22. Juni

Nicht nach Nationalitäten teilen

Überlebte die Schoa: Arkadij Chasin Foto: Marko Priske/EVZ

Die Umgebung ist ungewöhnlich für eine Buchvorstellung. Es ist Mitte Juni, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion jährt sich zum 75. Mal. Schauspieler Ludwig Trepte (Unsere Mütter, unsere Väter) liest aus den Erinnerungen Arkadij Chasins, der die Schoa überlebt hat. Während die Zuhörer sich ein kühles Bier schmecken lassen, zieht vor den Fenstern der »MS Spreekrone« das Berliner Regierungsviertel vorbei. Vielleicht ist das Ambiente aber gar nicht so merkwürdig, wie es den Anschein hat.

Denn der 1930 in Odessa in einer jüdischen Familie geborene Chasin ist mit seinen 86 Jahren weit mehr als nur ehemaliger Insasse eines Konzentrationslagers. Arkadij Chasin war, wie er es selbst formuliert, »von der nationalsozialistischen Rassenideologie zum Tode verurteilt, ohne als Elfjähriger irgendein Verbrechen begangen zu haben«. Den größten Teil seines Lebens jedoch ist er zur See gefahren, hat die Welt kennengelernt. Heute, als Rentner, lebt er im Land des ehemaligen Kriegsgegners, in Deutschland. »Im tolerantesten Land der Welt«, wie er es zum Erstaunen so mancher Zuhörer nennt.

Sein Buch Rückkehr aus Golgatha behandelt ein, wie Uwe Neumärker von der Stiftung »Denkmal für die ermordeten Juden Europas« es formuliert, »immer noch unbekanntes Kapitel des Holocaust«: die unter der Besatzung des mit Deutschland verbündeten Rumänien in Transnistrien errichteten Ghettos, Lager und Arbeitskolonien in über 175 Ortschaften, in denen bis zu 295.000 Juden ums Leben kamen. Dass der junge Arkadij mit Mutter und Schwester in einem dieser Lager landet, ist vielleicht auch Resultat des gutgläubigen Vertrauens seines Vaters in die Deutschen, die dieser durch langjährige Freundschaft zu zwei Odessiter Ärzten deutscher Herkunft als Kulturnation zu kennen glaubt. Berichte über Gräueltaten der Besatzer tut der Vater, ein Gegner Stalins, als bolschewistische Propaganda ab.

Odessa Und so verpasst er, der aufgrund eines Autounfalls vor dem Krieg ein Bein verloren hatte und nicht zur Armee musste, für sich und seine Familie die Möglichkeit zur Flucht vor den Angreifern. Während der Vater im Ghetto von Odessa stirbt, überleben Arkadij, seine Mutter und Schwester die Grauen der Lager. Befreit werden sie von der Roten Armee, ein Umstand, auf den Chasin heute großen Wert legt: »Ich werde immer der Roten Armee dankbar sein, die uns befreite, und nicht nur mich, sondern viele Juden in Auschwitz, Majdanek, in diesen schrecklichen Lagern.«

Chasin hat später in dieser Armee gedient, und mit ihm »Ukrainer, Russen, Armenier, Georgier, Juden, Letten, Litauer, Usbeken«. Sie alle, so Chasin, »waren sowjetische Soldaten, und sie waren alle befreundet«. Dass in der Erinnerungspolitik an den Zweiten Weltkrieg heutzutage ein tiefer Graben zwischen Russland und der Ukraine verläuft, sieht Chasin als »Tragödie« für beide Länder an: »Am 22. Juni 1941 war die Sowjetunion einig. Die Ukraine war eine Sozialistische Sowjetrepublik, wie auch Russland. Das ganze Volk, unabhängig von der Nationalität, stand auf zur Verteidigung seines Landes, seines Hauses, seiner Kinder, Frauen und Mütter.«

Antisemitismus Die Sowjetunion, deren historisches Erbe Chasin gegen moderne Deutungen verteidigt, hat es ihm dabei selbst nicht immer einfach gemacht. Antisemitismus war bekanntermaßen auch unter Stalin ein Problem, und selbst unter Chruschtschow und Breschnew war es immer wieder Chasins jüdische Herkunft, die sich als Hindernis erwies, etwa bezüglich seiner Karriere bei der Schwarzmeerschifffahrtsgesellschaft. 1956, Chasin hatte gerade das ersehnte Auslandsvisum erhalten, wurde ihm infolge der Suezkrise eröffnet, er dürfe im ägyptischen Alexandria nicht an Land gehen, da »die Araber« ihn töten könnten: »Sie hassen Israel, und Sie sind Jude.«

Dass Chasin laut Seemannsausweis Bürger der UdSSR war, spielte plötzlich keine Rolle mehr. Und während er sich bereits als Schiffsmechaniker seinem Hobby, dem Schreiben, widmete und sowjetische Zeitungen seine Reiseberichte aus fernen Ländern druckten, musste er erst bis zu Gorbatschows Perestroika warten, um seine Kriegserinnerungen an die Zeit im Lager in seiner Heimat veröffentlichen zu können.

Sprache Ost-Berlin hatte Arkadij Chasin bereits vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion bei seinen Dienstreisen kennengelernt, 2002 führte eine schwere Krankheit ihn dann erneut nach Deutschland, wo er sich operieren ließ. Es war Chasins Ehefrau, der das Land gefiel und die ihn drängte, zu bleiben. Er selbst habe seinerzeit sehr schlecht über Deutschland gedacht: »Die deutsche Sprache tat mir im Ohr weh.« Inzwischen hat Chasin Deutschland und seine Menschen kennengelernt und seine Meinung geändert: »Ich habe Hitlers Invasion durchgemacht und weiß, wie die Deutschen, die von Hitlers Propaganda vergiftet waren, hinsichtlich anderer Nationalitäten eingestellt waren, von Juden ganz zu schweigen. Im heutigen Deutschland sagt man nichts dergleichen und macht alles genau andersherum.«

Die multikulturelle Vielfalt ist es, die Deutschland für Chasin zum tolerantesten Land der Welt macht – auch wenn sie ihm manchmal selbst ein wenig weit geht. Denn in der Frage der Flüchtlingspolitik ist er selbst »skeptisch« angesichts eigener Erfahrungen in muslimischen Ländern.

Aber eigentlich sieht Chasin sich sowieso als »Internationalist« und ist gegen die Aufteilung von Menschen nach Nationen und Religionen. Er will sich nicht als Ukrainer, Russe oder Jude identifizieren, sondern »einfach als Mensch«. »Wenn man die Menschen nach Nationalitäten teilt, kommt es zur Katastrophe – wie im Zweiten Weltkrieg«, das ist für ihn, der den Krieg miterlebt hat, seine Lehre. »So muss man leben«, sagt Chasin und deutet aus dem Fenster auf das vorbeiziehende Berlin: »Häuser bauen, Städte, Kinder bekommen, Spaß haben, nicht aufeinander schießen.«

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