Kunstautomat

Puzzle, Postkarten und Beton-Eis am Stiel

Jedes Werk erzählt auf seine eigene Weise von jüdischem Leben Foto: JM Berlin / Jens Ziehe

Kunstautomat

Puzzle, Postkarten und Beton-Eis am Stiel

Mit dem Format präsentiert das Jüdische Museum zum fünften Mal in Folge Künstlerinnen aus Berlin und Israel

von Christine Schmitt  14.08.2017 18:10 Uhr

Über diese E-Mail hat sich Maja Gratzfeld besonders gefreut: Eine Frau aus Kroatien schrieb ihr, wie berührt sie von der Idee ihres Kunstobjektes sei, das sie soeben aus dem Kunstautomaten des Jüdischen Museums Berlin gezogen hat. Denn Maja Gratzfeld hat ein ganz individuelles Puzzle entworfen, in dem sie verschiedene Orte der Diaspora – darunter Wien, Berlin und Lemberg – fotografiert und die Bilder aufeinandergelegt hat, sodass ein eher »abstraktes Bild« herauskam.

Gibt man den Zahlencode eines jeden Puzzleteils – insgesamt sind es 500 – auf ihrer Website ein, ergibt sich Stück für Stück am Ende das Gesamtbild. Die Kroatin hatte das Museum Anfang Juli besucht und den Vintage-Warenautomaten aus den 70er-Jahren entdeckt. Kurz entschlossen zog sie das Kunstwerk aus dem Automaten und spielt seitdem mit dem Puzzle.

»Buy me«, »Kauf mich« – diese Aufforderung steht auf den Fächern des Kunstautomaten und lädt dazu ein, ein Kunstobjekt im Miniformat zu erwerben. Aus den 60 Fächern können die Besucher für jeweils sechs Euro ein pink, schwarz oder weiß verpacktes Kunstwerk ziehen und mit nach Hause nehmen. Neben den Unikaten und handsignierten Originalen erhält man auch Informationen zu den Künstlerinnen und ihrer jeweiligen Arbeit. Bewegliche Bildtafeln neben dem Kunstautomaten vermitteln vorab einen visuellen Eindruck der Kunstwerke. Welches Unikat sie tatsächlich ziehen, entscheidet der Zufall, erklärt Gelia Eisert, Kuratorin des Kunstautomaten.

motto Passend zum 13. Kultursommer, der unter dem Motto »Sommer der starken Frauen« steht, sind auch die Kunstschaffenden dieser Runde ausschließlich Frauen. Sie leben alle in Berlin, sieben von ihnen kommen aus Israel. Für den Kunstautomaten haben sie insgesamt 3500 kleinformatige Objekte gestaltet.

Über Form und Material entscheiden die Künstlerinnen selbst. Das Spektrum reicht von Beton-Eis über Souvenirs und Leporellos bis zu Fotografien und Stoffbeuteln. »Ich hatte mich vor einiger Zeit beworben und mich natürlich gefreut, als ich genommen wurde«, sagt die 35-jährige Maja Gratzfeld. Die meisten Künstlerinnen würden sich untereinander kennen. Sie selbst kommt aus dem Saarland, hat in Dresden, Israel und Frankreich Kunst studiert und pendelt derzeit viel zwischen Deutschland und Israel.

Unter den handsignierten Originalen befinden sich dieses Mal die fünf Fotografien der israelischen Künstlerin Shimrit Kalish, deren Serie »Fremdes Land« durch ihre Träume inspiriert wurde, erläutert Gelia Eisert. Shai Keren hat einen Stoffbeutel für »Alte Sachen« gestaltet – eine Anspielung auf den jiddischen Ausdruck für Trödel. Bei der multidisziplinären Künstlerin Adi Liraz wiederum gehöre Transformation laut Eisert wesentlich zum künstlerischen Schaffen: In mehreren Schritten fügt sie ein selbstverfasstes Gedicht in ein besticktes Stück Stoff ein.

gesetzestafeln Shira Orion erzählt Geschichten in Form von Illustrationen im Postkartenformat. Yifah Raz’ Beton-Eis am Stiel wecke Erinnerungen an einen heißen Sommertag. Alonah Rodeh hat Gesetzestafeln geschaffen, auf denen jeder seine ganz persönlichen Gebote aufstellen kann, und Keren Shalev ein organisch geformtes Objekt, das als Andenken dienen soll.

Zum fünften Mal bietet das Jüdische Museum Berlin in seiner Dauerausstellung Kunst aus dem Automaten an. »Der Kunstautomat ist ein wunderbares Format, um zeitgenössische Kunst in unsere Dauerausstellung zu integrieren. Jedes Werk erzählt auf seine eigene Weise von jüdischem Leben«, sagt die Kuratorin.

Die 6000 Kunstwerke der bisherigen vier Runden verkauften sich innerhalb weniger Monate. In regelmäßigen Abständen wird der Kunstautomat mit neuen Kunstwerken wechselnder Künstlerinnen und Künstler bestückt. Sie erstellten jeweils ein oder zwei limitierte Kleinserien in einer Auflage von 200 bis 500 Stück.

Maccabi

Eine Feier für den jüdischen Sport

Der Verein lud zum traditionellen Sommerfest im Vereinsgelände an der Riemer Straße

von Luis Gruhler  21.06.2026

München

Ganz im Vertrauen

Seit rund sechs Wochen ist Dominik Krause als Oberbürgermeister im Amt. Nun traf er sich mit Vertretern des Vorstandes der IKG zum Gespräch

von Luis Gruhler  21.06.2026

Porträt der Woche

Flucht und Farben

Alexander Glinkin ist Maler. Im Frühjahr 2022 verließ er Kyjiw und lebt heute in Berlin

von Matthias Messmer  21.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Interview

»Ich kann daraus lernen«

Rabbiner Avigdor Moshe Nosikov hat eine ungewöhnliche Umfrage durchgeführt: Wie zufrieden sind die Mitglieder der Dortmunder Jüdischen Kultusgemeinde mit seiner Arbeit?

von Christine Schmitt  18.06.2026

Berlin

Kampflibellen am BER

Bei der gerade zu Ende gegangenen Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Schönefeld haben auch israelische Firmen die neueste Technik vorgestellt. Ein Besuch zwischen Kraftstofftanks und Drohnenabwehr

von Leon Stork  18.06.2026

Nordrhein-Westfalen

Landtag ehrt Sieger von »Shalom - Jüdisches Leben heute«

Mehr als 2200 junge Menschen haben mit mehr als 450 Beiträgen jüdisches Leben greifbarer gemacht

 17.06.2026

Berlin

Babka, Borschtsch und Pargiot

Zum fünften Jubiläum des Streetfood-Festivals locken 52 Stände, viele Acts und eine zusätzliche Kleinkunstbühne

von Helmut Kuhn  17.06.2026