Bundestagswahl

Sie wollen mitentscheiden

»Ich habe noch nie in Deutschland oder anderswo gewählt«, sagt Anton Tsirin. Der 30-Jährige wird bei der Bundestagswahl am Sonntag zum ersten Mal in seinem Leben seine Stimme abgeben. »Das war schon etwas Besonderes, als eine an mich adressierte Wahlbenachrichtigung im Briefkasten lag.«

Dass er bisher an keiner Wahl teilgenommen hat, liege auch ein bisschen an seiner Oma, die wie er in der damaligen Sowjetunion gelebt hat. »Denn sie hat mich mit der Einstellung erzogen, dass eine Stimmabgabe nichts bringe.« Sie sei politisch nicht besonders interessiert, »und ich somit auch nicht«. Aber das habe sich jetzt geändert.

Den Ausgang dieser Wahl möchte er mit seiner Stimme beeinflussen. »Sie ist anders als die vorherigen«, sagt der Schauspieler und Entrepreneur. Für ihn sei wichtig, dass die Juden in Deutschland geschützt werden – und da habe er derzeit große Zweifel. »Ich fühle mich von keiner Partei darin unterstützt.«

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Vor drei Jahren hat er den deutschen Pass erhalten, auf den er knapp zwei Jahre warten musste. Das habe eine Ewigkeit gedauert, »auch weil meine Unterlagen zwischendurch verloren gegangen sind. Erst als der Krieg in der Ukraine begann, habe ich angefangen, wirklich Druck zu machen. Dann ging es plötzlich innerhalb von zwei Monaten.«

Als Kind ist er mit seiner Familie aus Russland gekommen, in Essen zur Schule gegangen, leitete mehrere jüdische Jugendzentren in Nordrhein-Westfalen und studierte in Köln an der Schauspielschule.

Erst vor drei Jahren hat Anton den deutschen Pass erhalten.

David Mike Raimicher aus Frankfurt wird ebenfalls zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl seine zwei Kreuze machen. »Es ist ein interessantes Gefühl, bei so einem großen Ereignis dabei sein zu können.« Bisher konnte der 20-Jährige »nur« bei einer Kommunalwahl und einer Landtagswahl mitstimmen. Er werde am Sonntag zusammen mit seiner 13-jährigen Schwester zum Wahllokal gehen. Seine Eltern haben bereits per Briefwahl ihr Votum abgegeben. »Ich tue mich schwer mit der Entscheidung, wem ich meine Stimme geben soll. Soll ich nach Inhalten oder Sympathie gehen? Ich weiß es noch nicht.«

Damit gehöre er zu den 40 Prozent der Wahlberechtigten, die sich noch nicht entschieden haben. Er finde, dass die Debatten in der Politik aktuell sehr scharf geführt werden, eher emotional als sachlich, egal zu welchem Thema. »Sorgen habe ich vor dem Danach«, sagt der 20-Jährige, der in Frankfurt Wirtschaftswissenschaften studiert. Er hoffe, dass die neue Regierung den Umgangston zwei Stufen herunterschalten werde und die Gesellschaft wieder mehr eine, weil er »Angst habe, dass wir sonst bald Verhältnisse wie in Österreich haben«. Den Wahlausgang werde er am Sonntagabend zu Hause vor dem Fernseher verfolgen. »Aber am nächsten Tag hat mich mein Alltag wieder, da muss ich eine Klausur schreiben.«

Rosa Lia aus Frankfurt hat per Briefwahl ihre Stimme abgegeben

Ihre Stimme bereits abgegeben hat Rosa Lia Meyer aus Frankfurt – gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester per Briefwahl. »Ich war sehr aufgeregt.« Wenige Tage vor dem Kanzlerduell zwischen Friedrich Merz und Olaf Scholz seien die Unterlagen angekommen. Sie hätten verabredet, dass sich die Familie trifft, um gemeinsam, aber jeder für sich, in den eigenen vier Wänden zu wählen. »Wir sind die Programme der Parteien durchgegangen und haben nach dem Kanzlerduell noch einmal intensiv diskutiert.« Dann war der Moment gekommen, die Erst- und Zweitstimme abzugeben. Jeder habe für sich entschieden, so die 19-Jährige, die demnächst Innenarchitektur und Design in Hamburg studieren wird.

»In meiner Familie tauschen wir uns viel über Politik aus.« Seit ihrer Kindheit schaut Lia regelmäßig Nachrichten und informiert sich. Man müsse sich nichts vormachen, »die jungen Leute werden hauptsächlich von den sozialen Medien beeinflusst.« Vor allem über TikTok – und da sei nun einmal die AfD sehr aktiv. Sie wünscht sich, dass die Politiker aller demokratischen Parteien nun endlich mit- und nicht gegeneinander eine Strategie auf die Beine stellen.

Auch für sie steht die Sicherheit der jüdischen Gemeinschaft weit oben. »Ich möchte mich nicht verstecken, wenn ich an der Uni studiere.« Jeder Wahlberechtigte sollte von seinem Stimmrecht Gebrauch machen, denn jede Stimme zähle, besonders in diesen »schweren Zeiten«.

Die 65-Jährige erinnert sich noch gut an ihre erste Wahl vor rund 45 Jahren

Das sieht Judith Neuwald-Tasbach aus Gelsenkirchen genauso. »Die Wahl ist eine absolute Pflicht für jeden Bürger. Nur so können wir die Chance nutzen, daran mitzuwirken, dass unser Land eine Demokratie bleibt und unsere Wünsche, die wir an die Politiker haben, auch verwirklicht werden.« Die 65-Jährige erinnert sich noch gut an ihre erste Wahl vor rund 45 Jahren. Damals ging sie mit ihrem Vater wählen. »Ich weiß, dass ich sehr aufgeregt war, als ich allein in die Kabine musste, um die Kreuze zu setzen.« Das sei etwas ganz Großes gewesen. »Zum ersten Mal fühlte ich mich wichtig.« Anschließend seien sie essen gegangen.
Da sie schon länger wusste, dass sie am kommenden Sonntag nicht das Wahllokal aufsuchen kann, hat sie bereits per Briefwahl gewählt. »Ich möchte sicherstellen, dass meine Stimme gehört wird.«

Wegen der Wahl wird Dorina Sandberg aus Israel nach Frankfurt fliegen.
Dorina Sandberg hat sich gegen eine Briefwahl entschieden. Sie lebt in Deutschland und Israel, und aus dem Ausland wäre es ihr zu unsicher. Sie werde am Sonntag nach Frankfurt fliegen und gemeinsam mit ihrem Ehemann das Wahllokal aufsuchen. »Es ist die erste Bundestagswahl, die ich als wichtig empfinde.« Vor allem Reformen in der Migrationspolitik und den Sozialstaat betreffend müssten schnell umgesetzt werden. Ihre drei erwachsenen Kinder leben in verschiedenen Ländern und haben bereits per Briefwahl ihr Votum abgegeben.

Wem er seine Stimme geben wird, weiß er schon

Felix Rottberger aus Freiburg muss etwas nachdenken und nachzählen, wie oft er bei Bundestagswahlen mit abgestimmt hat. Am Sonntag sei es seine 18, sagt er. Wem er seine Stimme geben wird, weiß er schon.
Lange Zeit sei er ehrenamtlicher Wahlhelfer gewesen. »Aber das war eher langweilig.« Doch das gehört nun der Vergangenheit an. Der 88-Jährige werde gemeinsam mit seiner Frau zum Wahllokal gehen. 1955 kam er mit seiner vor den Nazis geflohenen Familie aus Dänemark zurück nach Deutschland und fand schließlich in Freiburg im Wärterhäuschen auf dem jüdischen Friedhof sein Zuhause.

Am Anfang habe er sich nicht besonders für Politik interessiert, sein Schwerpunkt habe eher bei der Bekämpfung des Antisemitismus gelegen, den seine Familie mehrmals erlebt hat.

Er wurde 1936 in Island geboren. Dorthin waren seine Eltern 1935 aus Berlin geflohen. Als die Familie nach Konstanz zurückkam, war »die Stimmung uns gegenüber feindselig«. Ein großes Schweigen hätte damals über der Schoa gelegen, doch dann kam die neue Generation, die möglichst viel darüber wissen wollte, so Rottberger. Da wurde er als Zeitzeuge aktiv und sprach vor Schülern. Dabei sei ihm bewusst geworden, dass es doch möglich sei, etwas zu bewegen. »Für mich war es ganz toll, 70 Jahre in Frieden leben zu können, denn Frieden ist das Schönste, was man haben kann.«

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