Porträt der Woche

Schalom aus dem Funkhaus

Jeden Freitagnachmittag auf Sendung: Michael Strassmann (46) Foto: Christian Rudnik

Porträt der Woche

Schalom aus dem Funkhaus

Michael Strassmann moderiert in München eine jüdische Radiosendung

von Katrin Diehl  28.01.2013 17:43 Uhr

Viele kleine Buben wollen später mal zur Eisenbahn oder zur Feuerwehr. Bei mir war das anders. Mir war schon als Kind klar: Ich will zum Radio! Dort bin ich gelandet und bis heute auch geblieben, beim Bayerischen Rundfunk in München. Und – so etwas traut man sich ja fast nicht zu sagen –, mein Beruf macht mir heute noch genauso viel Spaß wie am ersten Tag.

Nicht, dass sie mich damals beim Funk gleich genommen hätten. Erst einmal kamen Absagen, und weil ich nicht zum Militär musste – da war man freigestellt als Jude –, habe ich angefangen zu studieren: Politikwissenschaften im Hauptfach und im Nebenfach Volkswirtschaft und Slawistik.

Ich habe Russisch und Tschechisch gelernt, weil ich mir als Jugendlicher eingebildet habe, mal beim tschechischen Rundfunk zu landen. Wir besaßen im Bayerischen Wald eine Ferienwohnung, und dort habe ich immer tschechisches Radio gehört. Die Sprache fand ich unheimlich faszinierend. Und überhaupt, was da hinter dem Eisernen Vorhang ablief, das hatte etwas Exotisches. Da wollte ich mal hin – und habe es tatsächlich geschafft!

1994 habe ich beim tschechischen Rundfunk angefangen. Irgendwann stellte sich dann die Frage, ob ich in Prag bleibe oder nach München zurückgehe. Ich probierte es noch ein letztes Mal, schickte eine Bewerbung an den Bayerischen Rundfunk – und es funktionierte. Prag hat offenbar Eindruck gemacht. Ich habe also mein Zeug gepackt und bin zurück nach München.

Aufstehen Geboren wurde ich 1966 in München-Pasing, aufgewachsen bin ich in Aubing, ganz im Münchner Westen, und heute wohne ich im Glockenbachviertel. Das ist ziemlich mitten in der Stadt. Hier beginnt mein Tag. Wann genau, das kommt darauf an. Je früher die Sendung, desto früher muss ich aufstehen.

Unter der Woche bin ich meistens bei Bayern 1, der populären Unterhaltungswelle. Ich betreue da zum Beispiel die Vormittagssendung. Das heißt, ab sieben findet man mich im Funkhaus. Zusammen mit dem Moderator bereite ich die Sendung vor, die um neun beginnt und bis zwölf dauert. Wir gehen die Agenturmeldungen durch und überlegen, was die Hörer interessieren könnte. Daraus bastle ich die Texte für die Moderation.

In so einer Sendung ist alles drin, querbeet, von Gartentipps über die Frage, wer haftet, wenn jemand ausrutscht, weil der Schnee nicht geschippt wurde, oder, wie pflegt man Hightech-Textilien und ähnliche Dinge. Man lernt da unheimlich viel, und ich glaube, dass ich mittlerweile mit meinem Wissen so manche Hausfrau in die Tasche stecken kann. Dann gibt es noch die »Gute Nachricht des Vormittags«, und es werden zwei Musikwünsche erfüllt.

An so einem Tag muss ich gegen sechs Uhr aufstehen. Ich dusche, hau mir einen Kaffee rein – frühstücken kann ich um diese Zeit noch nichts – und schwinge mich auf mein Radl. Mit dem Rad fahre ich bei jedem Wind und Wetter. Das ist mein Sport. Früher habe ich Trabbis gesammelt, seit ich die aber in der Umweltzone nicht mehr fahren darf, bin ich aufs Rad umgestiegen. Ist eine Sendung vorbei, kommen erst die Nachbesprechung und dann die Vorbesprechung für den nächsten Tag. Ich gehe in die Kantine – heute gab’s Fischstäbchen mit Mayo und Kartoffelsalat – und dann bin ich irgendwann am späten Nachmittag zu Hause.

schlager Habe ich die Nachmittagssendung von 13 bis 16 Uhr, geht alles entsprechend später los. Sonntags moderiere ich manchmal bei »Bayern Plus« – so nennt sich das »Schlagerradio« des Bayerischen Rundfunks –, und zwar das »Wunschkonzert« von 18 bis 20 Uhr, eine Sendung für die »Freunde des deutschen Schlagers«, also eher für ältere Herrschaften. Ich bekomme einen Stapel E-Mails auf den Tisch mit den Musikwünschen der Leute und erstelle daraus den »Musiklaufplan«. Auch so eine Art von Sendung muss gut vorbereitet sein. Ich weise auf Geburtstage von Stars hin, plaudere mit ihnen am Telefon, oder sie erscheinen sogar persönlich im Studio, da bin ich in der Gestaltung recht frei.

Donnerstags fange ich an, die Sendung »Schalom«, eine »Viertelstunde Jiddischkeit«, zu produzieren, im Voraus für die Freitage, die da kommen. Die Sendung des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden läuft jeden Freitag ab 15.05 Uhr auf Bayern 2. Sie informiert über die 14 Gemeinden in Bayern, über jüdisches Leben und Religion. Die Ansprache zum Schabbat, der Kommentar zur Parascha, kommt von Daniel Krochmalnik von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg.

Wenn ich mal nicht da bin – ich verreise gern –, dann kann es sein, dass ich zuvor bis zu vier Sendungen vorproduziert habe. Das schlaucht ganz schön. Dadurch, dass »Schalom« jeden Freitag kommt und immer mit mir am Mikrofon, meinen ja viele Hörer, dass »der arme Mann vom Radio« nie Urlaub machen darf. Dem ist aber nicht so.

»Schalom« in der Form, wie es heute gesendet wird, gibt es seit 2004. Der Leiter der Abteilung »Religion und Kirche« ist damals auf mich zugekommen und hat gesagt: »Michael, du kennst dich doch auf dem Gebiet ganz gut aus. Willst du das machen?« Ich habe »ja« gesagt und hatte auch ziemlich schnell eine genaue Vorstellung davon, wie so etwas aussehen könnte. Von Anfang an war klar, dass der religiöse Teil der Sendung zugeliefert würde. Mittlerweile muss ich aber sagen, dass ich, obwohl ich nicht sehr religiös erzogen wurde, inzwischen auch schon recht gut Bescheid weiß.

So, wie ich es mitkriege, weiß in der Gemeinde kaum jemand, dass diese Sendung überhaupt existiert. Unter unseren Hörern sind sehr viele Nichtjuden. Also erkläre ich ausführlich und mache das Judentum ein bisschen transparenter.

Die mangelnde Kenntnis vom Judentum ist ewig groß, auch im Funkhaus. Das ist so eine Mischung aus Unwissenheit und Unsicherheit. Darf man das fragen, darf man da jetzt lachen? Ich sage dann immer, Lachen ist jüdisch, Humor ist jüdisch, und auch über sich selbst zu lachen, ist jüdisch. Denn eigentlich ist es ja komisch, wenn eine Moderatorin ihren Studiogast Ephraim Kishon danach gefragt hatte, wie er Weihnachten feiert, oder wenn eine Kollegin bei den Börsennachrichten vom »Zentralbankrat der Juden« statt dem »Rat der Zentralbankpräsidenten« spricht. Ich jedenfalls habe mich köstlich amüsiert, während es ihr grottenpeinlich war.

Kritik Über die Jahre hinweg habe ich mir für meine Sendung ein Netz von Reportern aufgebaut, die für mich aus den verschiedenen bayerischen Gemeinden berichten. Meine Eltern gehören übrigens zu meinen Stammhörern. Von ihnen bekomme ich dann auch schon mal Kritik zu hören, besonders von meinem Vater, der war immerhin auf einer Rabbinerschule in Jerusalem. »Zu ungenau«, sagt er dann oder: »Das war ein bisschen falsch«. Manchmal kriegen wir uns sogar richtig in die Wolle.

Nach Feierabend gönne ich mir gern ab und zu ein Glas Wein und lese ein gutes Buch, zu Hause, umgeben von all meinen alten Radios. Ja, ich sammle alte Radios. Etwa 200 habe ich inzwischen. Ich finde sie auf Flohmärkten und bringe sie wieder zum Laufen.

Entspannen kann ich mich auch bei langen Spaziergängen. Ich besuche meine Schwester im Bayerischen Wald, und wir gehen los. Bergauf und bergab. Wir suchen Schwammerl, oder ich hocke ganz still irgendwo. Nicht irgendwo, sondern an »meinen« Plätzen, von denen aus ich Frösche, Kröten, Salamander, Eidechsen oder Schlangen beobachten kann. Ich liebe diese Tiere.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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