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Persönlichkeiten

Erinnerung an die Dortmunder Schoa-Opfer zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz Foto: Klartext

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Eine Stadt erinnert sich an ihre jüdischen Bürger und setzt ihnen ein dokumentarisches Denkmal

 04.01.2016 17:44 Uhr

Bedenk, dass Du ein Jude bist / ein Mensch mit doppelschweren Pflichten, / das Maß, mit dem Du andere mißt, / mit dem sollst Du dich selber richten. / Nur dadurch falle auf mein Freund, / dass Du versuchst nicht aufzufallen, / dann dienst Du nicht nur Dir, wie’s scheint / o’ nein, dann dienst Du auch uns allen! / Wenn nur ein einz’ger sich vergißt / so müssen tausend für ihn leiden. / Bedenk, daß Du ein Jude bist / Geh deinen Weg stolz und bescheiden.»

Dieses Gedicht hat Helga Gronowski ihrer Freundin Hannelore Thals ins Poesiealbum geschrieben. Rhythmus und Reim eines Sinnspruches, wie er in Abermillionen Poesiealben steht. Doch der Inhalt? Die Mädchen waren damals kaum zehn Jahre alt. Und so wird dieser Eintrag zu einem Zeugnis dafür, wie aus der Werteachse verrückt die Welt im Juli 1939 war, fern aller Zivilisation, wie sie auf dem Kopf stand, dass Zehnjährige so unendlich erwachsen sein mussten.

Es ist ein Dokument, das der Autor des Gedenkbuchs Verfolgung und Vernichtung. Die Dortmunder Opfer der Shoah, Rolf Fischer, dem Kapitel «Auf der Flucht in Westeuropa» zugeordnet hat. In acht Kapiteln geht der Historiker, der diesen aufwendigen Band im Auftrag der Stadt Dortmund zusammengestellt hat, chronologisch durch die Ereignisse, beginnend mit der Verfolgung der Dortmunder Juden, gefolgt von der dadurch provozierten Flucht und Abschiebung bis hin zu den Deportationen nach Riga, Zamosc, Theresienstadt und schließlich nach Auschwitz.

Zeitzeugendokumente Immer werden die historischen Fakten vorangestellt und von den Erzählungen, sozusagen den Zeitzeugendokumenten, verdeutlicht, verdichtet, ja wahrhaftig gemacht. Sechs Lebensläufe von 1965 ermordeten Dortmunder Juden bilden sich da besonders heraus. Einer von ihnen, der Auschwitz überlebte, war Hans Frankenthal. Im sauerländischen Schmallenberg geboren, wurde er auf dem Todesmarsch befreit und überlebte die Torturen, die er in seinen Lebenserinnerungen beschrieb und die hier in Auszügen für den Zeitraum der beginnenden Auflösung der Konzentrationslager vor den herannahenden Truppen abgedruckt sind.

Fischer setzt aber auch Hertha Hoffman, einer anscheinend sehr emanzipierten, politisch links stehenden Unternehmerin, ein Denkmal. Ereignisse werden immer mit einem Namen und persönlichen Berichten verbunden, wie etwa von Hans Herzberg, der vom Novemberpogrom 1938 berichtet. Oder Jeanette Wolff, die beschreibt, wie ihr bei der Deportation die Personalpapiere abgenommen wurden: «Unsere Persönlichkeit war erloschen.» Nur sie und ihre Tochter Edith überlebten die Deportation und das Lager Riga.

Die Namensliste der Umgekommenen, Ermordeten oder jener, deren Schicksal unbekannt blieb, ist lang. Von Abraham Abraham bis Erna Zydower, verstorben am 2. Januar 1943 in Theresienstadt.

Typografie «Dieses Buch ist der Erinnerung an die Dortmunder Opfer der Shoah gewidmet und dem Wissen um das Unerhörte, das ihnen widerfuhr», heißt es in der Einleitung. Es ist vor allem ein mit großer Sorgfalt und sehr feiner Typografie zusammengestellter stilvoller Prachtband zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz, der im vorigen Jahr begangen wurde.

Mindestens 1965 Dortmunder Juden fielen der Gewaltherrschaft zum Opfer. Fischer erzählt beispielhaft ihre Schicksale. Fotos aus dem Familienalben, ihrer Geschäfte und Kaufhäuser, Dokumente und Lagerausweise ihrer jeweiligen Aufenthaltsorte bebildern die Erklärtexte – ein beeindruckendes Buch. hso

Rolf Fischer, Stadt Dortmund (Hrsg.): «Verfolgung und Vernichtung. Die Dortmunder Opfer der Shoah». Klartext, Essen 2015, 400 S., zahlr. Abb., 39,95 €

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