Porträt der Woche

Flucht und Farben

»Oft denke ich, dass unser Schicksal von ›oben‹ gesteuert wird«: Alexander Glinkin (59) Foto: Stephan Pramme

Porträt der Woche

Flucht und Farben

Alexander Glinkin ist Maler. Im Frühjahr 2022 verließ er Kyjiw und lebt heute in Berlin

von Matthias Messmer  21.06.2026 09:46 Uhr

An jenem Abend im März 2022 stand ich mit dem Rücken zum Fenster meiner Wohnung in Kyjiw. Ich richtete den Blick auf meine Bilder und lauschte über Kopfhörer den Klängen von Bach. Ich wollte nicht direkt zuschauen, wie mich eine Rakete treffen könnte. Und plötzlich verspürte ich keine Angst mehr. Wann immer es in meinem Leben schwierig war, hat mir Bach geholfen. Auch heute noch. Johann Sebastian Bach ist der beste Komponist überhaupt und mein Lebensbegleiter.

Ich packte meine wichtigsten Sachen und einige meiner Bilder, da mein Auto nicht groß ist, und fuhr am nächsten Morgen Richtung Westen los. In jenem Moment wusste ich, dass es kein Zurück mehr gab. Ich würde meine Heimatstadt für immer verlassen. Ich bin noch in der Breschnew-Ära geboren. Das war politisch eine ekelhafte Zeit. Zu Hause jedoch, wo ich in einer intellektuellen Familie aufgewachsen bin, war ich glücklich. Meine Eltern waren beide Ingenieure. Doch nach der Rückkehr von der Arbeit saß mein Vater meist bis Mitternacht am Küchentisch und schrieb entweder Texte, Gedichte oder Theaterstücke. Er ist Jahrgang 1932 und hat den Holocaust überlebt, weil eine ukrainische Familie ihn, seine Schwester und seine Mutter bei sich versteckte.

Ich erinnere mich gut an die vielen Künstler, Dichter und Schauspieler, die bei uns zu Hause ein- und ausgingen. Sie gehörten alle zum Freundeskreis meiner Eltern. Zu ihnen zählten der Komiker Michail Schwanezki, der Dramatiker Grigori Gorin und der Schauspieler Leonid Kanewski, wenn sie auf Durchreise waren oder für ein Gastspiel aus Moskau, Odessa oder Dnipropetrowsk nach Kyjiw kamen.

Mein Vater war einer der führenden Köpfe hinter dieser Show

Natürlich wussten die Nachbarn, dass wir Juden waren. Aber man sprach nicht offen darüber. Religiös zu leben, galt damals als antisowjetisch oder zionistisch. Wir lebten die jüdischen Traditionen nicht. Deshalb war ich 1990 in New York total überrascht, als ich zum ersten Mal im Leben Juden in seltsamen Kostümen sah. Ich hatte keine Ahnung, dass es so etwas wie Purim gab, und ging in die Synagoge, um zu sehen, was mit den Leuten los war. Alle tranken und tanzten. Ich war schockiert und im selben Moment fasziniert.

Im Sommer 1980 fanden in Moskau die Olympischen Spiele statt. Bei der Schlussfeier im Luschniki-Stadion wurde das beliebte Maskottchen, der aufblasbare Bär Mischka, in den Nachthimmel geschickt. Es war sehr emotional. Mein Vater war einer der führenden Köpfe hinter dieser Show. Doch sein Name wurde nicht erwähnt. Als Jude stand er im Schatten. Ich aber war stolz auf meinen Vater. Er brachte mir aus Moskau Orangensaft mit und ein paar Adidas-Sneakers, was damals sehr selten war – für mich ein einzigartiges Geschenk. Das wäre heute so, als würde man eine Maybach-Limousine bekommen.

In der Sowjetarmee war ich offiziell als Zeichner tätig und malte Lenin-Porträts.

Schon als Kind habe ich mit dem Zeichnen begonnen. In der Schule bekam ich meist schlechte Noten, weil ich ständig zeichnete. In der Sowjetarmee war ich offiziell als Zeichner tätig, schrieb Propaganda-Slogans und malte Lenin-Porträts. Einerseits hatte ich meine Ruhe und fühlte mich wie ein König, andererseits war es schrecklich. Erst jetzt, mit Moskaus Angriff auf die Ukraine, verstehe ich das ganze Ausmaß des russischen Nationalismus.

Wir sind zwei völlig verschiedene Nationen. Damals dachte ich, dass ich für immer in diesem Land leben müsste. Zum Glück kam Gorbatschow an die Macht – nur durch Gottes Segen, wie ich heute weiß –, und endlich begann sich etwas zu verändern. Meine Eltern sind 1990 nach Deutschland ausgewandert, und ich, da ich schon als Kind von den USA träumte, bin mithilfe der Flüchtlingsorganisation HIAS nach New York emigriert. Ich war naiv genug zu glauben, dass ich das als 24-Jähriger schon irgendwie schaffen würde. Doch als ich ankam, merkte ich, dass meine Englischkenntnisse völlig ungenügend waren. Es war eine schwere Zeit. Dann ging ich jedoch zur Schule und studierte schließlich Business Administration an der New York University.

Ich habe fast zwölf Jahre in den USA gelebt. Schon damals begann ich, mich intensiv mit Malerei zu beschäftigen. Ich malte mit Ölfarben, übte mich in der Tuschmalerei. Eine meiner Serien, »Die jüdische Kollektion« mit Bildern von Schauplätzen in Brooklyn, konnte ich an einen bekannten Kunstsammler verkaufen. Damals war ich noch von Salvador Dalí und dem Italiener Giorgio de Chirico beeinflusst.

Es sind nur meine Hände

Über die Jahre hat sich mein Stil stark verändert. Im Laufe der Zeit habe ich so viele Ideen und Gefühle entwickelt, habe Erfahrungen mit Menschen und Situationen gemacht und dabei eines erkannt: Malen ist für mich der einzige Weg, mich als Mensch auszudrücken. Ich kann damit erklären, wer ich bin – mittels Leinwand, mit Farben und Formen. Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass ich all das selbst male. Es sind nur meine Hände, die zwar von innen heraus bewegt werden, aber mit der Hilfe von »oben«. Ich bin zwar nicht religiös erzogen worden, aber ich trage Gott in mir. Alle Menschen haben göttliche Anteile in sich, man muss sie nur wahrnehmen.

Ich bin der deutschen Regierung unendlich dankbar, dass sie mir die Möglichkeit gegeben hat, hier ein neues Leben aufzubauen. Ohne ihre Unterstützung wüsste ich nicht, wie es weitergegangen wäre. Erst vor vier Jahren bin ich nach Berlin gezogen, nachdem ich fast 20 Jahre lang zwischen der Ukraine und den USA gependelt war. Als ich hierherzog, bin ich beinahe verrückt geworden. Ich hatte fast alles verloren.

Zu allem Unglück hatte mein Vermieter in Kyjiw nach meiner überstürzten Abreise alle meine Sachen aus der Wohnung beschlagnahmt. Meine Freunde waren in alle Gegenden der Welt verstreut. In den ersten Kriegsmonaten gelang es mir über verschiedene Kanäle und private Transportanbieter, meine restlichen Bilder nach Deutschland zu bringen. Dieses Drama, in dem ich die ganze Zeit Angst hatte, mein gesamtes Lebenswerk zu verlieren, wäre eine eigene Geschichte wert.

Einen Monat nach der Beerdigung meines Vaters fragte ich den Rabbiner, ob ich jetzt meinen Bart rasieren dürfte.

Vor drei Jahren sind meine Eltern gestorben, fast gleichzeitig. Sie waren mehr als 60 Jahre verheiratet. Für mich als Einzelkind war das ein großer Schock. Einen Monat nach der Beerdigung meines Vaters fragte ich den Rabbiner, ob ich jetzt meinen Bart rasieren dürfte. Er sagte Ja, doch dann starb meine Mutter. Mit meinem Bart sah ich selbst aus wie ein Rabbi.
Zum Glück habe ich hier in Deutschland wunderbare Menschen gefunden, darunter zwei mir besonders nahe Freunde: eine Psychologin und einen bekannten Schauspieler.

Sie haben mir dabei geholfen, all diese Schicksalsschläge mental einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Sogar der ukrainische Botschafter Oleksij Makejew, den ich bei der Eröffnung meiner ersten Ausstellung im saarländischen Parlament kennengelernt hatte, half mir dabei, einen Einstellraum zu finden: Ich durfte meine bis zu drei Meter großen Werke in der Botschaft unterbringen, bis ich finanziell in der Lage war, einen Raum zu mieten. Das ist doch ein Wunder!

Oft denke ich, dass unser Schicksal von oben gesteuert wird. Wie eine vorherbestimmte heilige Schrift. Wir folgen lediglich den Anweisungen. Wir glauben, wir erschaffen etwas, dabei haben wir nur vermeintlich Wahlmöglichkeiten. Tatsächlich folgen wir nur den Schritten eines bereits geschriebenen Drehbuchs.

Wenn ich einen oder zwei Tage nicht male, fühle ich mich krank

Manchmal komme ich mir wie ein Samurai vor. Ich kämpfe mich durchs Leben und bewahre alles in mir: mein Wissen und meine Gefühle. Ich hoffe, dass ich auch weiterhin wundervollen Menschen begegne. Ich hoffe, es werden nur solche Menschen sein. Das Leben ist schön. Doch wir müssen ständig Hindernisse überwinden. Sie machen uns zu denen, die wir sind.

Ich male jeden Tag. Wenn ich einen oder zwei Tage nicht male, fühle ich mich krank. Vielleicht liegt es am Geruch der Farbe. Ich entwickle das Gefühl, dass ich malen muss. Es ist meine Erleichterung, meine Flucht aus der Realität – oder vielleicht auch in die Realität. In eine andere Wirklichkeit. Das ist es, was mich antreibt. Noch kann ich nicht von meiner Malerei leben. Aber ich hoffe, dass sich das eines Tages ändern wird.

Aufgezeichnet von Matthias Messmer

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