Interview

»Physisch geht es mir gut, psychisch ist ewas anderes«

Sacha Stawski unmittelbar nach der Farbattacke in der vergangenen Woche Foto: privat

Interview

»Physisch geht es mir gut, psychisch ist ewas anderes«

Sacha Stawski über den Angriff auf ihn und seine Kritik an Frankfurts Oberbürgermeister

von Helmut Kuhn  28.08.2025 10:11 Uhr

Herr Stawski, Sie wurden von »propalästinensischen« Aktivisten des sogenannten System Change Camp im Frankfurter Grüneburgpark angegriffen und mit Farbe attackiert. Wie geht es Ihnen jetzt?
Physisch geht es mir gut. Bis auf ein paar kleine Kratzer. Die zählen aber nicht. Psychisch ist etwas anderes. Auf der einen Seite bin ich natürlich weiter kämpferisch und werde mich jetzt erst recht engagieren. Weiter gegen Antisemitismus in all seinen Auswüchsen. Aber etwas schreckhaft bin ich trotzdem geworden, und ich gehe nicht mehr aus dem Haus, ohne vorher nach links und rechts zu gucken.

Was genau ist geschehen?
Wir haben am Rande des Parks, also noch nicht im Bereich des Veranstaltungsgeländes, das man leider genehmigt hatte, Poster der Geiseln und gegen Antisemitismus aufgehängt, die immer wieder heruntergerissen worden waren, und sind dieses Mal massiv bedrängt, an den Zaun geschubst, beschimpft und beleidigt worden. Bis hin zu dem Punkt, dass eine Frau aus dem Camp mich dann mit zwei Farbtuben mit roter Farbe eingesprüht hat. Brille, Gesicht, Kleidung, mein ganzer Mund war voll davon. Ich hatte den Demonstranten dort gerade gesagt, Krieg ist etwas Schreckliches, und wenn sie mit mir eine Schweigeminute für alle unschuldigen Opfer abhalten wollen würden, wäre ich dazu bereit. Und da kam diese Attacke dieser vermummten jungen Frau, die sogleich zurück ins Camp gerannt ist. Zwei weitere Personen wurden ebenfalls bespritzt.

Haben Polizei und Politik adäquat reagiert?
Absolut nicht. Kurz zuvor war eine angekündigte Begehung, zu der der CDU Ortsverband fraktionsübergreifend eingeladen hatte, es waren bestimmt 50 Menschen – auch aus der Nachbarschaft – dabei, die angeschrien und belagert worden sind. Es wurde ein Vater mit seinem Sohn aus der jüdischen Gemeinde, der auf der Wiese lief, so sehr angegangen von Demonstranten, dass die Polizei um Hilfe gerufen wurde, die nicht kam. Eine Frau, die belagert wurde, hat die Polizei ebenfalls vergeblich gerufen. Sie kam erst, nachdem der Anschlag auf mich stattgefunden hatte.

Sie üben scharfe Kritik an Oberbürgermeister Mike Josef (SPD). Warum?
Frankfurt hat sich immer damit geschmückt, die jüdischste Stadt in Deutschland zu sein, multikulturell, klar gegen Antisemitismus. Das ist aus meiner Sicht, wenn es um den jetzigen Oberbürgermeister geht, ein hohles Gewäsch. Als die Partnerstadt Tel Aviv einem Raketenhagel aus dem Iran ausgesetzt war, hat sich der Oberbürgermeister nicht geäußert. Vor knapp zwei Monaten wurde ein Haus im Frankfurter Gallusviertel von der »Palästi­nafront« besetzt, die es als Kommandozentrale nutzt. Das wird geduldet und unterstützt von der Stadt Frankfurt, die Eigentümer des Hauses ist. Und warum dieser Park, der einst den Rothschilds gehörte, für »System Change« mit einer antisemitischen Vorgeschichte überhaupt genehmigt wurde, ist absolut nicht nachvollziehbar. Mike Josef hat meine Nummer. Er kennt mich persönlich. Er hatte die Möglichkeit gehabt, wie die Bürgermeisterin es getan hat oder der Antisemitismusbeauftragte, mich anzurufen. Das hat er nicht getan.

Das Camp wird unter anderem von der in England als Terrororganisation eingestuften »Palestine Action« unterstützt. Warum schreitet die Politik nicht ein?
Auch extrem linke Organisationen hatten zu diesem Camp aufgerufen. Die Polizei hatte mutmaßlich – ich habe es nur von einem Camp-Teilnehmer gehört – eine Absprache getroffen, dass sie sich aus dem Camp fernhalten würde, um Randale zu vermeiden. Weiß ich das als Fakt? Nein. Sehe ich es aber bestätigt dadurch, dass zum Beispiel bei dem angekündigten Rundgang der CDU und als auch bekannt war, dass wir an dem Tag wiederkommen würden, um Plakate aufzuhängen, keinerlei Polizei direkt in unmittelbarer Nähe war? Ja, das sehe ich als Bestätigung.

Mit dem Vorsitzenden von »Honestly Concerned« sprach Helmut Kuhn.

Interview

»Kiddusch mit Empanadas«

Daniela Rusowsky über die lateinamerikanische Gemeinschaft in Berlin, Melodien aus der Heimat und die Bedeutung von Kabbalat Schabbat

von Mascha Malburg  26.07.2026

München

Diplomatie und Freundschaft

Anlässlich seines 15-jährigen Bestehens lud das israelische Generalkonsulat zu einem Festakt in den Kaisersaal der Residenz

von Luis Gruhler  26.07.2026

Porträt der Woche

Eine Stimme für Israelis

Eliran Hirsh möchte mit seinen Podcasts Landsleute weltweit vernetzen

von Lorenz Hartwig  26.07.2026

Berlin

Rabbinerkonferenz: Berliner Führerbunker jüdischer Gemeinde geben

Was wird aus dem alten Führerbunker in Berlin? Derzeit streiten Senat, Stadtplaner und Denkmalschützer um den richtigen Umgang mit der Ruine. Die Europäische Rabbinerkonferenz schaltet sich nun mit einem Vorschlag ein

 26.07.2026

Bayern

»Es ist Zeit, den Hass zu beenden«

Eine Mahnwache der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zeigte Solidarität mit dem Opfer des israelfeindlichen Verbrechens in der Region Würzburg

von Stefan W. Römmelt  25.07.2026

Alija

Darum bleibe ich

Der 7. Oktober hat unsere Autorin zu einem anderen Menschen gemacht. Und beinahe wäre sie nach Israel ausgewandert. Vieles aber hält sie hier – aus gutem Grund

von Barbara Bišický-Ehrlich  23.07.2026

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Projekt

Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Ein Dorf will mit einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Das geplante gemeinsame Gedenken an gefallene Soldaten und ermordete Juden ruft ein unterschiedliches Echo hervor

von Jens Bayer-Grimm  21.07.2026

Berlin

Jüdisch, Queer, Selbstbewusst

Der »Pride-Shabbat« des Vereins Keshet Deutschland zeigt auch in diesem Jahr wieder, dass jüdisches und queeres Leben zusammengehören

von Leon Stork  20.07.2026