ZWST-Seminar

Sich wehren lernen

Dicht an dicht sitzen 20 Teilnehmer und Referenten in einem weiten Stuhlkreis. Die Frühlingssonne scheint durch die hohen Altbaufenster in den großzügigen Seminarraum. Die Berliner Luft duftet an diesem Tag nach Forsythie. Es ist die letzte große Diskussionsrunde des ersten Blockmoduls einer neuen Ausbildung, die Sozialarbeiter und andere Fachkräfte jüdischer Einrichtungen im Umgang mit Opfern von Antisemitismus sowie rechter oder rassistischer Gewalt schult.

Das 2015 gegründete Kompetenzzentrum der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) hat das Programm auf die Beine gestellt. Finanziert wird es über das Bundesprogramm »Demokratie leben!«, die Flick-Stiftung sowie durch das Thüringer Landesprogramm »Denk Bunt« und das Brandenburger Wissenschaftsministerium.

Das riesige Mobile aus Papierringen, das von der Decke hängt, scheint sich weder zu drehen, noch stillzustehen. Ein Zustand, der die Stimmung der Gruppe gut zu spiegeln scheint. Einige Teilnehmer wirken erschöpft, andere hingegen hoch konzentriert. Trotz der Schwere des Themas erfährt jeder Redner die Aufmerksamkeit der gesamten Gruppe. Mit einem freundlichen Lächeln und festem Blick moderiert Marina Chernivsky das Gespräch und spornt zum Durchhalten an. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Viktorija Kopmane hat sie das Seminar organisiert.

gewalt »Die professionelle Beratung und Unterstützung von Betroffenen rechter, rassistischer oder antisemitischer Gewalt ist in Deutschland ein recht junges Handlungsfeld«, sagt Chernivsky. Bis vor einigen Jahren standen bei der Aufarbeitung von antisemitischer und rassistischer Gewalt ausschließlich die Täter im Zentrum des Interesses. Seit dem Jahr 2000 werde der Blick jedoch immer stärker auf eine fachgerechte Beratung und Unterstützung der Leidtragenden gerichtet.

Den Begriff Opfer verwendet Chernivsky nur sehr ungern. Das klinge passiv und nach Rückzug. Sie spricht lieber von Betroffenen. »Ich denke, die Umdeutung des Begriffs kann im Bewusstsein aller Beteiligten Wunder bewirken, ohne die Fälle zu relativieren oder zu verharmlosen.« Bislang sei allerdings nur sehr wenig darüber bekannt, mit welchen Strategien Betroffene antisemitische Erfahrungen bewältigen, erklärt Chernivsky.

Im Seminar versuchen die Teilnehmer –alle sind zwischen 20 und 30 Jahre alt – deshalb zuerst, einen eigenen Zugang zu dem Thema zu finden. Sie sprechen über eigene negative Erfahrungen und versuchen, diese gemeinsam zu analysieren. Für viele der zukünftigen Berater ist dies eine sehr emotionale Erfahrung. Es ist also nur wenig überraschend, dass ein Teil der Gruppe am dritten Tag erschöpft wirkt.

»In meiner Schulzeit kam es sehr oft vor, dass ich gewisse Dinge mitteilen wollte, aber nie einen Ansprechpartner hatte«, erzählt der Student Dimitrius Berger. Er hofft, nach dem Seminar die Gemeinde in Bremerhaven fachgerecht unterstützen zu können. »Sehr oft stößt man auf Unverständnis, oder das Ganze wird kleingeredet. Wenn man diese Erfahrung als Jugendlicher ein- oder zweimal gemacht hat, möchte man das später nie wieder offen kundtun.«

Erfahrungen Wer selbst schon einmal Antisemitismus erfahren habe, könne mit besserem Fingerspitzengefühl Opfer beraten. Zudem helfe der jüdische Hintergrund eines Beraters vielen Opfern, sich zu öffnen. Dass es bisher nur sehr wenige gute Angebote von Juden für Juden gibt, ist deshalb ein großes Problem. »Die Beratungsstellen, die es in Deutschland gibt, sind kaum auf unsere jüdischen Ansprüche ausgerichtet. Kaum einer spricht dort Hebräisch, kaum einer spricht dort Russisch«, sagt Berger. Viele Ältere könnten sich deshalb gar nicht mitteilen.

Wenn Fälle von antisemitischer Gewalt oder Diskriminierung jedoch nicht zur Anzeige gebracht oder zumindest von Sozialarbeitern notiert werden, fehlen verlässliche Statistiken, die das wahre Ausmaß des Problems widerspiegeln. Harte Fakten sind immer noch das beste Mittel, um Politiker zum Handeln zu bewegen. Deshalb ist es wichtig, bekannte Fälle zu melden, etwa bei der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS).

Die Teilnehmer diskutieren nicht nur darüber, welche Erfahrungen sie gemacht haben, sondern auch über ihre eigenen Ängste. Eine junge Frau sagt, sie hoffe, durch die Ausbildung der ZWST alle Menschen kompetent beraten zu können, die in irgendeiner Weise diskriminiert werden. Andererseits müsse sie aber feststellen, dass sie selbst Vorurteile gegenüber Flüchtlingen habe. Nicht weil diese Muslime seien, sondern weil viele in Ländern sozialisiert wurden, in denen anti-israelische Politik zur Staatsräson gehöre.

Andere äußern ähnliche Gefühle. Die Debatte wird mit neuer Energie belebt. Einige sprechen über Erfahrungen, die sie als Helfer in Flüchtlingsunterkünften gesammelt haben, andere fragen, wie man auf Leute zugeht, aber Grenzen deutlich macht. Dann eine unerwartete Wendung. Eine zweite Teilnehmerin meldet sich. Sie müsse dringend etwas loswerden. Ihre Stimme zittert. »Ich bin als Kind mit meinem Bruder als Flüchtling nach Deutschland gekommen«, erzählt sie. »Wir hatten keine Eltern mehr, und mich hat immer am meisten entsetzt, dass uns die Mehrheit nicht mal gegönnt hat, hier zu sein.«

Aufgabenfeld Für Organisatorin Marina Chernivsky verdeutlicht diese Situation ein Spannungsfeld vieler Beratungsangebote. »Minderheiten haben es doppelt schwer. Sie setzen sich einerseits mit ihrer eigenen Identität und ihrer Community auseinander«, sagt sie. Gleichzeitig werden Minderheiten aber von außen allgemeingültige Eigenschaften aufgezwängt. Dabei gibt es aber gerade in der jüdischen Gemeinde ein großes Spektrum an Meinungen und unterschiedlichen Auffassungen.

»Die Maßnahmen des Kompetenzzentrums schaffen einen geschützten Raum, in dem man sich über Sorgen und Ängste austauschen kann«, erläutert Chernivsky. Neben der fachlichen Qualifizierung ist der Erfahrungsaustausch die zweite wichtige Komponente des Seminars. Langfristig hofft die Initiative, ein deutschlandweites Netzwerk jüdischer Beratungsstellen aufbauen zu können. Bis die Teilnehmer des ersten Jahrgangs in den Gemeinden helfen können, werden allerdings noch einige Monate vergehen. Sechs weitere Module müssen sie bis dahin noch meistern.

www.zwst-kompetenzzentrum.de

Beratungsstellen
Wenn Sie selbst Opfer von antisemitischer, rechter oder rassistischer Gewalt geworden sind oder einen Ihnen bekannten Fall von Diskriminierung melden möchten, können Sie sich unter anderem an folgende Beratungsstellen wenden:

– Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, www.report-antisemitism.de
– Reach Out Berlin, www.reachoutberlin.de
– oder einer Opferberatung in Ihrer Nähe

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Wuppertal

Am helllichten Tag

Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge geht das Gemeindeleben in der nordrhein-westfälischen Stadt weiter. Aber was bedeutet diese Normalität?

von Helmut Kuhn  01.10.2026

Rostock

Zunehmend sprachlos

Die Gemeinde hatte Schlimmeres befürchtet, doch Sorgen bleiben auch nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern

 01.10.2026

Wiedervereinigung

Zeit der Blüte

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Für jüdische Gemeinden in Ost und West war dies ein neuer Anfang, für manche auch die Rettung. Drei Gemeindemitglieder erzählen, wie sie diese Zeit erlebten

von Christine Schmitt  01.10.2026

Deutschland

Holocaust-Überlebende: Regierung der Linkspartei in Berlin wäre eine Katastrophe

»Hier muss die Politik gründlich aufpassen, dass das nicht passiert«, sagt Charlotte Knobloch bei »Maischberger«

 01.10.2026

Wahl

»Der Schock sitzt tief«

Jüdinnen und Juden blicken mit großer Skepsis auf eine mögliche Regierungsbeteiligung der Linken. Sie fordern klare Zusagen zum Kampf gegen Antisemitismus

von Christine Schmitt  30.09.2026

Rathaus Neukölln

Berlin

Hillel zieht seine Chanukkia aus dem Rathaus Neukölln ab

Der jüdische Bildungsverein will seine Chanukka-Feier künftig an einem »neutralen Ort« abhalten. Für den scheidenden Bürgermeister Martin Hikel ist die Entscheidung ein Schock

 01.10.2026 Aktualisiert

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 8. Oktober

 30.09.2026