Buchvorstellung

Parallelen zum BDS-Boykott von heute

Autor Andreas E. Mach Foto: ALPHAZIRKEL/Max von Eicken


Das Foto von Michael Siegel vom 10. März 1933 ging um die Welt. Es zeigt den Rechtsanwalt mit abgeschnittenen Hosenbeinen, barfüßig, wie er von SS-Truppen durch die Münchner Innenstadt zum Karlsplatz getrieben wird. Zuvor hatte die Polizei ihn schwer misshandelt. Für seinen Mandanten Max Uhlfelder, Inhaber des Kaufhauses Uhlfelder am Oberanger, hatte Siegel an der Hauptwache Anzeige erstatten wollen; NS-Truppen hatten das Kaufhaus nämlich attackiert und beschädigt. Festgehalten wird auf dem Bild ein Kipppunkt für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland: Recht und Gesetz waren ausgeschaltet, die Zeit der Verfolgung und Gewalt begann.

Auch auf dem aktuellen Buch von Andreas E. Mach ist dieses Foto abgebildet. Es trägt den Titel »Jüdische Familienunternehmer in Hitlers München«. Zur Vorstellung des Buches im Hubert-Burda-Saal des Jüdischen Gemeindezentrums hatten Machs Unternehmensnetzwerk »Alphazirkel« und der Allitera Verlag eingeladen. IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch sagte zur Veröffentlichung: »Es ist heutzutage nicht leicht, so ein Buch herauszubringen. Ich hoffe, dass es zahlreiche Leser in den Bildungseinrichtungen finden wird.«

Knobloch erinnerte daran, welche Bedeutung die Beschäftigung mit dem Boykott von jüdischen Unternehmen heute hat: »Man muss die Boykottaufrufe gegen israelische Unternehmen kritisch zur Kenntnis nehmen, die heute von der weltweit aktiven Kampagne BDS auch hierzulande verbreitet werden.«

Historischer Rückblick

Der Antisemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung Ludwig Spaenle erinnerte in einem historischen Rückblick an die Entwicklung des jüdischen Unternehmertums in Bayern und München. »Mit dem Bayerischen Judenedikt 1813 begann ein Prozess, den man als einen Anfang von Gleichstellung bezeichnen könnte. Jüdische Unternehmen trugen wesentlich zur Erfolgsgeschichte im Kaiserreich bei.«

Von der nationalsozialistischen Verfolgung wurde all dies zunichtegemacht. In einem Vortrag über den Antisemitismus heute und das jüdische Unternehmertum in München von damals erklärte Andreas E. Mach es für einen Grundirrtum der Geschichtswissenschaft, den Holocaust nur als ein weiteres historisches Ereignis und nicht als eine unbegreifliche Katastrophe aufzufassen.

Mach präsentierte dem Publikum einen Kurzpodcast, in dem er mit Bea Green, der Tochter von Michael Siegel, sprach. Wie Mach erklärte, habe ihn auch das Buch Narwalzahn und Alte Meister von Konrad Bernheimer aus der Münchner Kunsthandelsdynastie Bernheimer für seine eigene Arbeit motiviert.

Bernheimer selbst bezeichnete in seinem Beitrag an dem Abend Machs Buch als »außerordentlich wichtig« und erklärte, auch für ihn sei Neues zu erfahren gewesen. Ein anerkennendes Schlusswort sprach Prinz Ludwig von Bayern und fügte hinzu, durch das Erinnern an die vergangene Entrechtung könne und müsse »Empörung und Aufregung richtig kanalisiert« werden. Luis Gruhler

Andreas E. Mach: »Entrechtet, beraubt, verfolgt, ermordet. Jüdische Familienunternehmer in Hitlers München«. Allitera, München 2024, 476 S., 34 €

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