Kahal Adass Jisroel

Platz für die Zukunft

»Unsere Gemeinde wächst. Wir sehen einen Bedarf, uns auch räumlich zu vergrößern«, sagt Pavel Lyubarsky, Vorstandsvorsitzender von Kahal Adass Jisroel (KAJ). Deshalb habe die Gemeinde in weiser Voraussicht schon 2011 das Grundstück an der Anklamer Straße Ecke Brunnenstraße erworben. An diesem kalten Montagmorgen steht Pavel Lyubarsky auf dem zertrampelten Rasen des Grundstücks und blickt auf die Wände der umliegenden Häuser. Dann wendet er sich in Richtung Anklamer Straße. »Hier soll der Eingang für unser Gemeindezentrum hinkommen«, sagt er.

Der Um- und Neubau des Gemeinde- und Bildungszentrums könnte in den nächsten Monaten starten. Kostenpunkt: 26 Millionen Euro. 18,5 Millionen Euro wird laut Lyubarsky die Ronald S. Lauder Foundation zur Verfügung stellen. Das sei die größte Einzelspende in der Geschichte der Stiftung. »Und sie setzt auch inhaltlich ein starkes Signal, denn sie unterstreicht die besondere Bedeutung Berlins als Zentrum jüdischen Lebens in Europa.«

Knapp 500 Mitglieder zählt die Gemeinde, die Hälfte seien Kinder.

Aber auch die Finanzierung des verbleibenden Betrags sei eine Herausforderung, zumal die Baukosten kontinuierlich steigen – allein schon für die Sicherheitsmaßnahmen. »Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich für uns die Situation verschärft.« Leider gab es im Herbst 2023 bereits einen Anschlag auf die Synagoge. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland würden seit Jahren überproportional hohe Sicherheitskosten tragen, die andere Religionsgemeinschaften in dieser Form nicht haben. »Wir hoffen, bis 2029 fertig zu sein«, sagt der Vorsitzende, der nun ein paar Schritte zum Gemeindebüro unterwegs ist. Früher war es im Vorderhaus, doch mittlerweile ist es im Seitenflügel untergebracht.
Bobbycars Kinderwagen, Buggys und rote Bobbycars stehen im Innenhof.

65 Kinder besuchen derzeit die Gemeindekita an der Brunnenstraße, 100 Schülerinnen und Schüler die Gemeinschaftsschule, die die meisten ihrer Unterrichtsräume in dem Vorderhaus der Synagoge Rykestraße hat – und mittlerweile auch einige an der Brunnenstraße: aus Kapazitätsgründen.
Nun endlich habe die Gemeinde ein Ausweichquartier gefunden, in dem sie für die Bauphase unterkommen kann, sagt Lyubarsky. Die Kita und die Verwaltungen werden für diese Zeit umziehen müssen. »Unsere Schule ist traditionell jüdisch und wichtig für unsere Gemeinde und die Stadt Berlin.«

Er geht über den Hof ins Büro. Knapp 500 Mitglieder zählt die Gemeinde, die Hälfte seien Kinder. »Wir wachsen zwar nicht mehr so schnell wie vor ein paar Jahren, aber immer noch stetig«, meint er, öffnet die Tür zum Büro und fragt die Sekretärin, wie viele Kinder seit vergangenem Jahr schon geboren wurden. »Bereits 16«, ruft sie ihm zu. Das Durchschnittsalter der Mitglieder liege bei 25 Jahren. Helle Stimmen dringen durchs Treppenhaus. Noch ist es draußen ungemütlich, aber wenn es etwas wärmer wird, können sich die Kinder im Innenhof austoben.

In der ehemaligen Rosenthaler Vorstadt befand sich einst die Privatsynagoge Beth Zion.

Im Büro holt Pavel Lyubarsky die Entwürfe der Architekten hervor. Ein moderner weißer Neubau ist darauf zu sehen.Geplant ist ein siebengeschossiges Haus, in dem auch die Gemeinschaftsschule integriert sein wird. Endlich kann auch der dringend benötigte Mehrzweck- und Veranstaltungsraum seinen Platz finden, der für 300 Leute reicht und auch als Turnhalle genutzt werden soll. »Uns fehlt seit dem Umbau der Synagoge vor ein paar Jahren ein Festsaal, den haben wir vermisst und freuen uns, dass es ihn bald geben wird.«

Ebenso soll der Seitenflügel, in dem Kita und Verwaltung untergebracht sind, erweitert werden, damit mehr Plätze angeboten werden können. Pavel Lyubarsky denkt an 124 Kita-Kinder und 176 Schülerinnen und Schüler. Fach- und Speiseräume sollen ebenfalls eingerichtet werden. Und natürlich soll der Seitenflügel weiter als Gemeindezentrum genutzt werden. Eine sogenannte Brücke soll den Neubau mit dem Vorderhaus verbinden.

KAJ stehe für ein authentisch-traditionelles Judentum, das durch die Mitglieder und die Gemeinde sichtbar das Stadtbild prägt, meint der Vorsitzende. Neben den Mitgliedern nehmen jedes Jahr etwa 3000 Menschen Angebote und Services von KAJ und Lauder Yeshurun in Anspruch. »So setzen wir auch deutschlandweit und international ein wichtiges Zeichen dafür, dass jüdisches Leben aller Schattierungen in Berlin wieder möglich ist. Wir verstehen uns als Teil der deutschen Gesellschaft und engagieren uns in verschiedenen Initiativen, um das gesellschaftliche Zusammenleben zu fördern«, so Pavel Lyubarsky.

Aber es gehe der Gemeinde nicht nur ums Wachstum, sondern auch um die Fortführung und langfristige Sicherung eines traditionsreichen orthodoxen Juden­tums in Berlin – von den historischen Wurzeln im 19. Jahrhundert bis zur Wiederbelebung nach der NS-Zeit und der DDR.
In der ehemaligen Rosenthaler Vorstadt befand sich einst die Privatsynagoge Beth Zion. 1910 gegründet, in der Pogromnacht vor 87 Jahren verwüstet, war dies lange Zeit ein fast vergessener Ort der jüdischen Geschichte der Stadt. Seit einigen Jahren ist hier dank der Veranstaltungen der Gemeinde, des Rabbinerseminars zu Berlin und des Kindergartens Lauder Nitzan wieder ein Ort jüdischen Lebens und Lernens entstanden.

»Wir sehen Bedarf, uns auch räumlich zu vergrößern.« Pavel Lyubarsky

Das ist auch Roman Skoblo sel. A. zu verdanken. Als er die Hinterhofsynagoge das erste Mal sah, fand er eine Ruine vor. Nach der Wiedervereinigung Berlins kaufte und restaurierte der Arzt das Gebäude und schuf damit einen Ort für jüdisches Leben. Damals lernten hier zunächst junge Männer in einer Jeschiwa, heute studieren hier die Anwärter des Rabbinerseminars, das vom Zentralrat der Juden in Deutschland getragen wird und vom Ausbau ebenfalls profitieren würde. »Viele der Studierenden und Dozenten sind Teil des Gemeindelebens und haben Familien«, so Pavel Lyubarsk

Bei der Beth-Zion-Synagoge handelt es sich um ein privates Gotteshaus, das zum Skoblo Synagogue and Education Center gehört und von der Gemeinde Kahal Adass Jisroel genutzt wird. Sie ist eine orthodox geführte und praktizierende Gemeinde. Die Mitglieder bilden ein breites Spektrum der jüdischen Strömungen ab – von traditionell über modern-orthodox und »yeshivish« bis zu unterschiedlichen chassidischen Strömungen ist bei KAJ alles vertreten.

Nur einen kurzen Fußweg entfernt wohnen und lernen Studierende der »JAcademy«. Im selben Gebäude können junge Erwachsene im Rahmen des Programms von »Olami« gemeinsam Schabbat feiern oder an anderen Veranstaltungen teilnehmen.

Lyubarsky schließt die Bürotür, eilt durch den Innenhof. Ein kurzer Gruß an die Security-Mitarbeiter am Ausgang, dann zieht er von dannen. Seine Broterwerbsarbeit ruft.

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