»Bücher bauen Brücken«

Schreiben wider den Hass

Der Ort für die Eröffnung der Aktionswoche »Bücher bauen Brücken: Jüdisches Leben hier und heute« schien passend gewählt: Es war der traditionsreiche Sendesaal des Westdeutschen Rundfunks am zentral gelegenen Kölner Wallrafplatz. Und auf der Rednerliste standen Namen wie Tom Buhrow, Intendant des WDR, Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung mit rund 150 geladenen Gästen stand eine lebendige Diskussion mit den jüngeren, bereits sehr erfolgreichen Autoren und Journalisten wie Mirna Funk und Dmitrij Kapitelman. Den musikalischen Rahmen setzte der in Köln seit vier Jahrzehnten musikalisch und politisch aktive Rolly Brings. Er wurde von seinem Sohn Benjamin begleitet.

Spektrum Die Aktionswoche »Bücher bauen Brücken«, die bis zum 24. Mai dauerte, präsentierte mehr als 40 Veranstaltungen in ganz Nordrhein-Westfalen. Allein 40 Buchhandlungen beteiligten sich sowie 70 Verlage. Das Spektrum reichte von diversen Lesungen, Reiseerzählungen, Filmvorführungen, Klezmermusik, Mitmachlesungen für Kinder bis hin zu einer koscheren Weinprobe. Die Schirmherrschaft hatten die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, übernommen.

Die Idee und damit die Vorbereitungen sind bereits zwei Jahre alt, wie Ruth Schulhof-Walter am Rande der Veranstaltung wie und der WDR-Intendant Tom Buhrow in seiner Begrüßungsrede erläuterte. Der Anlass für diese Veranstaltungsreihe sei jedoch eher ein bedenklicher gewesen: Vor zwei Jahren nahm die Anzahl der antisemitischen Vorfälle in der Bundesrepublik und damit auch in Nordrhein-Westfalen massiv zu. Als sie davon hörte, habe sie es zunächst kaum glauben wollen, so Gabriele Schink vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Sie recherchierte, die Ergebnisse verstörten sie. Immer wieder stieß sie auf Hass, auf organisierte Feindseligkeiten, ja sogar auf Angriffe gegen Synagogen, wie in Münster und in Wuppertal. Daraufhin organisierte sie gemeinsam mit Ruth Schulhof-Walter und Chana Bennett von der Synagogen-Gemeinde Köln diese Veranstaltungsreihe. Schreiben gegen Hass sei eine zentrale literarische Herausforderung, so Schink.

Diesen Gedanken griff auch Tom Buhrow in seiner Begrüßungsrede auf: Auch er sei durch die antisemitischen Beleidigungen und Einschüchterungsversuche verunsichert, die er in Nordrhein-Westfalen seit dem Gaza-Krieg 2014 deutlich und verstärkt wahrnehme.

Zuwanderung Auch zugewanderte Flüchtlinge spielten bei der zunehmenden Gewalt, der die jüdischen Gemeinden in NRW seit einigen Jahren verstärkt ausgesetzt sind, eine Rolle, betonte Tom Buhrow. Dieser »importierte Antisemitismus« müsse offen angesprochen werden, sagte der Intendant. Leider müsse man konstatieren, dass eine strafrechtliche Bekämpfung von antisemitischen Übergriffen meist ins Leere laufe, so Buhrow. Sie endet nahezu immer mit der Einstellung des Verfahrens.

Er nehme eine wachsende Verunsicherung innerhalb der jüdischen Gemeinden wahr, sagte Buhrow. Eine Sensibilisierung für das Thema sei sehr wichtig, und die wolle man mit den Veranstaltungen stärken. Vor allem jedoch seien Begegnungen und Dialog eine Antwort auf die Gewalt. Sofern die Veranstaltungen zwischen Rhein und Ruhr eine gute Resonanz erführen, hob Tom Buhrow perspektivisch hervor, sei eine Ausweitung der Idee auf die gesamte Bundesrepublik geplant. »Die Teilnahme an dieser Veranstaltung war mir ein Herzensanliegen«, bemerkte der WDR-Intendant abschließend unter großem Beifall.

Der Vorsitzende der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Jürgen Wilhelm, nahm in seiner Rede die politische Dimension des Themas noch stärker auf. AfD-Politiker wie Björn Höcke arbeiteten an der Konstruktion eines Antagonismus zwischen Juden und Christen. Die AfD wolle den »gesellschaftlichen Pluralismus« durch ein Gebräu von Ressentiments ablösen: »Stellen wir uns dem laut entgegen«, forderte Wilhelm.

Kernstück des Abends war die Diskussion zwischen Mirna Funk und Dmitrij Kapitelman, die die Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Ellen Presser, moderierte. Die quirlige Mirna Funk, aufgewachsen in der DDR, und Dmitrij Kapitelman, Sohn eines ukrainisch-jüdischen Mathematikers mit einer grundehrlich-selbstironischen Grundhaltung, verkörpern mit ihren Biografien geradezu idealtypisch die verschiedenen Aspekte jüdischen Lebens in Deutschland. Dass sie sich gut kennen und gegenseitig inspirieren, spiegelte sich in der lockeren Atmosphäre wider.

Ressentiments Mirna Funk betonte, dass alle verstörenden Erfahrungen, die die literarischen Protagonisten ihrer Romane mit antisemitischen Ressentiments in Deutschland gemacht haben, aus ihrem eigenen Leben zwischen Deutschland und Israel entstanden seien. Da habe sie leider keinerlei literarische Fantasie benötigt, das erlebe sie auch bei ihren Lesungen sehr häufig, gerade auch im scheinbar so aufgeschlossenen Berliner Hipster-Milieu.

Den Abschluss des Abends bildete der Vortrag von Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats und Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln. Er eröffnete seine Überlegungen mit einem erst wenige Tage zurückliegenden irritierenden Erlebnis: Bei einem Treffen wurde er persönlich in den höchsten Tönen gelobt – um dann unmittelbar danach vom Laudator gefragt zu werden: »Sprechen Sie eigentlich Deutsch?« Gerade seine deutschen Gesprächspartner zeigten immer wieder eine erstaunliche Leidenschaft darin, die komplizierte politische Gesamtsituation im Nahen Osten zu beurteilen und eilfertige Lösungen anzubieten. In Israel, wo man tagtäglich mit dem zunehmenden Hass und den Gewalttätigkeiten leben müsse, habe er so ein »erstaunliches Urteilsvermögen« hingegen nur höchst selten erlebt. Auch werde er bei Einladungen und Gesprächen immer wieder nach Amos Oz gefragt: Den habe er doch gewiss gelesen und kenne ihn gut. Da müsse er seine Gesprächspartner leider häufig enttäuschen. Nein, er habe nur ein begrenztes Wissen über die israelische Literatur. Angesichts der auch für ihn deutlich wahrnehmbaren Zunahme von Gewalt und Beleidigungen sei er sehr angetan vom konkreten Engagement des Börsenverein des Deutschen Buchhandels NRW gegen Hass, wie es sich in dieser Aktionswoche nun in eindrucksvoller Weise zeige. »Das ist ein vorbildliches zivilgesellschaftliches Engagement!«, rief Lehrer unter großem Beifall.

Antisemitismusbeauftragter Das Wissen über das Judentum sei weiterhin sehr gering, woraus Ängste und Vorurteile entstünden. Und Lehrer verband dies mit einer konkreten Initiative: Der Expertenkreis gegen Antisemitismus habe am 24. April einen besorgniserregenden Bericht über die gesellschaftliche Atmosphäre vorgelegt. Lehrer betonte daher: »Wir brauchen einen Antisemitismusbeauftragten auf Bundesebene!« Dies sei eine vordringliche politische Forderung. Juden sollten bei Erinnerungsveranstaltungen und in der Literatur nicht nur als Opfer dargestellt werden. »Das sollte sich ändern!«

Zeitzeugen seien als Brückenbauer unverzichtbar: »Ja, wir gehen in Buchhandlungen, treten dort öffentlich auf!« Von dieser Aktionswoche müsse ein Impuls ausgehen, forderte Lehrer: Demnächst sollte dieser bundesweit durchgeführt werden. Zur großen Erheiterung des Publikums schloss Abraham Lehrer seine sehr engagiert gehaltene Rede mit einer Episode aus einem Buch von Amos Oz: Ein Vater stellt seinem kleinen Sohn voller Stolz seine zahlreichen Bücher vor. Er verlässt den Raum kurz. Als er wieder zurückkommt, sieht er zu seinem großen Schrecken, dass der Junge alle Bücher sortiert hat – nach ihrer Größe.

Tel Aviv

Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Eigentlich wollte Jacob Horowitz nur den Halbmarathon in Tel Aviv laufen. Doch dann begann der Krieg mit dem Iran. Wie sich die vergangenen Wochen zwischen Purim, Schutzraum und verschobener Evakuierung anfühlen, das hat er für uns aufgeschrieben

von Jacob Horowitz  12.03.2026

Sport

Vereint am Ball

Jüdische Hobby-Fußballer feiern ihre Gemeinschaft – und möchten in schwierigen Zeiten ein Zeichen setzen

von Christine Schmitt  12.03.2026

Berlin

Interaktives Projekt zur jüdischen Geschichte des Scheunenviertels

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte gibt es seit Mittwoch zehn Straßenmarkierungen auf Jiddisch, Deutsch und Englisch. Über ein interaktives Erinnerungsprojekt wird so an die jüdische Geschichte der Spandauer Vorstadt erinnert

von Markus Geiler  11.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026

Programm

Kakaniens Kinder, Jakobs Zelte und Israels Superfood: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. bis zum 19. März

 11.03.2026

Hilfe

Gestrandet in Deutschland

Viele Israelis wurden im Ausland vom Beginn des Krieges mit dem Iran überrascht. Sie finden Unterstützung bei der israelischen und jüdischen Gemeinschaft vor Ort

von Joshua Schultheis  11.03.2026

Meinung

Jüdisches Leben gehört zum Ländle

Nach der Wahl in Baden-Württemberg kann die jüdische Gemeinschaft darauf vertrauen, auch künftig einen zuverlässigen Partner in der Landesregierung zu haben. Einzig das gute Abschneiden der AfD bereitet Sorgen

von Barbara Traub  11.03.2026

Berlin-Neukölln

Wer ist dieser Mann?

Er lehrte arabische Schüler die Geschichte des Holocausts, organisierte einen Austausch mit Israelis und hielt Drohungen stand. Hudhaifa Al-Mashhadanis Geschichte faszinierte die Medien, begeisterte Politiker und schenkte ihm das Vertrauen jüdischer Organisationen. Aber ist alles daran wahr?

von Mascha Malburg  11.03.2026

Berlin

150 Rabbiner am Brandenburger Tor

Ein Fototermin setzt ein Zeichen: Rabbiner zeigen, wie jüdisches Leben heute Europa prägt. Was beim Treffen sonst noch auf dem Programm steht

 11.03.2026