München

»›Nie wieder‹ reicht nicht«

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch in der KZ-Gedenkstätte Dachau Foto: Marina Maisel

Wir stehen an der Schwelle zu der Zeit ohne Zeitzeugen, ohne Erlebnisgeneration. Mit den Zeitzeugen verliert die Welt den unmittelbaren Bezug zur Vergangenheit. Nur sie konnten und können das Unbegreifliche am einzelnen Schicksal, am eigenen Schicksal, mit dem Gewicht der Erfahrung annähernd zur Sprache bringen. Das wird unwiederbringlich verloren gehen und eine Lücke hinterlassen, die durch nichts und niemanden zu füllen ist.

Das stellt die Generation der Nachgeborenen, die Erkenntnisgeneration, vor die gewaltige Aufgabe, unsere gewachsene Kultur des Gedenkens und der Erinnerung an das singuläre Menschheitsverbrechen klug und nachhaltig weiterzuentwickeln. Die Heutigen müssen die Botschaft der Überlebenden beherzigen und bewahren und sich ihrer Verantwortung bewusst sein – im Gedenken an die Opfer und in der Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft unserer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft.

Bewusstsein Auf politischer Ebene wird die Bundesrepublik Deutschland ihrer besonderen erinnerungskulturellen Verantwortung ge­recht. Das kommt nicht nur in den auf vielen verschiedenen Ebenen institutionalisierten und wichtigen Ritualen des Gedenkens zum Ausdruck, sondern spiegelt sich etwa auch in dem jüngsten Bundestagsbeschluss »Antisemitismus entschlossen bekämpfen«, der die besondere Verantwortung Deutschlands betont. Dennoch belegen sowohl die gesellschaftlichen Entwicklungen der jüngeren Zeit als auch mehrere Untersuchungen, dass das Geschichtsbewusstsein hierzulande nicht in ausreichendem Maße ausgebildet wird.

Anders kann ich es mir nicht erklären, dass eine sich offen rechtsradikal und rassistisch gerierende, völkisch-nationalistische Kraft, die geschichtsklitternde Antisemiten und Leugner des Holocaust in ihren Reihen nicht nur duldet, sondern hält, zur drittstärksten Partei in unserem Land werden konnte. Ihre Zustimmung zum oben erwähnten Bundestagsbeschluss ist nichts als Augenwischerei und der schäbige Versuch, die berechtigten Ängste der jüdischen Gemeinschaft für die eigene rassistische Islamfeindlichkeit zu instrumentalisieren.

Anders kann ich es mir nicht erklären, dass Antisemitismus hierzulande wieder ein Ausmaß angenommen hat, das die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland ernsthaft gefährdet. Das Phänomen breitet sich seit Jahren im rechtsextremen ebenso wie im linken Spektrum aus und ist auch in der Mitte der Gesellschaft tief verwurzelt. Hinzu kommt der regelrechte Judenhass, der unter hier lebenden Muslimen herrscht und aus dem arabischen und muslimischen Ausland bestärkt wird. Der Blick nach Schweden oder Frankreich zeigt uns eine Unheil verkündende Warnung.

Anders kann ich es mir nicht erklären, dass Umfragen zufolge knapp die Hälfte der Schüler ab 14 Jahren nicht weiß, wofür der Begriff »Auschwitz-Birkenau« steht. 81 Prozent der Deutschen geben an, die Geschichte der Judenverfolgung »hinter sich lassen« zu wollen.

Missstände Die Gleichgültigkeit in nennenswerten Teilen der Bevölkerung angesichts dieser Missstände und Fehlentwicklungen treibt mich um. Über viele Jahre glaubte ich, eine stete Verbesserung zu beobachten. Sogar eine »Normalität« im jüdisch-nichtjüdischen Miteinander schien in greifbare Nähe zu rücken. Derzeit ist sie wieder in weiter Ferne. Die Gleichgültigkeit war in den 30er- und 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts verheerend. Unsere demokratischen Gesellschaften dürfen sie sich in keiner Weise erlauben.

Gedenken und Erinnern dürfen niemals nur Selbstzweck sein, leere Symbolik, bloße Routine. Erinnern muss Erkenntnisse zutage fördern und konkrete Denk- und Handlungsprämissen zur Folge haben – alles andere ist nutzlos. Unsere freiheitliche, als eine wehrhafte konstituierte Demokratie basiert auf den Lehren aus der Geschichte.

Die Verantwortlichen in Politik und vielen Bereichen der Gesellschaft haben das verinnerlicht. Aber in weiten Teilen der Gesellschaft ist das Bewusstsein für die aus der Vergangenheit resultierende Verantwortung nicht mehr vorhanden – oder sie wird schlicht abgelehnt.

Integration Aus diesem Grund fordere ich eine gründliche Evaluierung der bestehen den Lehrpläne, eine gründliche Evaluierung der erinnerungskulturellen Maßnahmen, der Module in der politischen Bildung und nicht zuletzt der Integrationskurse. Denn jeder, der in Deutschland lebt, muss wissen, dass er in einem Land mit besonderer Vergangenheit lebt und in einer besonderen Verantwortung steht. Das gilt gleichermaßen für Einheimische wie diejenigen, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind und in Deutschland eine Heimat finden wollen.

Nachhaltiges, kluges Erinnern schlägt eine Brücke in die Gegenwart und geht zudem mit Erkenntnissen einher, mit klaren Grundsätzen für unser Denken und Handeln im Heute. Wer sich nicht erinnern will, wer nicht bereit ist, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, läuft Gefahr, die Fehler von einst zu wiederholen – mit aller zerstörerischen Wirkung für Menschenleben, Freiheit und Demokratie.

Die Autorin des Meinungsbeitrags ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Erfurt

Jüdisch-Israelische Kulturtage in Thüringen eröffnet

Die diesjährigen Jüdisch-Israelischen Kulturtage bringen israelische Kultur nach Thüringen und setzen mit Konzerten, Lesungen und Debatten ein Zeichen gegen Antisemitismus. Die Eröffnung stand im Zeichen der aktuellen Kämpfe im Nahen Osten

 06.03.2026

Forschungsprojekt

Hochschule für Jüdische Studien will Schüler handlungsfähig machen

Antisemitischer Hass ist im Netz allgegenwärtig. Ein neues Projekt erforscht jetzt linken Judenhass - und befähigt Schüler, der Hetze entgegenzutreten. Entscheidend dabei: Medienkompetenz und historisches Wissen

von Volker Hasenauer  06.03.2026

Hamburg

Jüdische Zukunft an der Elbe

Debattieren, begegnen und einander stärken: Mehr als 400 junge Erwachsene setzten beim Jugendkongress ein Zeichen

von Joshua Schultheis, Mascha Malburg, Moritz Piehler  05.03.2026

Berlin

Jüdisches Krankenhaus sucht weiter nach neuem Träger

Das insolvente Jüdische Krankenhaus Berlin soll zunächst weiter in Eigenverwaltung saniert werden. Der Krankenhausbetrieb wird in dieser Zeit in vollem Umfang aufrechterhalten

 05.03.2026

Reaktionen

Zwischen Sorge und Hoffnung

Jüdinnen und Juden mit iranischen Wurzeln verfolgen intensiv die Nachrichten – sie bangen mit den Israelis und hoffen, eines Tages wieder in den Iran reisen zu können. Wir haben uns umgehört

von Katrin Richter, Christine Schmitt  04.03.2026

Thüringen

Doppelkonzert eröffnet Jüdisch-Israelische Kulturtage

Nach stornierten Flügen gelingt dem israelischen Sharon-Mansur-Trio aus Haifa doch noch die Anreise nach Deutschland. Jetzt starten die Jüdisch-Israelischen Kulturtage Thüringen gemeinsam mit israelischen und iranischen Künstlern

 04.03.2026

Daniel Grossmann

»Wir bleiben sichtbar«

Der Münchener Dirigent erhält die Wilhelm-Hausenstein-Ehrung

von Esther Martel  04.03.2026

München

Verbunden aus Überzeugung

Die IKG ehrte Personen, die sich für die jüdische Gemeinschaft einsetzen

von Esther Martel  04.03.2026

Bedrohung

»Abstrakte Gefährdungslage«

Wegen des Kriegs im Nahen Osten sind die jüdischen Gemeinden in Deutschland alarmiert. Zugleich geht der Zentralrat davon aus, dass der Kampf gegen die Mullahs langfristig Sicherheit schafft

von Helmut Kuhn  04.03.2026