Jüdischer Friedhof Weissensee

Raue Schönheit

Die Wildnis des Friedhofs ist auch »aufgezwungenes Resultat dunkler deutscher Geschichte«. Foto: Rolf Walter

Es ist einer der verwunschensten Orte in Berlin: der Jüdische Friedhof im Stadteil Weißensee. 1880 ist er eingeweiht worden, mehr als 116.000 Gräber sind auf ihm in 134 Feldern angeordnet. Noch heute finden dort, auf Europas größtem jüdischen Begräbnisplatz, Verstorbene ihre letzte Ruhestätte.

Am vergangenen Mittwoch ist der Friedhof für seine »Biologische Vielfalt« von den Vereinten Nationen mit dem Siegel »UN-Dekade Biologische Vielfalt 2011–2020« ausgezeichnet worden – eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Würdigung.Überreicht wurde der undotierte Preis vom Bundesumweltministerium; Preisträger sind die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Technische Universität TU Berlin.

siegel Gemeinsam realisierten sie auf dem Gelände ein mehrjähriges Forschungsprojekt, dessen Ziel es war, die biologische Vielfalt auf dem Friedhof zu bestimmen. Die Studie, finanziert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, förderte einen wertvollen Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten zutage, darunter auch gefährdete Arten. »Es ist eine super Analyse zum Bestand«, sagte Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn (Die Linke) während der Preisverleihung. »Es beschreibt aber auch eine Aufgabe über viele Jahre, die mit viel Geld verbunden ist.«

Geld, für das die Gemeinde allein nicht aufkommen könne, sagte Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Denn für den Erhalt des 42 Hektar großen Friedhofs seien Kosten in Millionenhöhe zu erwarten. »Vor uns liegen noch gewaltige Aufgaben«, sagte Joffe. Er beschrieb drei davon: die Erhaltung und Pflege des Friedhofs als Bestattungs- und Erinnerungsort, die Erhaltung des überregional bedeutsamen Garten- und Kulturdenkmals sowie die Bewahrung der vorhandenen biologischen Vielfalt.

Inwieweit die Auszeichnung der Vereinten Nationen dabei helfen wird, finanzielle Förderer zu gewinnen, steht in den Sternen. Christiane Paulus vom Bundesumweltministerium gab sich allerdings zuversichtlich. Immerhin handele es sich um ein Siegel der UN, sagte die Biologin bei der Urkundenübergabe. Dass Fördermittel dringend notwenig sind, betonte auch Regina Borgmann.

Sie arbeitet seit fast 30 Jahren in der Friedhofsverwaltung, kennt den Ort in- und auswendig und setzt sich für dessen Erhalt ein. »Wir müssen dafür sorgen, dass hier Verkehrssicherheit gegeben ist.« Sei sie es nicht, müssten Areale abgesperrt werden, im schlimmsten Fall einmal der ganze Friedhof.

Investition Um die Notwendigkeit von Investitionen zu demonstrieren, führte sie im Anschluss an die Preisverleihung eine kleine Gruppe von Pressevertretern und Gästen über den Friedhof – und blieb vor einem umgestürzten Baum stehen. Das Sturmtief Xavier habe ihn im vergangenen Herbst entwurzelt. Einige Grabsteine sind dabei in Mitleidenschaft gezogen worden. »Wir müssen wirklich ganz schnell etwas machen«, forderte Regina Borgmann.

Insbesondere der Altbaumbestand, das heißt Bäume, die einen Umfang von mehr als 50 Zentimetern haben, stellen die Gemeinde und die Verwaltung vor eine große Herausforderung. Fast 7000 dieser Bäume gibt es auf dem Gelände. Alle müssten in irgendeiner Form bearbeitet werden, sagte Ingo Kowarik, Professor für Ökosystemkunde und Pflanzenökologie an der TU Berlin.

Die Kosten allein für diese Maßnahme würden sich auf mindestens 1,4 Millionen Euro belaufen. Einige müssten gefällt, andere beschnitten werden. Passiert das nicht, und der nächste Sturm zieht über Berlin, könnten die nächsten Schäden auftreten. »Das Land Berlin ist hier gefordert«, betonte Ingo Kowarik. »Es muss ein Betrag generiert werden, der etwas voranbringt.«

pilotprojekt Das Pilotprojekt der Jüdischen Gemeinde und der TU Berlin hatte sich, außer der Dokumentation des gegenwärtigen Zustands, auch die Aufgabe gestellt, zu diskutieren, wie der Friedhof in Zukunft aussehen könnte. »Soll er wieder so aussehen wie vor 1939? Oder soll der Erinnerungswert erhalten bleiben? Wir haben uns am Ende für Letzteres entschieden«, sagte Ingo Kowarik. Ziel sei, einen parkartigen Friedhofswald zu gestalten, »bei der die wilde Natur mit integriert wird«, so der Pflanzenbiologe.

Wird das Konzept einmal umgesetzt, könnte es aussehen wie das Grabfeld R2. Es diente der Projektgruppe als Modell. Pultsteine wurden dort wiederhergestellt, elf Bäume gefällt, Kronenschnitte an vier Altbäumen und Pflegeschnitte an Rhododendronsträuchern vorgenommen. Heute macht es einen gepflegt-belebten Eindruck.

»Wie wir es nicht wollen, sieht man hingegen gut hier«, sagte Birgit Seitz, Mitarbeiterin für Biodiversitätsanalytik am Institut für Ökologie der TU Berlin. Sie führte die Gruppe an Grabfeld D4 vorbei. Während eines Arbeitseinsatzes seien dort alle Bäume entfernt worden, erklärte sie. Das Ergebnis: Brombeerstäucher und Brennesseln beginnen zu wuchern. »An ein Durchkommen zu den Gräbern ist nicht zu denken.«

Wildnis Zur Preisverleihung war auch Gemeinderabbiner Jonah Sievers gekommen. In seiner Ansprache erwähnte er ebenfalls, dass einige Gräber zugewachsen seien. »Der Opa meiner Lebensgefährtin liegt auf Feld T2. Wenn ich ihn besuchen möchte, muss ich mich erst durchs Unterholz kämpfen«, sagte Sievers. Die Wildnis des Friedhofs bringe einerseits eine raue Schönheit mit sich, andererseits handle es sich dabei um das »aufgezwungene Resultat dunkler deutscher Geschichte«.

Wie sich die Natur Orte zurückerobert, sei insbesondere auf Grabfeld L, Abteilung IV, zu sehen, sagte Regina Borgmann. Es war der letzte Abschnitt, den sie den Besuchern noch zeigen wollte. Vor 27 Jahren habe sie mit dem damaligen Rabbiner Ernst Stein entschieden, die Fläche sich selbst zu überlassen und damit einen Ort der Mahnung zu schaffen. Denn jene Generationen, die sich um die dortigen Gräber gekümmert hätten, seien während der NS-Zeit »alle ausradiert« worden.

Wie es mit der Gestaltung des Friedhofs letztendlich weitergeht, blieb am Tag der Preisverleihung offen. Doch Gideon Joffe ist optimistisch: »Ich bin zuversichtlich, dass wir auch weiterhin Unterstützung erhalten werden.« Er freue sich über das »Qualitätssiegel«, mit dem das Engagement seiner Gemeinde für den Naturschutz gewürdigt werde.

Standpunkt

Braucht es ein Verbot?

Warum gerade Juden einen Social-Media-Stopp für Jugendliche unter 16 Jahren unterstützen sollten

von Daniel Neumann  27.02.2026

Hamburg

»Seid stolz darauf, jüdisch zu sein!«

Der Jugendkongress unter dem Motto »Strong. Jewish. Here.« ist eröffnet

 26.02.2026

Berlin

Gedenktafel für NS-Gegner Otto Weidt geplant

In Berlin soll der Unternehmer Otto Weidt eine Gedenktafel bekommen: In der NS-Zeit bewahrte er blinde und gehörlose Jüdinnen und Juden vor der Deportation

 26.02.2026

Zeugnis

Gitarre mit Geschichte

Ein 1943 von Hanuš Smetana in Theresienstadt gebautes Musikinstrument erzählt vom Alltag im Ghetto und erinnert an seinen Erbauer, der die Schoa nicht überlebte

von Katrin Diehl  26.02.2026

Thüringen

Jüdisch-israelische Kulturtage fordern Verantwortung ein

16 Musiker und andere Vertreter der Kultur aus Israel sind dieses Mal dabei

 26.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  26.02.2026

Essay

»Der JuKo ist ein Versprechen«

Für vier Tage kommen 400 junge Jüdinnen und Juden in Hamburg zusammen, um zu diskutieren, zu beten und zu feiern. Unsere Autorin ist zum dritten Mal dabei. Ein Ausblick auf den Jugendkongress

von Ariella Haimhoff  26.02.2026

Programm

Berliner Rebellin, Kafkas Schwester und ein junger Detektiv: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 26. Februar bis zum 4. März

 26.02.2026

Ausstellung

Für die Zukunft

Ganz persönlich, doch mit weitem Horizont zeigt »Mit eigener Stimme« die Geschichte des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ein Rundgang durch eine überraschende Schau

von Sophie Albers Ben Chamo  24.02.2026