gangsta’s Paradise«

Der Duft von Haarspray erreicht jeden Winkel im Backstage-Bereich. Letzte Schritte werden geprobt. Überall liegen Glitzerstoffe, Wasserflaschen und Zettel mit Anleitungen für die Choreografien herum. Obwohl die Show bald beginnt, scheinen die Kinder und Jugendlichen gelassen. Der Countdown läuft. Punkt 14.30 Uhr startet die Jewrovision, das größte jüdische Musikevent Deutschlands. Dann heißt es: Bühne frei für rund 600 Jugendliche aus ganz Deutschland, die in der Stuttgarter ICS-Halle zeigen werden, was es bedeutet, live zu singen und zu performen. Im Publikum werden natürlich Eltern, Geschwister und Großeltern jubeln – aber es wird nicht lange dauern, und die Show reißt alle von ihren Stühlen. Ein tosendes Publikum wird zum lauten Beat mittanzen.

Noch ist aber geheim, welche Songs dieses Jahr interpretiert werden. Was jedoch schon seit Langem klar ist: Alle Jugendlichen und Kinder, die teilnehmen, vereint die Liebe zur Musik – und die Freude, gemeinsam auf einer Bühne zu stehen. Nicht ohne Grund haben 13 Gruppen zusammen mit ihren Jugendleiterinnen und -leitern wochenlang geprobt. Heute will jeder natürlich den Jewro-Pokal für den ersten Platz mit nach Hause nehmen, aber welches Team die meisten Punkte von der Jury bekommt, wird sich erst in ein paar Stunden herausstellen.Für einige ist es das erste Mal, andere haben in den Vorjahren bereits teilgenommen. Von Hamburg bis München und von Frankfurt bis Leipzig sind sie für ein Wochenende nach Stuttgart gereist, um an einem Mini-Machane und an der Jewrovision teilzunehmen, die der Zentralrat der Juden in Deutschland organisiert.

Jeder will den Jewro-Pokal für den ersten Platz mit nach Hause nehmen

Das Licht in der Halle geht aus. Scheinwerfer erhellen die große Bühne. Noch einmal durchatmen, und dann wird es für die 13 Teams ernst. Das Lampenfieber muss im Backstage-Bereich bleiben. Was sich in den kommenden zwei Stunden abspielt, sind Show Acts auf hohem Niveau – mal glitzernd, mal ganz in Weiß oder in Gerichtstalaren, aber immer unter dem Motto »Voices of Hope« (Stimmen der Hoffnung). So präsentieren die Gruppen musikalische Darbietungen mit beeindruckender Kreativität und spürbarer Leidenschaft. Von gefühlvollen Balladen über energiegeladene Choreografien bis hin zu musikalischen Beiträgen, die das Publikum emotional bewegen, reicht die Bandbreite des Programms.

Die Beiträge der 13 Teams stehen unter dem Motto »Voices of Hope«.

Jede Aufführung erzählt ihre eigene Geschichte und setzt ein klares Zeichen für Zusammenhalt, Mut und Zuversicht. Jüdisches Selbstverständnis zu zeigen, ist gerade in Zeiten von Antisemitismus ein Bedürfnis. Dieser tiefe Wunsch wird in allen Beiträgen deutlich. So finden die Jugendzentren Chasak Hamburg und Atid Bremen, die sich für den Act zusammengetan haben: »Die Welt ist dunkel, wenn die Augen nichts mehr sehn. Du musst aufstehʼn! Dann kann die Hoffnung auch bestehen.«

Andere wie Olam Berlin stehen für ihr Jüdischsein ein: »Reich mir deine Hand, sei bereit, und kämpf für deine Jüdischkeit.« Als Amichai Frankfurt »Batman« im Hintergrund über die große Leinwand gleiten lässt und »Vier Jahre auf dieser Welt, er wurde kein Held. Batman wurde am Oktobertag ermordet« singt, wird allen in der Halle klar, dass es sich um Ariel Bibas handelt, den kleinen Jungen, der mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder am 7. Oktober 2023 von der Hamas erst verschleppt und dann kaltblütig ermordet wurde. Ariel war ein großer Batman-Fan. Viele Augen werden in diesem Moment feucht. Spätestens da wird klar: Der 7. Oktober beschäftigt hier jeden.

Die Mischung aus Trauer, Wut und Hoffnung ist in vielen Live-Elementen und Videobeiträgen spürbar. Dennoch dominiert der Wunsch, gehört zu werden und gemeinsam Stärke zu zeigen. Gerade darin liegt die besondere Kraft der Veranstaltung: Die Jugendlichen haben persönliche Gedanken und gesellschaftliche Themen in Musik, Tanz und Theater verwandelt. Mal leise und nachdenklich, mal laut und selbstbewusst machen sie deutlich, dass ihre Stimmen Gewicht haben.

Unter tosendem Applaus und Hunderten gezückter Handys tritt Noa Kirel auf

Wer die Jewrovision 2026 schließlich gewinnt, entscheidet eine Jury, der unter anderem die Schauspieler Constantin von Jascheroff und Lina Larissa Strahl sowie Influencer Aaron Morali angehören.

Bis der Sieger verkündet wird, flippt das Publikum, das nach jedem Live-Act nichts auf den Stühlen hält, richtig aus. Unter tosendem Applaus und Hunderten gezückter Handys tritt Noa Kirel auf. Die israelische Sängerin ist überrascht von der Energie der 1350 Jugendlichen vor Ort, was sie auch immer wieder betont. Dann versucht sich die Ehefrau von Fußball-Torwart Daniel Peretz, der auch in Stuttgart die Jewro verfolgt, auf Deutsch und gibt zu, dass sie »Guten Abend«, »Gute Nacht«, »Gemüse« und »Gurke« sagen könne, bevor sie sich ihrem eigentlichen Talent zuwendet, dem Performen auf der Bühne, und mit ihren Hits wie »Million Dollar«, »Doctor« und »Ata Ani Ulai« alle in ihren Bann zieht.

Fußball-Torwart Daniel Peretz verfolgt auch die Jewro

Nach ihrem Auftritt ist es endlich so weit: Die Kinder und Jugendlichen werden nicht mehr länger auf die Folter gespannt. Bei der Jewrovision 2026 überzeugt JuJuBa (Jüdische Jugend Baden) mit der besten Show. Das Team, dem Kids und Jugendliche aus zehn verschiedenen Städten angehören, gewinnt den Gesamtpreis. Die über 55 Kinder und Jugendlichen haben in weißen Jeans, T-Shirt und Cowboy-Hut eine nahezu perfekte Choreografie gezeigt, die beiden Frontsänger zu einer abgewandelten Melodie von Coolios »Gangsta’s Paradise« und Lil Jons & The East Side Boyz »Get Low« die eindrücklichen Worte »Dann lass mich dir zeigen, wer wir wirklich sind, YEHUDI-I-I-M, remember your roots, we always loved Chaim« gesungen. Den zweiten Platz belegt Olam aus Berlin, gefolgt von We.Zair Westfalia auf Platz drei.

Neschama München wird für das beste Video ausgezeichnet.

Bei den Vorstellungsvideos, bei denen die Jugendzentren thematisch und künstlerisch komplett freie Hand hatten, setzt sich Neschama München durch.

Dann endlich löst sich die Spannung. Zwischen Umarmungen, Selfies und aufgeregten Gesprächen wird gelacht, gratuliert und noch einmal über die Auftritte gesprochen. Es werden letzte Gruppenfotos gemacht, während im Hintergrund bereits Requisiten und Kostüme zusammengeräumt werden. Vielen der Jugendlichen dürfte dieser Nachmittag noch lange in Erinnerung bleiben. Sie gehen mit dem Gefühl nach Hause, Teil von etwas Größerem gewesen zu sein.

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026

Israeltag

Wenn Freunde feiern

Rund 2000 Münchnerinnen und Münchner kamen auf dem Odeonsplatz zusammen, um ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat zu demonstrieren

von Ellen Presser  27.06.2026

Porträt der Woche

Einfach sie selbst

Hannah Kruse ist Lehrerin, engagiert sich politisch und lebt seit ihrer Transition als Frau

von Alicia Rust  27.06.2026

Glosse

Danke, Felix!

Acht Jahre lang hat Felix Klein die wohl anstrengendste Religionsgemeinschaft dieser Welt ertragen. Nun scheidet er aus dem Amt. Eine etwas andere Würdigung

von Leeor Engländer  27.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026