Porträt der Woche

»Schwer, darüber zu reden«

»Als ich mit 80 in Deutschland ankam, war ich zu alt, um noch richtig in die neue Sprache einzusteigen«: Lev Peskin (90) lebt in Freiburg. Foto: Rita Eggstein

Porträt der Woche

»Schwer, darüber zu reden«

Lev Peskin überlebte als Kind die Leningrader Blockade und wurde später Ingenieur

von Anja Bochtler  19.06.2018 00:00 Uhr

Es gibt nicht mehr viele von uns. Ich bin ein Überlebender der Leningrader Blockade. Wie wirkt sich das bis heute auf unser Leben aus? Das ist schwer zu sagen. Die meisten sind damals gestorben, für sie gab es kein Weiterleben mehr. Für uns andere ist wohl typisch, dass wir unsere Kinder beim Umgang mit dem Essen auf eine besondere Art erzogen haben.

Wenn Kinder ihre heiße Milch nicht trinken wollen, nur weil sie eine Haut hat, dann erzählen wir ihnen von unserem Hunger in unserer Kindheit. Aber es ist schwer, darüber zu reden. Das Leben jetzt ist so anders als unsere Erfahrungen von damals. Meinen Enkeln habe ich bisher nichts von meiner Vergangenheit erzählt. Ich denke, dass sie es nicht verstehen könnten. Meine Frau Sonja und ich sind sehr froh darüber, dass wir sie aufwachsen sehen können. Wir leben inzwischen alle in Freiburg. Trotzdem ist unser Herz zum Teil in Russland geblieben.

jugend Unser Leben in Deutschland ist gut. Im Jahr 2000 hatte unser Sohn Russland verlassen. Wir sind ihm gefolgt, weil wir bei ihm sein wollten. Meine Frau und ich wanderten 2008 aus und zogen zu ihm nach Freiburg. Deutschland war da längst ein ganz anderes Land als in unserer Jugend.

Anfangs haben wir in Freiburg eineinhalb Jahre lang in einem Wohnheim für Übersiedler gelebt, dann bekamen wir unsere Zweizimmerwohnung in einer Seniorenwohnanlage der Arbeiterwohlfahrt. Mit der deutschen Sprache ist es eher schwierig. Ich bin inzwischen 90 Jahre alt und war 80, als ich hier ankam, meine Frau ist sieben Jahre jünger als ich. Wir waren zu alt, um noch richtig in eine neue Sprache einzusteigen. Aber immerhin verstehen wir in unserer Umgebung einiges, weil unsere Eltern Jiddisch gesprochen haben und deshalb vieles für uns vertraut klingt.

Für unsere Enkel ist hier natürlich ihre Heimat. Unser Sohn und seine Frau haben zwei Söhne, und seine Frau hat noch eine ältere Tochter aus ihrer ersten Ehe, die schon studiert. Unsere Enkel Jossef und Gregor wurden 2000 und 2004 geboren, sie sind 18 und 14 Jahre alt. Jossef spielt Geige und will Musik studieren. Gregor geht noch zur Schule. Beide sind sehr aktiv, sie machen viel Musik und Sport und sind auch in der Jugendgruppe der Jüdischen Gemeinde aktiv. Sie haben nicht mehr so viel Zeit wie früher, um uns zu besuchen, aber wir haben eine gute Verbindung.

kriegsbeginn Als sich mein Leben im Sommer 1941 abrupt änderte, war ich 13 Jahre alt, also jünger, als meine Enkel jetzt sind. Bis dahin hatte ich mit meinen Eltern und meinem ein paar Jahre älteren Bruder in Leningrad ein ganz normales Leben geführt. Wir waren eine einfache Handwerkerfamilie – mein Vater arbeitete in der Baubranche und meine Mutter in einer Fabrik für Medaillen.

Für uns und alle anderen kam der Zweite Weltkrieg völlig unerwartet. Für mich begann der Krieg schon einen Tag früher. Am 21. Juni war ich zufällig im Kino. Dort lief ein Film, der uns auf den Krieg vorbereiten sollte, der Titel war, glaube ich: Wenn morgen Krieg wäre. Es wurden Soldaten und Waffen gezeigt und der Eindruck vermittelt, dass alles bereit wäre. Aber niemand rechnete damit.

Als am nächsten Tag, am 22. Juni, die Kriegsnachricht eintraf, waren alle sehr überrascht. Bei uns im Hof standen die Nachbarn zusammen und sprachen darüber. Deutschland hatte die Sowjetunion angegriffen, trotz des Pakts zwischen Hitler und Stalin. Es breitete sich eine große Nervosität aus. Niemand wusste, was am nächsten Tag sein würde. Die Lebensmittel verschwanden aus den Geschäften, die Menschen wollten zu Hause Vorräte anlegen. In den Kellern der Häuser wurden Bunker eingerichtet, doch das war alles nur sehr notdürftig und kein wirklicher Schutz. Etwa zwei Wochen nach Kriegsbeginn sah ich die ersten Bomben am Himmel fliegen. Es ging alles sehr schnell. Die Deutschen kamen immer näher an unsere Stadt heran.

hunger Das alles geschah mitten in den Sommerferien. Die kleineren Kinder wurden evakuiert, in den Ural oder nach Asien. Doch ich war 13 Jahre alt und galt damit als fast erwachsen, darum blieb ich in Leningrad.

Zuerst lebten alle noch mit den Reserven, die sie daheim angesammelt hatten. Schon im Spätsommer konnte man aber auf den Straßen die Ersten sehen, die vor Hunger und Schwäche bewusstlos wurden. Es gab zentrale Lebensmittellager, doch die wurden oft bombardiert. Wenn sie brannten, sah man den Rauch und die Flammen in der ganzen Stadt. Viele holten sich nach dem Brand Erde von den Plätzen, wo die Lager gestanden hatten, wuschen und schluckten sie: Denn sie enthielt Zucker von den verbrannten Lebensmitteln.

Bei uns zu Hause wurde der Hunger immer schlimmer. Auch die Zentralheizung war ausgefallen, und für die kleinen Brennöfen gab es kein Holz. Da waren nur noch die Kälte und der Hunger. Und die Ratten. Sie waren überall. Nachts zog man sich Kleidung über den Kopf, um sich vor ihren Bissen zu schützen. Auch die Wasserleitungen funktionierten nicht mehr. Die Menschen tranken Abwasser. Niemand wusste, ob sie starben, weil sie sich daran vergifteten, oder ob sie verhungerten. Sie starben einfach. Viele lagen tot auf der Straße.

rettung Ich blieb fast immer zu Hause, denn Kinder galten als besonders gefährdet. Zwei kleine Mädchen waren verschwunden, man hatte nur ihre Kleidung gefunden und vermutete, dass sie von anderen getötet und gegessen worden waren. Die Reicheren hatten es etwas besser: Sie konnten ihren Schmuck gegen Lebensmittel tauschen, die nun natürlich viel mehr Wert hatten als alles andere. Wir hatten keinen Schmuck, wir waren einfache Leute.

Doch wir hatten meinen Onkel. Er wurde als Soldat verletzt und bekam im Krankenhaus etwas mehr Essen und Zigaretten zugeteilt, die man dann gegen Lebensmittel tauschen konnte. Mein Vater dagegen konnte nicht mehr arbeiten, er war bei einer Bombardierung am Kopf verletzt worden.

Meinem Onkel gelang es, uns vom Militär Papiere zur Evakuierung zu verschaffen. Am 16. Februar 1942 konnten wir nach Zentralasien ausreisen. Es war eine sehr mühsame Route über gefrorenes Gewässer. Es gab immer wieder Löcher im Eis, die Busse mussten sehr vorsichtig fahren, trotzdem gingen einige Fahrzeuge unter. Die Reise dauerte zwei Monate und war wie ein Albtraum.

hirte In Zentralasien lebten wir dann in einem kleinen Dorf. Unser Leben dort war nicht einfach. Zumindest hatten wir ein Stück Land, um Kartoffeln und Gemüse anzubauen. Ich arbeitete als Hirte. Später zogen wir weiter ins Uralgebirge, dort arbeitete ich in einer Fabrik für Panzer, die vorübergehend aus Leningrad dorthin verlegt worden war. Die Arbeitstage dauerten zwölf Stunden, es gab keine Wochenenden, nur ein oder zwei freie Tage im Monat. Noch nach Jahren hatte ich am ganzen Körper Furunkel, die durch den Hunger während der Blockade entstanden waren.

Nach dem Krieg kamen wir zurück nach Leningrad. Ich war 18 Jahre alt und fünf Jahre nicht mehr zur Schule gegangen. Ich arbeitete weiter in der Fabrik für Panzer, die nun wieder in Leningrad war – so wie ich. Nach der Arbeit besuchte ich eine Abendschule, um die verlorenen Schuljahre nachzuholen; später bewarb ich mich an der Hochschule für Militär. Danach konnte ich in meiner Fabrik als Ingenieur arbeiten. Dort blieb ich bis 1995, als ich mit 66 Jahren zu arbeiten aufhörte.

1963 lernte ich meine Frau Sonja kennen, die als Kind ebenfalls die Blockade erlebt hat. 1964 haben wir geheiratet, 1965 wurde unser Sohn geboren. Jetzt in Freiburg führen wir ein ruhiges Leben.

würde Wir sind gefühlsmäßig in Russland hängen geblieben. Wir lesen russische Zeitungen und schauen russisches Fernsehen. Oft skypen wir mit unseren Freunden und Verwandten in Russland. Aber wir fühlen uns wohl in Freiburg. Manchmal gehen wir spazieren oder zum Einkaufen.

Meine Frau ist schon öfter bei kleinen Reisen der Jüdischen Gemeinde mitgefahren, und ich auch manchmal. Eine Sache aber hat uns erschreckt: Als im vergangenen Jahr der Gedenkbrunnen zur Erinnerung an die in der Pogromnacht zerstörte Synagoge auf dem neu gestalteten Platz der Alten Synagoge in der Innenstadt fertig war, begannen dort Kinder und Hunde herumzuplanschen. Da haben wir trotz unseres Alters an Mahnwachen teilgenommen – um darauf aufmerksam zu machen, wie unwürdig das ist.

Aufgezeichnet von Anja Bochtler

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