Generationenwechsel

Positiver Lärm

»Die Gemeinde ist wie meine Familie«, sagt Peter Benjamin Wendt, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hameln. Seine Leidenschaft, wie er betont. Seit der ersten Stunde ihrer Wiedergründung vor 28 Jahren gehört er ihr an. Aber Wendt erinnert sich noch gut an die Zeit, als er entweder nach Hannover oder nach Düsseldorf fahren musste, wenn er einen Gottesdienst besuchen wollte, weil es in der kleinen Stadt für ihn kein Angebot gab.

Aufgewachsen ist der 59-Jährige in Mecklenburg. Seine Familie wollte mit ihrem Judentum nichts mehr zu tun haben, was sogar so weit ging, dass sein Großvater im Örtchen Krakow am See die Synagoge in eine Turnhalle umbauen ließ. Doch Wendt entdeckte das Judentum für sich und zog aus beruflichen Gründen nach Hameln. Mittlerweile zählt seine Gemeinde 160 Mitglieder, seit drei Jahren ist er dort Vorsitzender.

15 bis 20 Stunden sei er jede Woche ehrenamtlich für die Gemeinde im Einsatz

Er kümmert sich um den laufenden Betrieb sowie die Finanzen und fungiert als Ansprechpartner für Mitglieder und Außenstehende. »Ich mag es auch, interessierten Menschen unsere Synagoge zu zeigen.« 15 bis 20 Stunden sei er jede Woche ehrenamtlich für die Gemeinde im Einsatz, meint der hauptberufliche Leiter einer Sozialeinrichtung. »Natürlich mache ich das sehr gern, aber was mir Sorgen bereitet, ist die Frage eines Nachfolgers.«

Denn die Gemeinde sei klein. Als sich seinerzeit abzeichnete, dass seine Vorgängerin Rachel Dohme aufhören würde, habe man ihn nach und nach in den Job eingearbeitet. »Doch ich weiß derzeit nicht, wer mein Nachfolger werden könnte.« Eine jüngere Person zu finden, dürfte schwierig werden, nicht zuletzt deshalb, weil die Stadt wenig attraktiv für jüngere Leute sei und viele nach dem Schulabschluss sofort wegziehen. Auch seine vier Kinder leben in anderen Städten.

»Ich weiß derzeit nicht, wer mein Amt übernehmen könnte.«

Dabei gibt es durchaus Gemeinden, in denen sich jüngere Mitglieder engagieren, beispielsweise in Bonn. Dort dürfte mit dem 29-jährigen Jakov Barasch und der 27-jährigen Jana Sokol einer der jüngsten Synagogenvorstände Deutschlands aktiv sein. Barasch kommt aus Hannover und hat in Bonn studiert. Sokol dagegen wurde in der Universitätsstadt bereits geboren. »Für uns war rasch klar, dass wir uns engagieren wollten«, sagen sie unisono. Seitdem sind beide ehrenamtlich im Vorstand der Gemeinde tätig. »Wir freuen uns über jeden, der wieder die Synagoge besucht.«

Denn vor zwei Jahren steckte die Synagogengemeinde Bonn in einer Krise. »Es war eine schwierige Zeit für uns, da viele nicht wussten, wie es weitergehen soll«, sagt Barasch. Der Hauptgrund war, dass die Synagoge saniert werden sollte und die Gemeinde in ein Interimsquartier umziehen musste – das sich aber als wenig geeignet erwies. »Die Gemeinde drohte auseinanderzufallen.« Doch dann wurden er und Jana Sokol von den älteren Mitgliedern mit der Bitte angesprochen, dass sie als Jüngere sich doch der Gemeinde annehmen und sich einbringen sollten. »So hat das spannende Projekt begonnen«, sagt Jakov Barasch. Neuer Schwung muss her.

»Wir möchten zeigen, dass das Judentum in dieser Stadt eine Perspektive hat.« So ist gerade eine Kita geplant, das Jugendzentrum soll ein zentraler Anlaufpunkt für jüngere Leute werden, man möchte einen eigenen Rabbiner haben. Auch eine Mikwe sei nötig, und es soll ein koscheres Café sowie Räume für Veranstaltungen geben.

Ziemlich rasch wurde auch klar, dass die Sanierung der alten Synagoge, die im Jahr 1958 für maximal 200 Betende gebaut wurde, nicht ausreichen würde. Denn mittlerweile zählt die Gemeinde etwa 900 Mitglieder. »Wir brauchen ein neues Gebäude oder eine Erweiterung am jetzigen Standort«, so Barasch.

»Wir möchten, dass das Judentum in dieser Stadt eine Perspektive hat.«

Bereits 2024 hatte die Gemeindeversammlung einstimmig beschlossen, die ursprüngliche Idee einer Sanierung aufzugeben. Das Gebäude sei völlig veraltet, so dürfte die Frauenempore aus Brandschutzgründen gar nicht genutzt werden. Deshalb läuft nun die Suche nach einem passenden Grundstück oder einer Immobilie an.

Die Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen kennt diese Probleme, ist aber glücklich, bereits 2007 den Umzug in eine größere Synagoge geschafft zu haben. Seit zwei Jahren ist Slava Pasku im Amt. »Ich wollte aktiv dazu beitragen, das jüdische Leben in unserer Gemeinde zu stärken und weiterzuentwickeln. Mir liegt am Herzen, was aus unserer Gemeinschaft wird«, sagt die 50-Jährige, die schon lange in Gelsenkirchen lebt und in der Gemeinde aktiv ist. Aufgewachsen ist sie in Litauen.

Ihr Großvater Gorelik Semen war in den 70er-Jahren Rabbiner in der einzigen Synagoge in Vilnius, die es noch aus der Zeit vor der Schoa gibt. Deshalb sei sie mit den jüdischen Traditionen, dem Schabbat, den Festen und Feiertagen früh vertraut gewesen. Als Slava Pasku 19 Jahre alt war, das war im Jahr 1995, ermunterten ihre Eltern sie zur Emigration nach Israel. Dort heiratete sie einen aus der Ukraine stammenden Mann; zusammen zogen sie nach Gelsenkirchen.

Die schönsten Momente seien für sie, wenn die Gemeinde zusammenkomme

Die ersten Arbeitstage als Gemeindevorsitzende seien sehr intensiv gewesen, erinnert sie sich. Viele Gespräche wurden geführt, zahlreiche Entscheidungen getroffen. Eine ganz wesentliche sei die Einstellung eines Geschäftsführers gewesen. Es gab auch schon mal den Moment, in dem sie dachte, dass ihr alles über den Kopf wachsen würde. »Vor allem in Phasen mit vielen Projekten.« Die schönsten Momente seien für sie, wenn die Gemeinde zusammenkomme, wie jüngst zur Chanukka-Feier.

Das würde auch Shmuel Naydych unterschreiben. Mit 41 Jahren wurde er zum Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Krefeld gewählt. »Es war nicht geplant, sondern hat sich bei den Wahlen so ergeben. Aber ich muss sagen, dass es eine Berufung für mich ist«, sagt der heute 46-jährige IT-Berater und Produktmanager. Vor fünf Jahren wurde der komplette siebenköpfige Vorstand, der ehrenamtlich tätig ist, neu gewählt.

Groß geworden ist Naydych in der Ukraine, und er hat erlebt, wie sich nach der Auflösung der Sowjetunion verschiedene Organisationen aus Israel und den USA dort engagierten und ein vielfältiges jüdisches Leben möglich machten. »Beispielsweise konnte ich eine jüdische Schule und eine Jeschiwa besuchen«, sagt er. Das habe ihn geprägt.

JGKids für Kinder bis zur Bar- und Batmizwa

»Ich möchte eine lebendige Gemeinde gestalten, für jeden soll es Angebote geben, alle sollen mit einem Lächeln in die Gemeinde kommen«, sagt Naydych. Für den Nachwuchs gibt es die sogenannten JGKids für Kinder von drei Jahren bis zur Bar- und Batmizwa. »Von klein auf sollen die Kinder an die Traditionen herangeführt werden«, sagt er. Dann würden sie auch langfristig in der Gemeinde aktiv bleiben. Für die Senioren gibt es mehrere Projekte. Ein besonderes Angebot ist das Café, zu dem zweimal im Monat eingeladen wird. Das sei so beliebt, dass auch Leute aus der Stadtgesellschaft in die Gemeinde kommen.

Lesungen, Konzerte und Sportveranstaltungen finden sich gleichfalls auf der Agenda. Doch mit an oberster Stelle stehen bei ihm die Feiertage und der Schabbat. »Wir legen sehr viel Wert darauf, einen richtig schönen Schabbat zu feiern, in einer feierlichen Atmosphäre. Danach bleiben wir noch zusammen und kommen ins Gespräch.« Sein Fazit: »Wir verursachen positiven Lärm.« Dem stimmt auch Michael Kolganov aus Baden-Baden zu.

»Es bereitet mir große Freude, meiner Frankfurter Gemeinde etwas zurückzugeben.«

Vor sieben Jahren ist der Kanu-Athlet und Trainer aus Israel nach Deutschland gekommen. »Ich sehe jeden Tag Stolpersteine. Die sind für mich eine echte Motivation, mich zu engagieren«, sagt der 51-Jährige, der in Usbekistan geboren wurde, nach Israel emigrierte und für das Land bei den Olympischen Spielen in Sydney als Kanute startete.

In dieser Legislaturperiode wurde er in der Israelitischen Kultusgemeinde Baden-Baden, wo er lebt, zum Zweiten Vorsitzenden sowie zum Vertreter der Gemeinde im Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden gewählt. Natürlich gibt es für den ehrenamtlich Tätigen alle zwei Monate Parlamentssitzungen. »Doch mein Schwerpunkt liegt im Sport, ich möchte Jugendlichen und Erwachsenen etwas anbieten. Ich wünsche mir, dass alle mehr zusammenwachsen.«

Die jüngere Generation ist eingeladen, Gemeindeklubs zu besuchen

Das hofft auch Artem Davydov, der nun ebenfalls in den Vorstand gewählt wurde. Seine Themen sind Kultur und Jugendarbeit. Der 54-Jährige möchte die jüngere Generation einladen, Gemeindeklubs zu besuchen, für die er Programme erarbeitet, die speziell jüngere Menschen ansprechen sollen. Bisher mit Erfolg. Auch zu seinen Film- und Musikabenden kamen mehrere Hundert Interessierte. »Ich freue mich, dass meine Vorschläge so gut angenommen werden«, so der Filmemacher, der aus der Ukraine kommt und seit acht Jahren in Deutschland lebt.

Benjamin Graumann hingegen wuchs in Frankfurt auf. »Es bereitet mir große Freude, meiner Frankfurter Gemeinde, in der ich groß geworden bin und in der ich den Kindergarten, Schule und das Jugendzentrum besucht habe, etwas zurückzugeben«, sagt der 44-Jährige.

Vor etwa eineinhalb Jahren traten viele ehemalige Vorstandsmitglieder nicht mehr zur Gemeindewahl an. Daraufhin übernahmen andere Verantwortung. Als Vorstandsmitglied konnte der Jurist in der vorherigen Legislaturperiode Erfahrungen sammeln. Nun empfinde er es als eine Ehre, dieses Amt als Doppelspitze mit Marc Grünbaum ausüben zu können. »Es macht Spaß, etwas Neues anzustoßen und die Gemeinde weiterzuentwickeln.« Ebenso soll das jüdische Leben noch sichtbarer in der Stadt verankert werden, dazu sind mehr Kooperationen mit politischen und zivilgesellschaftlichen Partnern geplant.

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