TuS Makkabi

Pokal-Geschichten

Und nach dem Spiel? Bei Trainer Wolfgang Sandhowe gab es am Montagmorgen auf der Terrasse erst einmal einen Kamillentee, später traf er sich mit Makkabi-Mitbegründer Marian Wajselfisz zu Kaffee und Kuchen. Abends ging er noch mit Freunden essen – und zum ersten Mal nicht auf den Platz. Eine absolute Ausnahme. Sandhowe war einfach »kaputt, innerlich kaputt«, wie er es selbst beschreibt.

Abwehrspieler Papa Alpha Diallo Diop begann den Tag ein bisschen traurig gestimmt nach den entscheidenden 90 Minuten vom Vortag. Wie immer nach einem verlorenen Spiel schrieb er später über WhatsApp. Aber nachmittags trainierte er noch die Kids von Makkabi Berlin, und dann war die Laune wieder besser. Und auch Mannschaftskapitän Doron Bruck dachte vielleicht schon an die nächste Begegnung am Mittwoch. Für beide Spieler stand aber am Montag erst einmal Pflege auf dem Programm. Pflege, das bedeutet Physiotherapie und Massage. Runterkommen nach dem Spiel, das schon als historisch bezeichnet wurde, bevor es überhaupt begonnen hatte.

Historisch, weil noch nie zuvor ein jüdischer Verein im DFB-Pokal gestanden hat. Den Berlinern war es gelungen. Am 3. Juni hatte der TuS Makkabi Berlin Sparta Lichtenberg im Finale des Berliner Landespokals mit 3:1 besiegt. Nun war allen klar: Es passiert.

ANPFIFF 72 Tage später im Mommsenstadion: Der Himmel ist blau mit weißen Wolken. Die Tribüne schimmert blau-weiß, denn die Fans tragen die Vereinsfarben als T-Shirt, als Kleid, als Schal. Die Luft riecht nach Würstchen, nach Süßem, nach Aufregung. Wer die Augen schließt, könnte auch ein Familienfest vermuten, wer sie öffnet und die grün-weiß gekleideten Anhänger des VfL Wolfsburg sieht, ihre Gesänge hört, weiß: nur noch wenige Augenblicke bis zum Anpfiff.

Wolfgang Sandhowe ist unten in der Kabine bei seiner Mannschaft, die der 69-Jährige seit 2019 trainiert. Letzte Tipps, Hinweise, Gedanken, die nur Sandhowe seinen Männern so sagen kann. Um 15.26 Uhr betreten beide Mannschaften den Rasen im Stadion. Das Klatschen der Makkabi-Fans verschluckt die hymnische Musik, Wolfsburger und Berliner singen einen Dialog, und dann rollt der Ball, fliegt hoch in die Luft, von Fuß zu Fuß, Pässe, Pfeifen: Nach acht Minuten landet der Ball im Netz von Makkabi, nach neun Minuten erneut.

Und dann wird es laut. »Bolo« hat ein Tor geschossen. Das Tor, das historische, auf das alle gewartet haben, und die Makkabi-Fans im Mommsenstadion kennen kein Halten mehr. Für eine Sekunde liegen sich Fans in den Armen, werden die Makkabi-Rufe noch lauter, reißt das Publikum die Arme hoch. Endlich. Erst kurz vorher war ein größeres Grüppchen mit einer riesigen TuS-Makkabi-Fahne in den Fanblock vor die Tribüne gezogen.

Sie gaben den Rufen der Fans Rhythmus, und der Ball im Tor war die Note, auf der das Spiel hätte weitergehen können. Aber – der Linienrichter pfeift zum knappen Abseits. Denn auch die Wolfsburger hatten die Arme hochgerissen. Aus glücklichem Kreischen wird kehliges Buhen. »Schiiiriiii«, ruft ein junger Fan, »Maaaaann«. Und auch Bolo, der eigentlich Kanto Fitiavana Voahariniaina heißt, blickt etwas irritiert.

Die Makkabäer halten mit, lassen sich von dem Erstligisten keine Angst machen, auch wenn die erste Halbzeit für die Wolfsburger 2:0 endet.

Es muss weitergehen. Und die Makkabäer halten mit, lassen sich von dem Erstligisten keine Angst machen, auch wenn die erste Halbzeit für die Wolfsburger 2:0 endet. Dann geht es in die Pause.

FANS Zeit für die Fans, ein wenig über das nachzudenken, was sie sich in der ersten Halbzeit angesehen haben. Benjamin, Daniel und Wiebke sind sonntäglich fußballvergnügt, aber durchaus realistisch: »Es wird schon nicht gut für Makkabi ausgehen«, sagt Benjamin, der einen dicken blau-weißen Makkabi-Schal trägt.

Gute Wünsche kamen vor dem Spiel reichlich: Der israelische Botschafter Ron Prosor und der Berliner Bürgermeister Kai Wegner (CDU) drückten die Daumen, Zentralratspräsident Josef Schuster sagte vorab: Der Erfolg habe »eine Welle des Stolzes in der jüdischen Gemeinschaft in ganz Deutschland ausgelöst. Die Spuren der Vereine führen in Zeiten, in denen Juden aus Sportvereinen in Deutschland ausgeschlossen wurden und ihre eigenen Klubs gründeten. Sie sind heute ein Hort jüdischer Werte wie Offenheit und Gemeinschaft, ja jüdischer Philanthropie«. Schuster war für das Spiel am Sonntag aber wichtig zu betonen: »Wenn es heute gegen den VfL Wolfsburg geht, steht aber in erster Linie der Sport im Mittelpunkt, und das ist gut so.«

Auch Zentralratsvizepräsident Mark Dainow betont: »Wichtig ist, dass es Sport ist. Wer gewinnt, ist nicht so wichtig.«

KABINE Unterdessen sitzt die Mannschaft in der Kabine. Sportler aus 17 Nationen sind bei Makkabi. Spieler wie Doron Bruck mit der Startnummer 20. Er ist der Mannschaftskapitän, 28 Jahre alt und Wirtschaftswissenschaftler. Seitdem er drei Jahre alt ist, spielt er Fußball, seit 2019 bei Makkabi. »Wir rechnen uns eine sehr, sehr niedrige Chance aus, aber wir sind alle Sportsmänner genug, um zu wissen, dass es am Anfang 0:0 steht«, sagt er im Vereinshaus des TuS Makkabi. Mehrmals die Woche trainiert er auf der Julius-Hirsch-Sportanlage.

So auch am Dienstag vor dem Spiel gegen Wolfsburg. Leichtes Training, Pressing, dann kommt die junge Mannschaft kurz zusammen, um Trainer Sandhowe zuzuhören. Es gibt keine Diskussionen. Die einen rennen, die anderen spielen, und mittendrin Wolfgang Sandhowe. Ganz nah mit allen Sinnen an den Spielern dran. Er trägt das Herz auf der Zunge, aber mit Respekt, und das wissen die Sportler.

Auch Papa Alpha Diallo Diop, der mittlerweile die Kinder trainiert, hat von Sandhowe, der bei allen nur »Trainer« heißt, gelernt. Wer zum Training kommt, trainiert, egal, wie das Wetter ist. »Ich komme aus dem Senegal, bei uns gab es keinen Winter«, scherzt er, wenn es mal kleine Beschwerden der kleinen Fußballer geben sollte. Makkabi ist ihm ein Zuhause und eine Familie. Im Senegal, sagt er, seien 99 Prozent der Menschen Muslime. Er habe in seinen Schulbüchern gelernt, wie schlimm Juden sein sollen. »Alles Quatsch«, sagt Diallo Diop nachdrücklich. Es gehe um den Sport, um Respekt. Er spiele seit Jahren Fußball, seit sechs bei Makkabi. Noch Fragen?

ERGEBNIS Im Mommsenstadion beginnt mit einem kurzen Pfiff die zweite Halbzeit. Sie tut schon weh, mit vier Toren und dem Ergebnis sechs zu null. Die Fans auf der Tribüne klatschen, die Mannschaft geht geschafft vom Platz. Und die Fans am Platz? Eine von ihnen ist Cordula Camenz. Sie ist mit ihrer Familie gekommen und sagt: »Makkabi hat gekämpft, und eigentlich war es sehr schade, dass dieses eine Tor nicht gezählt hat.« Jetzt geht der Alltag weiter. Der Montag wartet.

Nach vielen Wochen der Vorbereitung wird es wieder ruhiger im Verein. Für einen Amateurverein, sagt Michael Koblenz vom Makkabi-Vorstand einen Tag nach dem Match, sei es eine »wahnsinnige Herausforderung« gewesen. Koblenz sagt: »Als ich am Abend mit den Spielern zusammensaß, sagte ich ihnen, dass sie die deutlich leichtere Aufgabe gehabt hätten, denn sie mussten sich nur 90 Minuten anstrengen. Wir haben aus unserer Sicht alle ein Fest gefeiert.«

Und es war ein Fest. Der Rasen war grün. Der Himmel blau-weiß, wie die Farben vom TuS Makkabi Berlin.

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