»Ich dachte, ich müsste sterben«, sagt Elisa Wagner (alle Namen im Text sind von der Redaktion geändert) aus Zehlendorf. Sie, ihr Partner und ihr 16-jähriger Sohn waren krank. Als die Familie am Samstagmorgen aufwachte, war die Heizung kalt und die Wohnung ausgekühlt. Es gab kein warmes Wasser und keinen Strom. Elisa Wagner verzweifelte: »Ich wusste nicht, was los ist, und konnte es mir nicht erklären.«
Ihr Partner ging vor die Tür, um Informationen einzuholen. Er kam mit der Ansage zurück: großflächiger Stromausfall im Süden Berlins nach einem Anschlag auf ein Gaskraftwerk im Ortsteil Lichterfelde. Etwa 50.000 Haushalte und Gewerbe im Bezirk Steglitz-Zehlendorf und Umgebung waren am Samstag vom Blackout betroffen.
»Da war ich erleichtert und dachte, dass alles wieder gut wird«, erinnert sich Wagner. Schlecht ging es ihr trotzdem. Panik ergriff sie, trotz vieler Decken fror sie.
Wohin gehen, wenn man krank ist und niemanden anstecken möchte?
Schließlich hörten Wagner, ihr Partner und ihr Sohn die Durchsagen aus einem Polizeiauto, das durch die Straße fuhr und die Bewohner aufforderte, ihre Wohnungen zu verlassen. Doch wohin gehen, wenn man krank ist und niemanden anstecken möchte? »Ich wusste nicht, wie es weitergehen soll.«
In diesen Nachmittagsstunden am Samstag hieß es noch, dass der Strom ab 18 Uhr wieder fließen würde. Daraus wurde nichts. Schließlich konnte Wagners Sohn übergangsweise zu einem seiner Freunde. Sie selbst quartierte sich bei ihrer Mutter ein, die ebenfalls krank war. Elisa Wagner packte ihren riesigen Koffer – »nur mit Bettzeug«. Wackelig auf den Beinen, musste sie sich in eine Apotheke und einen Supermarkt schleppen, um Medikamente und Lebensmittel einzukaufen.
Die Wohnung ihrer Mutter in Lichterfelde, die nicht vom Stromausfall betroffen war, war zunächst auch nicht richtig warm, konnte aber geheizt werden. »Lange würde ich es, ohne gesundheitlichen Schaden zu nehmen, nicht schaffen, dachte ich mir«, blickt Wagner zurück. Dazu kamen die Sorgen: Würden die Rohre in der eigenen Wohnung die Kälte unbeschadet überstehen? Wer käme im schlimmsten Fall für einen Schaden auf? Und die wichtigste Frage: Wann gibt es endlich wieder Strom?
Spätestens nach dem Stromausfall im Südosten der Stadt hätte man vorgewarnt sein müssen.
Die gute Nachricht kam am Sonntagnachmittag: Die Wohnung in Zehlendorf konnte wieder ans Stromnetz angeschlossen werden. »Es ist ein Glück, wieder zu Hause im Warmen sein zu können«, sagt die 47-jährige pädagogische Fachkraft und systemische Beraterin.
Aber sie übt auch scharfe Kritik am Berliner Senat: Spätestens nach dem Stromausfall im Südosten der Stadt hätte man vorgewarnt sein müssen. Nach dem Anschlag im vergangenen Herbst auf einen Strommast in Treptow-Köpenick waren ebenfalls 50.000 Haushalte und Unternehmen zeitweilig von der Stromversorgung abgeschnitten. Erst nach etwa 60 Stunden lief der Strom wieder. »Unsere kritische Infrastruktur muss zu 100 Prozent geschützt werden«, unterstreicht Wagner. Sie kann nicht verstehen, wie es zu zwei solchen Anschlägen innerhalb weniger Monate kommen konnte.
Auch Experten haben dafür wenig Verständnis
Auch Experten haben dafür wenig Verständnis. In der Abendschau im rbb bewertete Landesbranddirektor a.D. Frieder Kircher die Schlussfolgerungen, die man aus den Vorfällen der vergangenen Jahre gezogen hat, kritisch: »Köpenick ist noch relativ glimpflich abgegangen, weil sich gerade in Einfamilienhaus-Gebieten die Menschen noch relativ gut helfen können. Aber stellen Sie sich die ganze Problematik im Wedding oder im Zentrum von Marzahn vor.« Er sehe auf derartige Fälle nicht viel Vorbereitung – insbesondere für vulnerable Gruppen.
Elisa Wagner indes war vorbereitet: Nach dem Blackout in dem anderen Bezirk hatte sie sich einen Gaskocher gekauft. Aber die Kälte in ihrer Wohnung setzte ihr am Wochenende derart zu, dass sie dort nicht bleiben konnte.
Es ist der längste Stromausfall in Berlin seit dem Zweiten Weltkrieg.
Die Psychotherapeutin Ruth Hamm saß am Samstag im Zug von Lübeck nach Berlin, als Freunde sie per Mobiltelefon über den Blackout informierten. Zu diesem Zeitpunkt hieß es noch, dass ab dem Abend der Strom wieder fließen werde. Aber als die gebürtige Israelin, die in Zehlendorf lebt, in ihre Straße einbog, war alles dunkel. Keine Straßenbeleuchtung, keine funktionierenden Ampeln. »Ich nahm meine Taschenlampe und beleuchtete mir den Weg von der S-Bahn nach Hause«, so Ruth Hamm.
Im Haus war ebenfalls alles dunkel. Sie zündete Kerzen an, um sich zurechtzufinden, räumte den Kühlschrank aus und stellte die Lebensmittel nach draußen. »Dann ging ich früh ins Bett.« Weil der Gasanschluss in ihrem Haus funktioniert, konnte sie sich am nächsten Morgen einen Kaffee und später Essen kochen. »Mehrere Freunde luden mich ein, bei ihnen zu schlafen und zu duschen, aber ich wollte lieber zu Hause bleiben, in meiner gewohnten Umgebung. Ich hatte auch einiges zu erledigen.«
Die erste Stunde fand im Wohnzimmer der Therapeutin statt
Den Kamin im Wohnzimmer hatte die Zehlendorferin bis dahin noch nie angezündet. Zunächst gelang es ihr nicht, weil das Holz nass war. Doch Not macht erfinderisch: Für den Kamin besorgte eine Nachbarin trockenes Holz und brachte es mit dem Auto. »Da kam ein junger Mann vorbei, den ich bat, mir beim Tragen zu helfen.« Er kannte sich auch mit dem Anzünden des Kamins aus. »Und dann stellte sich heraus, dass es ein neuer Patient war«, so die Psychotherapeutin. Die erste Stunde fand in ihrem Wohnzimmer statt.
Eine weitere Patientin brachte eine Campingausstattung mit. »Ich bin dankbar, dass es so nette Menschen gibt«, sagt Ruth Hamm. Bis zum nächsten Morgen war der Kamin warm, sodass sie ihre Patienten weiterhin im Wohnzimmer empfangen konnte. Die Praxisräume selbst blieben kalt.
Am nächsten Tag ging Hamm ins Bürgeramt. »Da kamen viele Menschen zusammen, die alle ihre Handys aufluden. Auch ich suchte mir einen freien Stecker.« Mit der Frau, die neben ihr saß und sich in einer ähnlichen Lage wiederfand, ist sie mittlerweile befreundet. Ins Bürgeramt muss Hamm inzwischen nicht mehr. Freunde haben ihr Powerbanks vorbeigebracht, mit denen sie ihr Handy aufladen kann.
Zunächst zündeten sie viele Kerzen an
Ein paar Straßen weiter in Zehlendorf lebt die Ärztin Larissa Stein mit ihrer Familie. Am Samstag wurde sie von ihrem erwachsenen Sohn geweckt. Er hatte bei seiner Freundin übernachtet und kam frühmorgens nach Hause, um seine Eltern zu informieren, dass der Strom ausgefallen sei, berichtet Larissa Stein (55). »So erfuhren wir, dass unsere Heizung nicht mehr funktioniert und wir im Dunkeln bleiben werden.« Zunächst zündeten sie viele Kerzen an. Weil das Mehrfamilienhaus gut isoliert ist, kühlte die Wohnung nicht ganz so rasch aus.
Kurz darauf brachte der Schwiegersohn eine Batterie – ein »Riesending«, wie Ruth Hamm sagt – vorbei, sodass sie und ihr Ehemann wieder Licht hatten und Handys aufladen konnten. Auf einem kleinen Campingkocher bereiteten sie die Mahlzeiten zu. »Wir haben viele Einladungen von Freunden bekommen, bei ihnen zu übernachten«, betont Hamm. Aber sie wollten in ihren eigenen vier Wänden bleiben. »Ich komme aus Russland und bin einiges gewöhnt. Nun denke ich: Hauptsache, wir sind gesund.«
Dienstagnachmittag waren noch 25.500 Haushalte im Berliner Südwesten ohne Strom.
Elisa Wagner war es wichtig, anderen zu helfen, die noch länger als sie im Dunkeln ausharren mussten. »Am Montag waren wir in einer Anlaufstelle für Betroffene und haben Sachspenden abgegeben. Wir trafen dort viele Menschen, denen es überhaupt nicht gut ging.«
Rabbiner Shmuel Segal von der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin sagt: »Meines Wissens waren glücklicherweise nicht so viele Jüdinnen und Juden vom Blackout betroffen, aber den wenigen haben wir natürlich geholfen.« Er sei mit zehn bis 20 Familien in Kontakt gewesen und unterstützte sie mit Essen. Einige der betroffenen Familien seien am Wochenende telefonisch nicht erreichbar gewesen. Er und seine Mitstreiter seien deshalb persönlich vorbeigegangen. »Es ist wichtig, dass sie wussten, dass sie nicht allein sind.«
Am Mittwochvormittag (bei Redaktionsschluss) waren noch 19.900 Haushalte und 850 Gewerbe im Südwesten ohne Strom. »Wir fahren heute ab 11 Uhr das Stromnetz in den betroffenen Gebieten schrittweise wieder hoch«, sagte der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) am Mittwochmorgen. Es ist laut dem Betreiber »Stromnetz Berlin« der längste Stromausfall in der Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg.