Forschungsprojekt

Hochschule für Jüdische Studien will Schüler handlungsfähig machen

Eingang der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg Foto: picture alliance/dpa

»Wir dürfen nicht gleichgültig bleiben bei Hass und Hetze gegen Juden und Israel. Dem antisemitischen Gift auf Tiktok, Instagram und anderen Social-Media-Plattformen können wir nur durch gezielte Medienbildung begegnen.« Davon ist Rabbinerin und Judaistin Birgit Klein überzeugt.

Gemeinsam mit der Erziehungswissenschaftlerin Havva Engin hat Klein an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg jetzt ein besonderes Forschungs- und Praxisprojekt angestoßen - und dafür 800.000 Euro Fördermittel der Bundesregierung erhalten.

Bundesweites Pilotprojekt

Das bundesweit einzigartige Projekt setzt zwei inhaltliche Schwerpunkte: Zum einen wollen die Wissenschaftlerinnen erforschen, wie linksextremistisch motivierter Antisemitismus und Israelhass in Social Media auf Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland wirkt. Zum anderen geht es allgemeiner um den Kampf gegen antisemitische Verschwörungserzählungen im Netz.

»Entscheidend ist auch der nächste Schritt, von der Forschung in die Praxis zu kommen. Also Konzepte zu entwickeln, um den menschenverachtenden Antisemitismus nicht einfach hinzunehmen, sondern seine fatale Wirkung auf Jugendliche zu begrenzen«, sagt Engin.

Das Team um die beiden Wissenschaftlerinnen geht jetzt auf Schulen und Hochschulen zu. In Medientagebüchern sollen 200 bis 300 Jugendliche und junge Erwachsene mindestens zwei Wochen lang dokumentieren, wo und wie sie antisemitschen Inhalten im Netz begegnen, welche Reels die Plattform-Algorithmen in ihre Feeds spielen. »Oft geht es ganz schnell, wenn ich nur einmal ein Free-Palastine-Video angeklickt habe, ist mein Handy sofort voll von Israelhass«, berichtet eine Projektmitarbeiterin.

Folgen des Iran-Kriegs?

Auch nach dem Ende des Gaza-Kriegs bleiben antisemitische Inhalte weit verbreitet. Es wird sich zeigen, welche Auswirkungen der Angriff der USA und Israels auf den Iran haben werden.

Die Heidelberger Wissenschaftlerinnen beobachten, dass sich Holocaust-Relativierungen im Netz derzeit stark verbreiten. Etwa wenn es heißt, Israel habe Gaza zu einem KZ gemacht. Aufschwung erfahre derzeit auch ein Erlösungsantisemitismus, der propagiert, dass Juden und der Staat Israel die größte Gefahr für Frieden, Freiheit und Demokratie wären. Eine freie Welt also erst erreicht werden könnte, wenn alle Juden vernichtet sind.

»Wir wissen, dass Schüler mit solchen Ideen im Netz konfrontiert sind und der Nahostkonflikt ein großes Thema ist. Was aber häufig fehlt, sind Ideen und Kompetenzen, sich den damit verbundenen schwierigen und konfliktreichen Fragen zu stellen«, sagt Klein.

Schwierige Aufgabe der Schulen

Was tun also, wenn ein Schüler ein T-Shirt mit Nahost-Landkarte anzieht, auf der Israel ausradiert ist? Wie reagieren, wenn Palästina-Aktivisten bei einem Sommerfest der Uni Heidelberg eine ähnliche Karte als großes Banner am Baugerüst hochziehen? Und wie auf einen muslimischen Schüler zugehen, der unter Tränen erzählt, er habe gerade erfahren, dass seine ganze Familie durch Luftangriffe Israels im Gazastreifen getötet wurde?

»Unser Projekt will die Sprachlosigkeit überwinden und so letztlich einen Beitrag zum Erhalt unserer demokratischen Lebensform leisten«, sagt Engin. Schulen könnten wichtige Orte sein, an denen kontroverse, vielschichtige Themen fair und konstruktiv diskutiert werden.

Geschichte Israels und Palästinas verstehen

Der Praxisteil des Projekts will deshalb Workshops für Schüler, aber auch für Lehrkräfte, Sozialarbeiter und weitere schulischen Mitarbeitende entwickeln. »Da wird es darum gehen, historisches und politisches Wissen zu vermitteln, über die Geschichte Israels und Palästinas. Aber gleichzeitig auch darum, wie ich antisemitische Lügen im Netz erkenne, und wie ich ihnen, etwa durch direkte Kommentierung, etwas entgegen setzen kann«, sagt Klein.

Schülerbefragungen und Studien hätten gezeigt, so die Heidelberger Expertinnen, dass sich viele Social-Media-User ein entschiedeneres Vorgehen gegen verstörende und extremistische Inhalte wünschten.

Direkte Entgegnung wichtig

Klein und Engin setzen dabei aber keine allzugroßen Erwartungen an die Internetkonzerne selbst. Immer wieder würden entsprechende politische Vorstöße umgangen. »Wir wissen aber, dass viele Jugendliche bei extremistischen, verstörenden oder antisemitischen Inhalten besonders aufmerksam nach User-Kommentaren schauen. Und wenn jedem antisemitischen Post die Fakten entgegengestellt würden, wäre viel gewonnen«, glaubt Klein. 

Außerdem fehle es häufig am Bewusstsein, dass bei gesetzeswidrigen Inhalten - was auf antisemitischen Hass oft zutrifft - Anzeige und Löschung möglich sind. Auch das soll in einem Handbuch, einer Art Leitfaden für die schulische Medienkompetenzarbeit stehen, das die Projektmitarbeiterinnen in den kommenden zwei Jahren erarbeiten wollen.

Ziel: Kostenfreies Arbeitsbuch für Schulen

Die ersten Schul- und Hochschulpartner haben die Forscherinnen gewonnen. Weitere Kooperationen sind noch möglich. Am Ende der Projektdauer 2028 sollen konkrete Handreichungen für Workshops und Argumentationstrainings stehen, die dann von allen interessierten Schulen oder Hochschulen kostenfrei genutzt werden können.

»Wir werden mit unserer Initiative die Welt nicht vom Antisemitismus befreien«, sagt Engin nüchtern. »Aber vielleicht gelingt es uns, junge Erwachsene dabei zu unterstützen, einen wachsamen Blick für Juden- und Israelhass zu entwickeln.«

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