Frankfurt

Quelle der Inspiration

Eine Absage des Festakts zum 90-jährigen Jubiläum der Kinder- und Jugend-Aliyah sei nicht infrage gekommen, erklärte Pava Raib­stein, Geschäftsführerin des deutschen Zweigs dieses jüdischen Jugendhilfswerks vor Kurzem in Frankfurt am Main. Mit einer langen Gedenkminute zu Beginn der Feier gedachten die zahlreichen Gäste der israelischen Opfer des Krieges mit der Hamas.

Eine Absage hätte wohl auch nicht zu dem Geist gepasst, der am 30. Januar 1933 – dem Tag von Hitlers Machtergreifung – Recha Freier (1892–1984) angetrieben hat, diese Organisation ins Leben zu rufen. Bis zu ihrer Flucht aus Deutschland 1941 trat die Ehefrau des orthodoxen Berliner Oberrabbiners Moritz Freier furchtlos für die Rettung der jüdischen Kinder und Jugendlichen aus Nazi-Deutschland ein.

Sie scheute sich nicht, für die Auswanderung ihrer Schützlinge ins damalige Palästina unkonventionelle Wege zu gehen und nötigenfalls auch Gesetze zu ignorieren. Sie rettete damit Tausenden Jugendlichen das Leben.

Der Antisemitismus verweigerte den jungen Juden eine Zukunft in Deutschland.

Den Gründungsimpuls spürte sie, als sie 1932 gebeten wurde, fünf Jugendlichen zu helfen, die keine Lehrstelle und auch keine Arbeit fanden. Freier habe klar erkannt, so die Historikerin Susanne Urban, dass deren Probleme nicht auf die schwierige wirtschaftliche Lage der damaligen Zeit zurückzuführen gewesen seien. Ursache sei der am Ende der Weimarer Republik rapide gestiegene Antisemitismus gewesen, der diesen jungen Juden eine Zukunft in Deutschland verweigerte.

Eine Perspektive in Palästina

Recha Freier brachte das auf die Idee, ihnen in Palästina eine Perspektive für ihr Leben zu eröffnen. Dort, in Eretz Israel, sollten Jugendliche und junge Erwachsene lernen, in einer landwirtschaftlichen Siedlung den Boden in Agrarland zu verwandeln, ihn fruchtbar werden zu lassen, um dort anzubauen.

»Heute ist die Kinder- und Jugend-Aliyah ein Eckpfeiler der israelischen Gesellschaft geworden und eine Quelle der Inspiration«, würdigte Talya Lador-Fresher, die israelische Generalkonsulin in München, Recha Freiers Wirken. Die Anerkennung dafür sei spät gekommen. Tatsächlich wurde ihr erst 1975, also im Alter von 83 Jahren, die Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität Jerusalem verliehen. 1981 erhielt sie den Israel-Preis für ihr Lebenswerk.

»Vor 90 Jahren waren es vor allem Kinder, die vor Kriegsbeginn gerettet werden konnten, und später Überlebende der Schoa«, erinnerte Mark Dainow, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Danach seien es jüdische Kinder aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Äthiopien gewesen, in den vergangenen Jahren zunehmend geflüchtete Kinder aus der Ukraine.

Insgesamt 512.000 Flüchtlingskindern und Kriegswaisen konnte in den vergangenen 90 Jahren geholfen werden, informiert die Website der Kinder- und Jugend-Aliyah Deutschland. Heute werden aber auch Kinder aus zerrütteten Familien oder von traumatisierten Eltern aufgenommen, wenn die ihnen kein Zuhause und keine Geborgenheit mehr bieten können. Zuweilen finden aber auch Kinder mit besonderen Talenten und Neigungen über die Jugend-Aliyah ein verständnisvolles Zuhause.

Mehr als 200 Jugenddörfer, Internate und ähnliche Einrichtungen

Unter dem Dach des israelischen Erziehungsministeriums angesiedelt, hat die Organisation in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 200 Jugenddörfer, Internate und ähnliche Einrichtungen aufgebaut. Sie sollen zum einen die Wärme der verlorenen Familie ersetzen, darüber hinaus aber auch einen schulischen Abschluss vermitteln. In einigen Fällen ist damit auch eine berufliche Ausbildung verbunden. »Ehemalige Jugend-Aliyah-Kinder sind heute in den meisten Familien Israels und in allen Bereichen der israelischen Gesellschaft vertreten«, erläuterte Pava Raibstein.

Der deutsche Zweig der Kinder- und Jugend-Aliyah gründete sich 1952 neu als ein eigenständiger Verein. In den ersten 50 Jahren ging es vor allem darum, Spenden für ausgewählte Projekte in Israel zu sammeln. Das sei auch heute noch wichtig, betonte Geschäftsführerin Raibstein in Frankfurt. Zahlreiche berufliche und künstlerische Aktivitäten in den Jugenddörfern würden unterstützt, Patenschaften angeregt und psychologische Hilfe gefördert. Doch inzwischen habe man auch mit Partnern in Deutschland weitergehende Projekte entwickelt.

So kämen zum Beispiel alljährlich aus dem Jugenddorf Haddassah Neurim College-Studenten mit dem Schwerpunkt Kraftfahrzeugtechnik für einen praktischen Meisterkurs einen Monat lang zur Landesfachschule Rhein-Main.

Die Feuerwehrschule Würzburg begrüßt Jugendliche aus Israel.

Die Handwerkskammer Frankfurt –Rhein-Main wiederum lade einmal im Jahr Jugendliche aus Kfar Galim mit dem schulischen Schwerpunkt Elektrik/Elektronik zu einer Ausbildungswoche ein. Die Feuerwehrschule Würzburg begrüße Jugendliche aus Nahlat Yehuda, die eine Feuerwehr-Einstiegsausbildung erhalten. Und die Polizeien von Hessen, Sachsen und Rheinland-Pfalz ermöglichten drei Jugenddörfern mit einer Polizeieinstiegsausbildung alljährlich Praktika für jeweils zwölf Schüler.

Wie wichtig es ist, alleinstehenden Kindern und Jugendlichen solche Chancen zu bieten, konnte der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef in seinem Grußwort am eigenen Beispiel aufzeigen. Als Kind syrisch-aramäischer Christen, die 1987 aus Syrien geflohen waren, habe er sich in der Vorbereitung auf dieses Jubiläum gefragt, was denn gewesen wäre, wenn ihm damals in Deutschland keine Hilfe zuteilgeworden wäre.

www.kiju-aliyah.de

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