Wandbilder

Poesie in der Pandemie

Was könnte es damit auf sich haben? Von Weitem sieht man die leuchtenden Farben – also nichts wie hin und genauer betrachten. Die Kalligrafie an der Hauswand fällt auf. Jeder, der durch die Mussehlstraße in Berlin-Tempelhof kommt, muss einfach hinschauen.

»Es ist toll gemacht«, sagt Harald Mann, der gerade auf dem Weg nach Hause ist und das Wandbild minutenlang betrachtet – obwohl es an diesem Donnerstagabend kalt, windig und ungemütlich ist. Das Handwerk stimmt, meint der 62-jährige Hobbyfotograf.

Farbe Die Ränder seien genau eingehalten, die Art, wie die Farbe an manchen Stellen herunterläuft, gefällt ihm, und das Bild lade ein, länger zu schauen, um es zu verstehen. »Aber die Texte erschließen sich mir nicht«, meint er. Im herkömmlichen Sinne würde er es nicht als »schön« bezeichnen.

Das ist auch genau die Intention der Künstlerin Ella Ponizovsky Bergelson, die viel Platz für ihre Kalligrafien braucht und auch an anderen Hausfassaden in Spandau und in Reinickendorf gemalt hat. Als Farben hat sie ein kräftiges Lila und ein grelles Gelb gewählt. »Bewusst aggressiv«, sagt sie, denn sie weiß, dass sie damit auch Aufmerksamkeit bekommt. So könne das Werk nicht ignoriert werden. »Ich provoziere«, sagt sie.

Häuserwände bemalt sie in einer Kunstsprache aus Jiddisch, Arabisch, Hebräisch und Deutsch.

Ella Ponizovsky Bergelson ist nun zum vereinbarten Treffen gekommen und schützt sich mit einem gelben Schal vor dem Wind. Er hat die gleiche Farbe wie die Kalligrafie – eher ein Zufall, denn er stammt aus Mexiko, wo sie 2020 auch Wandbilder gemalt hat.

»Gegenwartsfiguren« betitelt Ella ihr gerade abgeschlossenes Projekt, in dem sie an drei Fassaden mit »hybrider Kalligrafie« gearbeitet hat – so nennt sie ihre Technik, verschiedene Sprachen zu vereinen.

GEDICHTE Bei den drei unterschiedlichen Wandbildern lässt sie sich von der polnisch-jüdischen Philosophin und Dichterin Debora Vogel (1900–1942) anregen. Vogel, die in den 30er-Jahren zu einem Kreis jüdischer Intellektueller im damals polnischen Lemberg gehörte, schrieb Gedichte in einer kühlen Kons­truktion, inspiriert von den Bewegungen des Kubismus und der Neuen Sachlichkeit. »Ein Freund brachte mir ihre Literatur nahe«, sagt Ella. Das Besondere: Debora Vogel schrieb auf Jiddisch.

Für Ella handelt es sich um urbane visuelle Poesie, die sie nun auf Deutsch, Arabisch, Althebräisch, Englisch und Jiddisch zusammenfasst und in Buchstaben und Wörtern wiedergibt. Beispielsweise schrieb Vogel in dem Gedicht »Gebäude bei Nacht« in den ersten Zeilen: »Nachtstraßen würden verloren gehen und wir würden verlassen werden, wären da nicht die Häuser«.

Eigentlich wisse sie immer erst im Schaffensprozess, welche Wörter sie aus den Gedichten aussuchen werde, sagt Ella. Und überhaupt sei es am schwierigsten, die passenden Texte zu finden. »Lesbarkeit ist nicht meine Absicht.« Sichtbarkeit dagegen schon. Sie beschreibt ihre Kunst als ein Sprachlabor.

IRRITATIONEN Den strengen Regeln von Grammatik und Typografie setzt sie eine Kunstsprache entgegen, in der sie Jiddisch, Arabisch und Deutsch unterbringt. »Ich will die Steifheit bekämpfen«, sagt Ella Ponizovsky Bergelson. Durch dieses Prinzip könne eine neue Art von Text, sozusagen ein Subtext, entstehen, bei dem die eigentliche unwillkürliche Lesbarkeit in den Hintergrund tritt. »Ich möchte nichts Schönes machen, es soll ›dirty‹ sein.«

Als sie Ende März zwei Tage lang damit beschäftigt war, das Werk in Tempelhof zu gestalten, waren viele Anwohner und Fußgänger irritiert. »Hier kommen immer viele Menschen durch, denn da vorne ist ein Supermarkt«, sagt Ella.

Typografie Den strengen Regeln von Grammatik und Typografie setzt sie eine Kunstsprache entgegen, in der sie Jiddisch, Arabisch und Deutsch unterbringt. »Ich will die Steifheit bekämpfen«, sagt Ella Ponizovsky Bergelson. Durch dieses Prinzip könne eine neue Art von Text, sozusagen ein Subtext, entstehen, bei dem die eigentliche unwillkürliche Lesbarkeit in den Hintergrund tritt. »Ich möchte nichts Schönes machen, es soll ›dirty‹ sein.«

Als sie Ende März zwei Tage lang damit beschäftigt war, das Werk in Tempelhof zu gestalten, waren viele Anwohner und Fußgänger irritiert. »Hier kommen immer viele Menschen durch, denn da vorne ist ein Supermarkt«, sagt Ella.

»Ich will die Steifheit bekämpfen.«

Ella Ponizovsky Bergelson

Mithilfe eines Krans kam sie an jede Stelle der Wand heran, und damit beispielsweise die Balkone keine Farbkleckse abbekommen, hatte sie alles ordentlich abgeklebt und somit geschützt. Ebenso war alles legal, denn die Häuser gehören der Szloma-Albam-Stiftung, die das Projekt fördert. Mehrmals kam die Polizei vorbei, da bei ihr täglich viele Anrufe eingingen.
Das Projekt der drei »Gegenwartsfiguren« wird auch ermöglicht und gefördert von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa und Asylum Arts. Nach etwa einem Jahr verschwinden die Kunstwerke wieder, denn dann werden die Gebäude saniert.

KRAN Von ihrem Kran aus konnte sie auch studieren, wie unterschiedlich die Menschen auf ihre Arbeit reagieren. Die Kinder beispielsweise lachten und freuten sich über die Farbe. Arabisch sprechende Menschen seien überrascht gewesen, dass ihre Buchstaben aufgegriffen wurden, und »ziemlich viele ältere Deutsche« waren eben verwundert und riefen die Polizei.

Aber jeder Ort sei anders – in Spandau schirmte ein Zaun die Arbeit von der Straße ab, und das Haus in Reinickendorf liegt in einer ruhigeren Straße. Dort gab es keine Beschwerden.

Kalligrafische Arbeiten auf Papier und Wänden hat Ponizovsky Bergelson auch in Israel, Berlin, Mexiko und Kalifornien schon vielfach in Ausstellungen gezeigt. »Ich hatte schon als Kind eine Obsession für Buchstaben.«

EMIGRATION Geboren wurde sie jedoch in Moskau. Als sie fünf Jahre alt war, beschlossen ihre Eltern, eine Psychologin und ein Psychiater, nach Israel zu emigrieren. Dort kam sie am Ende des Schuljahres in die erste Klasse. »Ich konnte kein Hebräisch und dementsprechend nichts verstehen.«

Aber sie konnte malen. Also hatte sie in den Pausen eine Schlange von Wartenden neben ihrem Schreibtisch, da die Kinder Zeichnungen in Auftrag gaben. So kam sie in Kontakt. Später studierte sie Visuelle Kommunikation – zuerst in Israel, dann in New York. »Dort zu studieren, war natürlich toll, aber langfristig dort leben wollte ich nicht.« Sie ging wieder nach Israel.

2008 war sie dann zum ersten Mal in Berlin. »Damals war ich noch zu jung und noch nicht so weit, um mich hier niederzulassen«, sagt die Künstlerin. Nach drei Monaten zog sie wieder nach Israel. Später beschloss sie, den Sommer über in Berlin und den Winter in Tel Aviv zu leben. Seit fünf Jahren hat sie nun ihre Basis in der Hauptstadt. »Ich mag den Berliner Lifestyle. Die Leute kommen von überall her – und man trifft Menschen aus ganz verschiedenen Kulturen und Ländern.«

Die »hybride Kalligrafie« ist von Debora Vogel inspiriert, einer jüdisch-polnischen Philosophin.

Und sie sei nahezu immer im Stress, sagt die 36-Jährige. Da komme ihre russische Prägung durch, immer hart arbeiten zu müssen. Wenn sie ein Projekt abgeschlossen hat, plant sie prompt ihr nächstes. Sie müsse stets kreativ sein.

BUCHSTABEN Zum Leben brauche sie nicht viel, sagt sie bescheiden. Aber sie übernehme auch Aufträge als Grafikerin, für Plattencover oder das Marketing von Kulturinstitutionen.

Lesen sei nie einfach für sie gewesen, denn sie sei Legasthenikerin und habe eine Lese-Rechtschreib-Schwäche, die damit einhergeht, Buchstaben zu vertauschen. Dennoch liegen an ihrem Bett zehn verschiedene Bücher in vier Sprachen: Englisch, Deutsch, Hebräisch und Jiddisch.

Eigentlich mag sie ja keinen Besitz. »Ich will frei sein, jederzeit umziehen zu können.« Doch ihre Liebe zu Buchstaben hat sie immer im Gepäck.

Die »Gegenwartsfiguren« sind zu sehen in der Mussehlstraße 17 a in Tempelhof, in der Seeburger Straße 51 in Spandau und in der Klemkestraße in Reinickendorf.

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