Porträt

Mit viel Gespür

»Ich bin ganz selbstverständlich jüdisch aufgewachsen«: Franklin Oberlaender (65) aus Berlin Foto: Stephan Pramme

Porträt

Mit viel Gespür

Franklin Oberlaender ist Familientherapeut, liebt Bücher und das Genre »Film Noir«

von Alicia Rust  08.03.2026 08:12 Uhr

Dass aus mir mal ein psychologischer Gutachter und ein systemischer Familientherapeut werden würde, ist eher einem Zufall und einer Erkenntnis zu verdanken. Ursprünglich habe ich in Frankfurt Volkswirtschaft und Soziologie studiert und in Soziologie über christliche »Nichtarier« promoviert. Irgendwann reifte aber die Erkenntnis, dass man mit einem derartigen Studium bestenfalls Taxifahrer werden könnte. Nichts gegen Taxifahrer, doch das Fach Psychologie interessierte mich dann doch mehr, vor allem erschien es mir praxisnah. Deshalb wechselte ich im Alter von 26 Jahren nach Berlin.

In dieser »Inselstadt« begann ich 1987, Psychologie und Medizinwissenschaft zu studieren, mit dem Schwerpunkt Sozialpsychologie. Schon zuvor hatte ich mich der Biografieforschung gewidmet. Meinen ersten »richtigen Job« trat ich als klinischer Stationspsychologe auf einer Entgiftungsstation für alkoholkranke Menschen an. Das war sehr interessant. Dort blieb ich insgesamt 14 Jahre. Zunächst bei der Entgiftung, später bei der Entwöhnungstherapie. Hier galt es, den Ursachen einer Abhängigkeitserkrankung auf den Grund zu gehen.

Aufgewachsen bin ich in Frankfurt am Main. Da meine Eltern damals recht viel arbeiteten – mein Vater war Geschäftsmann, meine Mutter Schauspielerin – und ich das jüngste Kind war, zog irgendwann meine Großmutter aus den USA zu uns nach Deutschland, um sich um mich zu kümmern. Auch meine Großmutter mütterlicherseits war immer für mich da, ich war also gewissermaßen ein Oma-Kind.

Ich war gewissermaßen ein Oma-Kind.

Der Mutter meines Vaters, die ich zu Beginn »Omamerika« nannte, fiel es nicht leicht, ins »Land der Täter« zurückzukehren, doch sie hatte eine enge Verbindung zu meinem Vater und wollte mich als ihren jüngsten Enkel besser kennenlernen. Meine Cousinen und Cousins in den USA, die alle im Großraum Los Angeles lebten, waren um einiges älter als ich. Als jüngster Spross der Familie wurde ich von meiner Großmutter verwöhnt.

Mein Vater, Jahrgang 1920, war bereits vor meiner Geburt aus Chicago nach Frankfurt zurückgezogen. In den USA hatte er einer Reformgemeinde angehört, die jüdische Gemeinde in Frankfurt war in der Zwischenzeit aber orthodox geworden. Als er dort seine Barmizwa gemacht hatte, vor dem Krieg, war sie liberal gewesen, erst nach der Schoa wurde sie als einzige nicht zerstörte Synagoge in Frankfurt orthodox.

Wie kann man als
rationaler Psychologe auch glauben?

Geboren wurde er in Fürth, wo ein Großteil der Oberlaenders ursprünglich herkam. Zum Glück war es diesem Zweig der Familie 1934 noch gelungen, den Nationalsozialisten zu entkommen. Meine Großmutter gelangte dank persönlicher Kontakte mit ihren Kindern zunächst nach England, bevor es schließlich in die USA ging. Ihr ältester Sohn, mein Onkel, wohnte bereits in Chicago. Meine Großmutter kam ursprünglich aus Bentschen im Großraum Posen in Polen. Ein Großteil ihrer Familie ist dort den Nationalsozialisten zum Opfer gefallen.

Mit uns sprach sie zu Hause immer etwas Jiddisch, vermischt mit amerikanischen Begriffen und Deutsch. Wir hätten uns aber auch ohne große Worte verständigen können. Mein Großvater, der von 1934 bis 1937 in London lebte, hatte seinen Bruder 1937 in Amsterdam besucht und starb dort leider.

Mit uns sprach sie zu Hause immer etwas Jiddisch, vermischt mit amerikanischen Begriffen und Deutsch

Vor dem Antritt der Nationalsozialisten hatte er gemeinsam mit seinem Bruder eine Bettenfabrik in Frankfurt betrieben und patentierte Personenwaagen für die Deutsche Reichsbahn hergestellt – jene Automaten, die in fast allen größeren Bahnhöfen standen und nach dem Abwiegen ein der Fahrkarte ähnliches Kärtchen aus Karton mit dem Gewicht ausdruckten. Die Bettenfabrik wurde schließlich »arisiert«. Mein Vater war der jüngste von drei Söhnen. Er hatte als Letzter der Familie Frankfurt verlassen, er wollte noch sein Schuljahr beenden.

Ich bin ganz selbstverständlich jüdisch aufgewachsen. Zu jener Zeit war ich in unserer Schule, der Musterschule in Frankfurt, einer von insgesamt sechs jüdischen Schülern. Das wurde nicht groß thematisiert. Nur einmal, am 5. September 1972, ich war elf Jahre alt, hieß es, dass die jüdischen Schüler wegen des Anschlags der palästinensischen Terrororganisation auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Sommerspielen nach Hause gehen durften. Das war ein komisches Gefühl, denn ich war mir gar nicht sicher, ob ich gehen wollte, doch ich ging. Mein hebräischer Name ist Aharon, nach dem Neffen meiner Großmutter benannt, der in Auschwitz ermordet wurde.

West-Berlin erschien mir, im Gegensatz zu Westdeutschland, auch ein wenig verstaubt

Mit dem Umzug nach Berlin begann ein neuer Lebensabschnitt für mich. Es war besonders, bis 1989 dieses »Inselgefühl« zu erleben. Da ich ein großer Fan des Genres »Film Noir« bin, hatte ich ständig das Gefühl, mich in einer Art Spionagefilm zu bewegen. West-Berlin erschien mir, im Gegensatz zu Westdeutschland, auch ein wenig verstaubt. Ein Gefühl, als ob man um zwei Jahrzehnte zurückversetzt würde.

Ich kam in Kontakt mit einer linken Gruppe, wie zuvor in Frankfurt. Nun bewegte ich mich in der jüdischen Gruppe, der auch Dan Diner und Micha Brumlik angehörten. Bald lernte ich meine erste Frau kennen, später wurde unsere Tochter geboren, in New York, wo wir uns für einige Monate aufhielten. Alle meine Töchter – ich habe eine leibliche und zwei Stieftöchter – haben ihre Batmizwa gemacht. Eine der Stieftöchter lebt heute in Israel.

Mir ist das Einhalten von Ritualen wichtig – jeden Freitag feiern wir Schabbat.

Als familienpsychologischer Gutachter bin ich häufig unterwegs. Diese Tätigkeit übe ich schon seit 20 Jahren aus, dabei werde ich ausschließlich von Gerichten eingesetzt. Bei der Umgangsbeobachtung zu Hause bei den Familien bin ich bei normalen, alltäglichen Situationen anwesend. Wenn ich in eine persönliche Umgebung komme, habe ich schnell ein Gespür dafür, ob mir etwas vorgespielt wird oder ob die Situation echt ist.
In den vergangenen Jahren hat sich mein Berufsfeld verändert. Es gibt immer mehr Menschen mit einem migrantischen Hintergrund, die natürlich eine andere Art von Sozialisierung haben, das muss mit berücksichtigt werden. Die Frage ist, welchen Standard möchte man an die Kultur anlegen? Wollen die Menschen hierbleiben und sich an die hiesigen Normen anpassen, oder kehren sie eines Tages wieder in ihre Herkunftsländer zurück? Das macht den Beruf eines Familiengutachters mitunter so komplex wie spannend.

Was die Musik betrifft, mag ich Jazz sehr, genau wie klassische Musik.

Außer für meine Familie und meinen Beruf interessiere ich mich für Filme und Bücher. Ich habe selbst einige geschrieben. Etwa über die Problematik katholischer Deutscher jüdischer Herkunft, dargestellt am Fallbeispiel des Pfarrers Friedrich Fuchs, neben anderen Publikationen. Was die Musik betrifft, mag ich Jazz sehr, genau wie klassische Musik. Und mir ist das Einhalten von Ritualen wichtig. Jeden Freitag feiern wir selbstverständlich den Schabbat.

Wir reisen gern und häufig in die USA, ein Teil meiner Familie lebt dort. Insgesamt erscheinen mir viele Menschen in Amerika eher unpolitisch. Natürlich hat sich die Stimmung in den Staaten komplett verändert, auch unsere Familie ist gesplittet. Ein Teil meiner Cousinen und Cousins ist für die Demokraten, einige für die Republikaner.

Wir leben in einer Zeit, in der weltweit die Extreme zunehmen, auch in Deutschland. Der Antisemitismus ist wieder erstarkt, und die AfD befindet sich auf dem Vormarsch. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die Demokratie in Deutschland noch gar nicht so gefestigt war. Wie viele Menschen haben einen Nazi-Opa oder einen kommunistischen Großvater? Wie alt muss eine Demokratie sein, damit sie wirklich gefestigt ist?

Ich hadere mit Gott, aber ich befasse mich damit

Natürlich führt dies zu der Überlegung, wohin man – insbesondere als Jude – wohl ausweichen würde. Abgesehen von Ländern wie den USA, wo das Wirtschaftssystem als das Einzige gilt, das wirklich stabilisierend wirkt, habe ich noch keine Antwort gefunden. Doch sollte sich die Befürchtung bestätigen, dass sich dort künftig ein völlig anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem entwickeln könnte, dann wäre das jüdische Leben überall auf der Welt nicht länger sicher.
Wie man als rationaler und auf Fakten ausgerichteter klinischer Psychologe auch glauben kann? Zunächst einmal ist Gott kein spezifisch jüdischer Begriff. Aber wenn er »Sein« bedeutet, dann würde ich sagen, das trifft doch zu. Denn am Anfang wie am Ende läuft alles auf das »Sein« hinaus. Das umschreibt recht anschaulich, was man nicht aussprechen soll. Andere mögen das konkret benennen und glauben, was sie wollen, aber mich hat diese Erklärung überzeugt. Ich hadere mit Gott, aber ich befasse mich damit.

Aufgezeichnet von Alicia Rust

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