Interview

»Ich kann daraus lernen«

»Man kann es nie allen recht machen. Gemeindearbeit ist immer auch ein Kompromiss«: Rabbiner Avigdor Moshe Nosikov Foto: privat

Interview

»Ich kann daraus lernen«

Rabbiner Avigdor Moshe Nosikov hat eine ungewöhnliche Umfrage durchgeführt: Wie zufrieden sind die Mitglieder der Dortmunder Jüdischen Kultusgemeinde mit seiner Arbeit?

von Christine Schmitt  18.06.2026 13:15 Uhr

Rabbiner Nosikov, seit dreieinhalb Jahren sind Sie in der Dortmunder Gemeinde tätig. Nun haben Sie eine anonyme Umfrage gestartet, um zu erfahren, wie zufrieden die Mitglieder mit Ihrer Arbeit sind. Warum?
Das ist ganz einfach: Mein Ziel ist es, meine Arbeit zu verbessern. Ich möchte wissen, was die Menschen wirklich denken und fühlen. Für die Teilnehmer hat eine anonyme Umfrage keine Konsequenzen, aber ich kann daraus viel lernen und besser auf ihre Wünsche eingehen. Es ist ein Weg, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung frei zu äußern.

Haben sich viele beteiligt?
Ja, ich bin positiv überrascht: Knapp 200 Mitglieder haben den Fragenkatalog über den QR-Code ausgefüllt. Im Verhältnis zur Gesamtgröße der Gemeinde ist das natürlich nicht sehr viel. Dennoch gehe ich davon aus, dass es sich überwiegend um aktive Gemeindemitglieder handelt – und deren Meinung ist besonders wichtig.

Sie haben einen umfangreichen Katalog mit mehr als 20 Fragen erstellt. Ein Beispiel: Wie oft nehmen Sie am Gemeindeleben teil?
Die häufigste Antwort war: mehr als einmal im Monat.

Sie haben auch nach der Sprache gefragt. Welche dominiert?
Diese Frage habe ich gestellt, um herauszufinden, was gewünscht ist. Die Antworten zeigen ein gemischtes Bild. Es kommen viele Sprachen vor: Einige Mitglieder sprechen nur Deutsch, andere Russisch. Für mich ist das zunächst eine statistische Information. Daraus ergibt sich die Frage: Soll ich Angebote speziell für russischsprachige Mitglieder machen, für deutschsprachige – oder für beide gemeinsam?

Sie haben Ihre Angebote aufgelistet – Gottesdienste, Betreuung älterer Menschen, Unterricht und weitere Aktivitäten. Was wünschen sich die Gemeindemitglieder darüber hinaus?
Die Meinungen gehen weit auseinander. Einige sagen, es gebe genug Angebote für deutschsprachige Mitglieder, andere wünschen sich mehr für russischsprachige. Manche plädieren dafür, sich stärker für Nichtjuden zu öffnen und insgesamt offener zu sein. Andere wiederum betonen, dass alles streng halachisch bleiben müsse und es keine Erleichterungen beim Giur geben dürfe. Das zeigt die ganze Bandbreite der Erwartungen.

Wie zufrieden sind die Gemeindemitglieder mit Ihrer Arbeit?
Der überwiegende Teil ist zufrieden und bewertet meine Arbeit sehr positiv. Etwa 20 Prozent sind neutral eingestellt, rund 18 Prozent eher kritisch. Ich halte das für ein gesundes Ergebnis – es ist keine »90-Prozent-Zustimmung« wie bei manchen Wahlen. Unterschiedliche Meinungen gehören dazu.

Was gefällt den Kritikern nicht?
Das wurde leider nicht immer konkret oder differenziert beantwortet. Klar ist: Es gibt keine hundertprozentige Zustimmung. Man kann es nie allen recht machen – das ist schlicht unmöglich. Gemeindearbeit ist immer auch ein Kompromiss.

Haben Sie durch die Umfrage Ideen gewonnen, was Sie verbessern könnten?
Ja, auf jeden Fall. Es gab einige gute Anregungen. Zum Beispiel bei Beerdigungen: Ich habe mir vorgenommen, künftig vorab stärker mit den Familien zu sprechen und ihre Wünsche genauer zu berücksichtigen – etwa, ob sie selbst eine Ansprache halten möchten. Außerdem wünschen sich viele mehr Angebote für Familien und Kinder. Das war mir zwar schon vorher bewusst, aber die Umfrage bestätigt es deutlich. Auch mehr persönliche Kontakte werden gewünscht. Deshalb habe ich bereits vor einem halben Jahr eine offene Sprechstunde eingeführt, zu der man ohne Termin kommen kann.

Sind Sie zufrieden mit der Umfrage?
Ja. Ich wurde auch persönlich als Rabbiner bewertet. Bei der Frage, ob der Kontakt mit mir freundlich ist und die Kommunikation gut funktioniert, habe ich mit etwa 60 Prozent die höchste Zustimmung erhalten. Am kritischsten wurde bewertet, ob meine Arbeit genau den individuellen Bedürfnissen entspricht – das ist auch die schwierigste Frage. Man kann nicht alle Erwartungen erfüllen, denn jede jüdische Gemeinde bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Tradition und unterschiedlichen Auslegungen. In Dortmund gibt es nur einen Rabbiner – anders als etwa in größeren Städten mit verschiedenen Strömungen. Deshalb ist vieles ein Kompromiss. Umso mehr schätze ich es, dass die Mehrheit der Mitglieder zufrieden ist.

Wie hat der Gemeindevorstand auf die Umfrage reagiert?
Ich habe die Umfrage aus eigener Initiative durchgeführt, und die vollständigen Ergebnisse liegen ausschließlich bei mir. Niemand hat mich darum gebeten, sie einzusehen – wir haben ein sehr vertrauensvolles Verhältnis.

Und die Rabbinerkollegen?
Es gab überhaupt keine Reaktion. Ich nehme an, dass viele die Stimmung in der Gemeinde ohnehin spüren und daher keine Notwendigkeit für eine Umfrage sehen. Ich glaube nicht, dass jemand Angst davor hat, zu erfahren, wie die Menschen wirklich denken, obwohl natürlich alles möglich ist …

Mit dem Gemeinderabbiner sprach Christine Schmitt.

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